Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Protomartyr - Hotel Usona

Protomartyr- Hotel Usona

Domino / GoodToGo
VÖ: 25.09.2026

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Ersten werden die Ersten sein

Was ist denn eigentlich ein "Protomartyr"? Die (vermutlich wenigen) Theologen unter uns wissen, dass das Wort im religiösen Sprachgebrauch den allerersten Märtyrer einer bestimmten Glaubensgemeinschaft, einer Region oder auch einer Epoche bezeichnet. Man könnte sagen, dass ein Protomärtyrer (so die deutsche Entsprechung) der Erste ist, der für eine Idee, eine Überzeugung oder einen Glauben bis zum Äußersten geht und sich nötigenfalls auch steinigen lässt, wenn es drauf ankommt. Der Protomärtyrer sagt: "Ich stehe uneingeschränkt für meine Sache ein, selbst wenn ich dafür anecke, unverstanden bleibe oder ein Scheitern in Kauf nehmen muss." Passt in der Tat nicht schlecht zum Quartett um Joe Casey, kann man sagen. Denn was die Band aus Detroit bisher so abgeliefert hat, ist schon immer von besonderer Konsequenz und Stringenz gewesen; man scherte und schert sich wenig um Konventionen, zieht den manchmal ganz schön unbequemen Stiefel an und marschiert los, auch wenn's ganz schön weh tut. Ja, Protomartyr gehören zu den Bands, die ihre Alben mit mindestens ebenso viel rumpelnd-sperrigen wie zugänglichen Songs befüllen – was aber eben nicht dazu führt, dass man diese Tracks beim wiederholten Hören sicherheitshalber überspringt. Eher andersherum wird ein Schuh draus: Gerade die schwer verdaulichen Brocken gehören dazu, sind Teil des Kanons, bieten die kratzbürstigen, zornigen und energetischen Kontrapunkte zu den Nummern, die gleich zu Beginn gut reinlaufen und sich durch eher melodisch-melancholisches Flair auszeichnen. Und je öfter man das Zeug hört, desto fantastischer wird das Gesamterlebnis.

Mit "Hotel Usona" befinden sich Protomartyr auf dem derzeitigen Höhepunkt ihres Schaffens. Ja, das Album bildet die exorbitant gelungene Synthese ihres bisherigen Musizierens. Nun war Joe Casey noch nie so richtig der Gute-Laune-Bär: private und gesundheitliche Malaisen, Todesfälle in der Familie – das alles ist nicht der Stoff, aus dem Funky Fun Stuff entsteht, sondern eher Wut, Schmerz und Aufbegehren, in Musik gepresst. Und damit all das diesmal auch formal noch besser eingeordnet ist, verorten Protomartyr ihre Songs als Hotel; jeder Raum zeigt sich mit anderer Prägung, anderem Interieur – oder anderem Grundriss. Die Hotelmetapher ist per se keine ganz neue Idee. Von den Eagles über Leonard Cohen und den Doors bis hin zu The Fall ("Reformation"): Sie alle haben diesen schon besonderen Ort thematisiert, an dem Vergängliches, Geheimes und Unerhörtes geschieht – vor einer stabilen Kulisse, mit lautlosem Service und Beständigkeit.

Und so geht es in den ersten Takten des Openers "The old hotel" erst mal erstaunlich melodisch zu, bis Casey nach der ersten halben Minute mit tremolierend-heiserer Stimme loserzählt, während die Drums stampfen wie eine Armee von zu allem entschlossenen Soldaten. Der erste Ausbruch kommt bereits eine halbe Minute später. Und alles, was Protomartyr ausmacht, kommt hier in besonders heftiger Dosierung daher: das unfassbar hochpräzise und komplexe Schlagzeugspiel von Alex Leonard, der swingende Bass von Scott Davison und Greg Ahees unverwechselbare Gitarre. Doch da sind, ähnlich wie auch schon auf den letzten beiden Alben, immer wieder raffinierte Ruhephasen mit kontrastierend-sanften Blasinstrumenten: Ja, die Zuarbeit des Musikers Jon Fridmann (Trompete, Waldhorn, Posaune) verleiht dem Stück gleich noch mehr Tiefe.

"Sounds we cannot hear" folgt auf dem Fuße – und reißt mit nachgerade brutal-gewalttätigen Gitarren mit, die sich aufschichten und auftürmen wie eine gigantische Mauer, immer wieder durchsetzt von ruhigen Passagen mit sparsamen Drums und weiten Hallflächen. Auch "Converts" fasziniert durch seine Wechsel zwischen polternden Standtom-Eskapaden und elegischen Phasen, in denen eine strahlende Trompete als Lichtschein durch Wolken bricht. Und dann sind da noch diese assoziativen, finsteren Texte: "Adding salt to wine / To make blood is fine / Adding spite to flesh / To make bread is fine and good"; wer hier an eine ganz besondere Ausprägung des (letzten?) Abendmahls denkt, der liegt wohl nicht ganz falsch.

Und so geht es weiter, man könnte hier jeden Song einzeln auserzählen, aber am Ende reichen Worte nicht, um die Intensität zu beschreiben, die von diesem Album ausgeht. Daher beispielhaft noch zwei besondere Tracks: "Lavender – gospel" gehört zu der seltenen Kategorie Songs, die man bereits beim ersten Hören nicht vergessen kann, die jedoch auch nach dem hundertsten Abspielen nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben werden: treibendes, aber entspanntes Schlagzeug, schallernde The-Edge-Gitarren, eine Basslinie, auf der man die Twin Towers neu aufbauen könnte – und dann diese Lyrics: "There's something hovering in the sky / Made by man / It's crying like a child | Its tears are white phosphorous / Sets the air alight." Ist es ein Ufo? Eine Marienerscheinung? Beides? Und auch, wenn es sich gefährlich anhört, wäre man doch gerne bei dem Schauspiel dabei – und wenn es das letzte wäre, was man je erleben würde.

"Checking out" beschließt den Reigen, der vermutlich komplexeste und wahnsinnigste Song, den Protomartyr je geschrieben haben. Zu Beginn sägen die Gitarren, als stünde die Apokalypse unmittelbar bevor, dann rattern die Drums hektisch wie ein aus dem Tritt geratenes EKG – und als man gerade nach dem Medikament gegen Herzrhythmusstörungen greifen will, scheinen die beruhigenden, besänftigenden Posaunen- und Flügelhorntöne durch. So springt der Song permanent von einem zum anderen Extrem, immer zerfaserter und fragmentarischer werden die Drums, immer mehr steigert sich der Gesang vom reinen Proklamieren ins verzweifelte Schreien: Wer bei dem gebellten "Keep your eyes averted / I'm checking out!" keine Ganzkörpergänsehaut bekommt, der muss zum Arzt. Doch die Jungs sind noch nicht fertig. Nach 280 Sekunden beginnt der Song quasi nochmal von Neuem: nun mit einem brutal windschief und punktierten Beat, der sich erst beim wiederholten Hören am Ende als einfacher Viervierteltakt entpuppt. Erst hören wir dazu chaotisches und vielschichtiges Instrumental-Durcheinander – und dann biegen Protomartyr in eine Coda ab, die so rabenschwarz und zugleich wärmend-stärkend ist wie in Interpols "Wrecking ball". Dieser siebeneinhalbminütige Check-Out ist so dermaßen deep, dass es fast schmerzt. Am Ende stehen wir wie nach einem durchgefeierten Wochenende an der Rezeption und geben mit wehem Kopf und leicht zittrig die Keycard ab. Und als die Frage kommt "Hatten Sie etwas aus der Minibar?": Da können wir nur ein irres Lachen abspulen.

(Jochen Reinecke)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • The old hotel
  • Converts
  • Lavender – gospel
  • Checking out

Tracklist

  1. The old hotel
  2. Sounds we cannot hear
  3. Converts
  4. Exalted eagles
  5. The knife dream
  6. Feed the sewer
  7. Lavender – gospel
  8. Third country
  9. Checking out

Gesamtspielzeit: 45:25 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 38121

Registriert seit 07.06.2013

2026-10-11 19:33:48 Uhr
Habe ungefähr zur Zeit deines Beitrags mal wieder einen Durchgagn beendet. Also: ja. :) Danke für die Empfehlung.

Jochen Reinecke

Postings: 149

Registriert seit 22.12.2023

2026-10-11 19:18:15 Uhr
@machina: Macht wirklich süchtig, ne? Hatte ich in der krassen Ausprägung auch wirklich schon lange nicht mehr. Kann man immer wieder von vorne hören.

Hierkannmanparken

Postings: 3463

Registriert seit 22.10.2021

2026-10-10 17:36:25 Uhr
Der Basslauf am Ende von Elimination Dances + der Übergang zu Fun in Hi Skool, mmmhhh

fakeboy

Postings: 7038

Registriert seit 21.08.2019

2026-10-10 17:05:33 Uhr
Grad gedacht: woran erinnert mich Lavender - Gospel? Klar, an Elimination Dances vom Vorgänger. Trotzdem (oder gerade deswegen?) aktuell mein Favorit.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 38121

Registriert seit 07.06.2013

2026-10-09 23:23:35 Uhr
Damn, grad Durchgang 4 heute.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify