Roomer - Staircase made of rope
Squama / Bandcamp
VÖ: 18.09.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Dalí Dalí
Ihr kennt das Bild von den zerlaufenen Uhren? "Die Beständigkeit der Erinnerung" heißt das. Bei Roomer zerfließt die Zeit ähnlich zähflüssig, und erinnern kann man sich mit "Staircase made of rope" ganz vortrefflich. Großzügiger Hall weht einen langsam und genüsslich in die Vergangenheit. In eine Zeit, als man mit voll aufgedrehten Verstärkern, Familienvorräten von Effektpedalen, rückkoppelnden Gitarren und Richtung Bühne herunterhängenden Haarvorhängen nahezu wöchentlich auf den Titelseiten der britischen Musikmagazine landete. Das ist so lange her, dass man die damals noch gedruckt hat.
Und während an Roomers Shoegaze eigentlich nichts modern klingt, bohren sie sich unbemerkt mit jedem Song ihres Zweitlings "Staircase made of rope" tiefer ins Ohr. Mit Widerhaken wie "Grey", dessen Schönheit sich erst mühsam aus allerlei Verzerrung herausschälen muss und dann nahezu körperlos über dem einsetzenden Groove schwebt. Mit dem fast schon gehetzten Schrammler "For Yves", der sich Orgelquietschen und reichlich Fransen gönnt. Mit dem sehnsüchtig Richtung Sonnenuntergang schlendernden "Written by", bei dem der Gesang im Reverb badet und wackelige Gitarren ineinander stürzen. "Do find me", fleht Sängerin Ronja Schößler da. Und dann versteckt sie sich fast verschämt.
Schon gleich zu Beginn hat man da schon beim unfassbaren "Something new" den Atem angehalten. Weil die Tonabnehmer auf Anschlag aufgedreht sind und Schößler zu verletztem Slow Waltz über "No common ground" haucht. Wie waidwundes Wild perlen die Gitarren umeinander. Und wie tröstlich sie nach dem Refrain ihre Saiten jaulen lassen können! Exzeptionell. Im abschließenden Titeltrack zelebriert die Band aus Berlin noch mal alles, was "Staircase made of rope" ausmacht. Übersteuerte Saiten und scheppernde Drums bereiten den Grund fürs instrumentale Auftürmen, das ganz wunderbar durch Schößlers nonchalantes Raunen hintertrieben wird. Und am Ende fällt sowieso alles auseinander.
Nachdem Roomer die Songs des formidablen Vorgängers "Leaving it all to chance" schon vor den Aufnahmen im Studio auf Tour geerdet hatten, sind die neuen Stücke erst im Labor entstanden. Improvisationen. Hin und her, vor und zurück. Unfertig wirkend, immer leicht dissonant, aber stets bezaubernd. Weit weg von Autotune und Produktionsglitter. "Do you think I fake it?" Ganz und gar nicht. Hier ist alles echt. Mit ganz entrücktem Krach, euphorischen Leadgitarren und noch mehr Sehnsucht landen Roomer mitten im Gefühlszentrum. Und bleiben da noch lange, nachdem der Tinnitus nachgelassen hat.
Highlights
- Something new
- Grey
- Written by
- Staircase made of rope
Tracklist
- Something new
- Grey
- Have you ever been a fool?
- Written by
- No different at all
- For Yves
- Good on my own
- Sundown
- Untitled
- Staircase made of rope
Gesamtspielzeit: 39:26 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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hey-now Postings: 167 Registriert seit 03.05.2023 |
2026-10-01 18:02:34 Uhr
Ja, da hast du eh einen Punkt... Frühe Nuller war mein Gedanke etwas spezifischer (bzw. meine späten Teenager-Jahre). Wurzeln in den 90ern klingt komplett sinnvoll. Auch wenn ich z.B. Slowdive erst einiges später für mich entdeckt habe.Aktueller Favorit: Written by. |
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OliverDing Plattentests.de-Mitarbeiter Postings: 359 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-09-30 09:34:42 Uhr
Bei mir waren die Assoziationen sogar noch 10 Jahre früher angesetzt. Slowdive, Lush, Pale Saints, Mazzy Star, Eve's Plum... Was mich alten Sack so erfreut ist, dass nach den von mir als eher luschig empfundenen letzten Jahren sich endlich wieder lärmiger Kram in im weitesten Sinne dem Pop zuzuordnenden Bereichen ausbreitet. Und frische Artists Inspirationen aus den frühen und mittleren Neunzigern ziehen statt immer nur aus den Achtzigern. |
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hey-now Postings: 167 Registriert seit 03.05.2023 |
2026-09-29 22:34:54 Uhr
"Something New" und "Untitled" haben mich spontan nicht so gecatcht - der Rest ist für mich großes Kino. Grade weil es nicht auf großes Kino macht und trotzdem Räume öffnet. Ziemlich top.Dass "nichts modern klingt" ist übrigens ein schönes Stichwort in der Rezension. Ich hab starke 00er-Assoziationen. Und find's trotzdem als Gesamtpaket sehr gegenwärtig. |
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Grizzly Adams Postings: 7449 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-09-29 19:50:06 Uhr
Ja, äh... was ist das denn für ein schönes verführerisches Album?! Ein unverhofftes Geschenk :-) aus einer Musikrichtung, die mir nur selten eine Perle präsentiert und in die ich deswegen auch nur sporadisch eintauche.Natürlich ist mir die Band bisher vollkommen unbekannt gewesen. Und wahrscheinlich hätte ich sie auch nie wahrgenommen, wenn das Album nicht hier rezensiert worden wäre. Danke dafür Oliver! Wieder ein Kandidat, den ich auf meiner Jahresbestenliste wohl irgendwie in Betracht ziehen muss. Gerade in den letzten drei Monaten ist mir da sehr viel mehr untergekommen als in der ersten Jahreshälfte. Der Konkurrenzkampf wächst. Wird nicht leicht, da alles - besser vieles - angemessen zu berücksichtigen. |
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OliverDing Plattentests.de-Mitarbeiter Postings: 359 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-09-28 16:49:10 Uhr
Da sind so viele tolle Songs drauf, dass Armin mich zum Einkürzen auf 4 Highlights genötigt hat. |
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Referenzen
King Hannah; Dum Dum Girls; Slowdive; Pale Saints; Lush; Mazzy Star; Hope Sandoval & The Warm Inventions; Cowboy Junkies; Throwing Muses; Glasshouse Red Spider Mite; Lampshade; Eve's Plum; 2:54; Mogwai; My Bloody Valentine; Drop Nineteen; Swallow; Daughter; Ex:Re; Low; mry; Lo Simple; Secret Shine; Ozean; The Swirlies; Flying Saucer Attack; The Smashing Pumpkins; Slint; The Jesus & Mary Chain; Savoy Grand; Sonic Youth; Aereogramme; Chokebore; Pale Blue Eyes; Windsor For The Derby; Calla; Cocteau Twins; Chelsea Wolfe; Emma Ruth Rundle; Siouxsie & The Banshees; Waxahatchee; Sharon Van Etten; Warpaint; Girl In Red; Desperate Journalist; Florence Road; Rose Kemp; Beth Orton; Kristin Hersh; Cat Power; Amusement Parks On Fire; Motorpsycho; Lupine Howl
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