Wishy - Nature's pill
Winspear / Cargo
VÖ: 02.10.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Even better than the real thing
Als "anemoia" bezeichnet man eine Form von Nostalgie, die sich auf vergangene Zeiten bezieht, die man selbst überhaupt nicht miterlebt hat. Gerade in der Gen Z ist dieses Phänomen präsent, wenn etwa das durch "Stranger things" und Co. befeuerte Achtziger-Revival zu nicht unerheblichen Teilen von Leuten gelebt wird, die damals nicht einmal geboren waren. Auch Wishy beschwören frühere Musikdekaden herauf, obwohl die Band die Neunziger höchstens als Kleinkinder mitbekommen haben dürfte. Indie-Rock, College-Rock, Shoegaze, Dreampop, ein bisschen Grunge – beim Fünfer aus Indianapolis kommt alles zusammen, was im mitreißenden Gitarrenrausch diffuse Sehnsüchte aus den Verstärkern pult. Etwas mehr Twee- und Jangle-Pop gibt es auf dem zweiten Album "Nature's pill", das ansonsten den Stil des Debüts "Triple seven" nahtlos fortsetzt. Kevin Krauter und Nina Pitchkites teilen sich weiterhin Gesang und Songwriting auf – wobei ersterer dominiert – und schleudern sich mit ihren Mitstreitern die Hooks um die Ohren. Im Zentrum stehen dabei romantische Frustration und andere emotionale Tumulte, die ganz im "anemoia"-Geiste jedoch nicht auf Autobiografisches zurückzuführen sind, sondern universelle Erfahrungen beschreiben.
Dass sich die Songs von ihren Themen nicht runterziehen lassen, zeigt gleich das eröffnende "All the rage". "So fuck doing the dishes / Fuck these clothes on my floor / I don't care anymore now that you're gone", heißt es da inmitten einer stürmischen Euphoriebombe, welche die Dynamik zwischen den beiden Stimmen wunderbar herausstellt. Das von Pitchkites allein vorgetragene "Covergirl" taucht dahingegen ganz in Shoegaze-Tiefen ab und lässt gerade im stahlblau durchfluteten Refrain die Herzen von My-Bloody-Valentine-Fans höherschlagen. Wenn direkt im Anschluss "Sensational" mit Percussion und einem ganz dezenten Nu-Metal-Vibe experimentiert, beweisen Wishy ihr Gespür dafür, stilistische Wagnisse ohne ästhetische Brüche einzugehen. Leichtigkeit und jugendlicher Überschwang prägen ihre Musik, die trotz der konstanten guten Laune nicht einmal ins Alberne driftet, wenn "Headscratcher" aus irgendeinem Grund mit einem "Daddy daddy dum dum"-Singsang endet. Aus dieser emotionalen Ernsthaftigkeit heraus kann auch eine wunderschöne Perle wie "Lovesick" entstehen, welche die Saiten besonders hell funkeln lässt und in knapp dreieinhalb Minuten die Gefühle eines ganzen Coming-of-Age-Films transportiert.
Über die gesamte Albumlänge hinweg balancieren Wishy druckvolle, verträumtere und poppige Momente bestens aus. Das in zwei Minuten auf den Punkt geknallte "You're not serious" geht direkt in das schwelgerische, Akustikgitarren-gestützte "Mona Lisa" über, das sein wortloses Schlussmantra am liebsten endlos fortsetzen würde. "Shift" endet mit einer Sprachnachricht von Pitchkites' Großmutter, ehe "Blitz" auch im Bass-geprägten Post-Punk eine gute Figur abgibt. Einzig "Kiss kiss kiss" irritiert zu Beginn mit seinem Drumcomputer und Vocoder, offenbart nach einiger Zeit jedoch auch seine spezielle Schönheit – ähnlich wie "Freak 99", das knarzige Spoken-Word-Strophen in einem weitflächigeren Chorus plattrollt. Das finale "Party world" hat in seinem herbstlichen Doppelgitarren-Zusammenspiel phasenweise etwas von den späten Sonic Youth, setzt dazwischen aber lieber auf Emo-Ausbrüche und fährt zum Abschluss gar ein paar Konservenstreicher auf. Auf hohem Niveau mag Wishy noch etwas die Eigenständigkeit abgehen, doch wer jetzt schon zwei Platten voller sympathischer Hits auf dem Tacho hat, darf sich für die künstlerische Selbstfindung ruhig noch Zeit lassen. Diese "Nature's pill" ist kein homöopathischer Humbug, sondern der ideale Soundtrack fürs Schwelgen in falschen Erinnerungen.
Highlights
- All the rage
- Covergirl
- Lovesick
- Party world
Tracklist
- All the rage
- Covergirl
- Sensational
- Shift
- You're not serious
- Mona Lisa
- Lovesick
- Freak 99
- Headscratcher
- Blitz
- Kiss kiss kiss
- Party world
Gesamtspielzeit: 42:12 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Gordon Fraser Postings: 3091 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-10-09 14:00:35 Uhr
Was Gallants22 sagt. So verspielt und gleichzeitig fokussiert, ich liebe das. Erinnert mich an frühe RBCF. |
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jo Postings: 7959 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-10-09 09:38:04 Uhr
Zusammen mit dem neuen Slow Pulp-Album ein ganz starkes Team. |
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Gallants22 Postings: 3110 Registriert seit 22.01.2025 |
2026-10-09 09:18:59 Uhr
Läuft mittlerweile täglich bei mir. Und genau das Album um dem bevorstehenden Herbstblues mit guter Laune entgegenzuwirken. All Killers No Fillers. Für mich ein Anwärter für das AdJ. Bin mittlerweile bei einer 9/10. |
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jo Postings: 7959 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-10-07 11:17:44 Uhr
Einfach ne Band, die sehr viel Spaß macht. Bisher nur tolle Releases. |
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Vive Postings: 1668 Registriert seit 26.11.2019 |
2026-10-02 21:53:09 Uhr
hat auch total was von smashing pumpkins, catherine, silversun pickups |
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Referenzen
Hoops; Push Pop; Alvvays; Slow Pulp; Dehd; Momma; Bar Italia; Hatchie; Soccer Mommy; Snail Mail; Horsegirl; Blondshell; Pixies; Jimmy Eat World; Pavement; DIIV; Hotline TNT; Shower Curtain; The Pains Of Being Pure At Heart; Spirit Of The Beehive; Yuck; Feeble Little Horse; Taffy; Witch Post; Jay Som; Japanese Breakfast; Ratboys; Wednesday; Water From Your Eyes; Pale Saints; My Bloody Valentine; Slowdive; Minor Victories; Cocteau Twins; Sonic Youth
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