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Nichtseattle - Große Liebe

Nichtseattle- Große Liebe

Staatsakt / Zebralution
VÖ: 25.09.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

I want to know what love is

Das neue Album von Katharina Kollmann aka Nichtseattle setzt ganz bewusst aufs Risiko. "Jetzt soll ich auch noch was zum Konzept 'Liebe' sagen", hieß es schließlich noch abwehrend im Song "Beluga (Eigentumswohnung)", als das männliche Gegenüber sich trotz (oder wegen) feministischer Lektüre und achtsamer Essgewohnheiten als besonders unangenehmes Exemplar entpuppte. Hu? Nun geht es plötzlich nicht nur um irgendeine Liebe, sondern um, ganz genau: "Große Liebe". Ohne bestimmten Artikel zwar und dem Himmel sei Dank nicht als Konzept verstanden, aber dennoch. Es ist das Thema schlechthin, dem Kollmann sich hier in knapp einer Stunde annimmt. Überlebensgroß und omnipräsent, breitgewalzt und konfektioniert. "Große Liebe" macht daraus keinen Hehl, ganz im Gegenteil. Das Album zehrt auch von all den endlosen RomCom-Bildern, kitschigen Popsongs und Herzchen-dies-das-Klischees – und hat seine größten Momente, wenn Kollmann das, was einem die Kulturindustrie so als Liebe verkauft, auf ihre hintergründige Art mit dem eigenen Alltagserleben samt Gefühlschaos verschaltet.

Wie das etwa ist, "sich ein bisschen blöde zu verknall'n", macht "Ich mit Brille" vor, wo es schön dialektisch heißt: "Typen nerven, Du aber nicht / Ich denk' den ganzen verdammten Tag an Dich." Weil das aber gar nicht so blöde ist, wird ein richtig guter Song daraus, mit sweeten Lo-Fi-Jangle-Gitarren und leisem A-capella-Schluss. Aber ach, immer diese Widersprüche. "Dallas" übt sich in Self-Care ausnahmsweise mal nicht mit dem Zweck stumpfer Selbstoptimierung und begnügt sich ansonsten damit, die Erwartungen bloß nicht so hoch zu hängen. "Na ja, wenn Du dich mal meldest / Werde ich mich freuen." Vielleicht ist auf der Southfork Ranch ja wirklich alles leichter. Oder zumindest weniger kompliziert. Große Gefühle, noch größere Dramen. Aber auch richtig und falsch fein säuberlich geschieden, die Sympathien klar verteilt. Da die bösen Buben, hier die – ja was eigentlich? "Wär' ich eine aus 'Dallas' oder nur ein westdeutscher Mann / Würde ich schwören, dass man alles, was man will, schaffen kann."

Es sind letztlich Zeilen wie diese, die zunächst unscheinbar daherkommen, doch so passgenau sitzen und mit wenigen Worten sehr viel ausdrücken. Die in ihrer Direktheit und Ehrlichkeit einen Raum öffnen für all die widersprüchlichen Empfindungen, das ganze Gefühlskuddelmuddel, das zum Lieben wie zum Leben dazugehört. Dagegen klingt beispielsweise "Meine Ladies" geradezu schwärmerisch, gerät aber alles in allem auch ein bisschen zu, ja nun: konzeptionell. Das Thema weibliche Solidarität hatte Kollmann zuletzt mit "Frau Sein (Werkstatt)" noch deutlich subtiler aufgedröselt. Aber das ist Kritteln auf hohem Niveau. Unterm Strich bestätigt sich der Eindruck von "Kommunistenlibido" und "Haus": Kollmann ist für Deutsch-Folk zu wenig gefühlsduselig und für Macker-Indie viel zu schlau (und selbstredend nicht mackerig). Musikalisch changiert "Große Liebe" dennoch trittsicher zwischen diesen beiden Polen. Dass Nichtseattle personell zum Quintett angewachsen sind und die bisherigen Tourmusiker*innen nun fest dazu gehören, ist hörbar, aber dann doch weniger als vielleicht vermutet.

Noch immer ist der Sound angeraut und luftig zugleich und in den besten Momenten meint man, da huschen gerade die deutschen Pavement oder Silver Jews durchs Bild. Das ist zwar nicht Seattle, aber die Himmelsrichtung stimmt. Und was Kollmann stets aufs Neue gelingt: Erinnerungsschleifen in Gang setzen, in Situationen eintauchen, kleine Geschichten erzählen. Vom Aufwachsen zwischen Aldi-Eigenmarke und Urlaub am Balaton, sexistischer Kackscheiße und Emanzipation ("River Cola"), von besonderen, weil unerwarteten Begegnungen und Augenblicken ("Wildeste Nacht" und "Station 8"). Dass das Thema Liebe auf diesem letztlich schlicht überragenden Album nicht exklusiv auf romantische Zweierbeziehungen beschränkt bleibt, versteht sich von selbst. Es geht ums Zwischenmenschliche in all seinen Daseinsformen und Schattierungen, um das flüchtige Glück in Freundschaften und das verhärtete Unglück im Familiären (ergreifend zum Abschluss: "Fremde"). "Große Liebe" handelt vom Überschwang wie von den vielen Enttäuschungen. Und vom Weitermachen. Das und noch viel mehr steckt in diesen zehn Songs. Die nix erklären, aber ganz viel zeigen. I want you to show me. Eben.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Dallas
  • Ich mit Brille
  • Stubenfliege
  • Fremde

Tracklist

  1. Dallas
  2. River Cola
  3. Ich mit Brille
  4. Schnee
  5. Meine Ladies
  6. Eine Wohnung mit einem Haus
  7. Wildeste Nacht
  8. Station 8
  9. Stubenfliege
  10. Fremde

Gesamtspielzeit: 58:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Enrico Palazzo

Postings: 10632

Registriert seit 22.08.2019

2026-10-10 17:12:37 Uhr
Stimmt, bei dem Song muss ich auch immer an Top Notch Kettcar denken!

Gallants22

Postings: 3066

Registriert seit 22.01.2025

2026-10-10 17:11:48 Uhr
River Cola hat so geile Kettcar Vibes. Das ganze Album wächst so natürlich. Mit Dendes Mixtape bisher das beste aus deutschen Gefilden für 2026.

BadaBing

Postings: 182

Registriert seit 27.06.2013

2026-10-06 19:25:39 Uhr
Mega, vielen Dank!

Grizzly Adams

Postings: 7449

Registriert seit 22.08.2019

2026-10-06 18:47:38 Uhr
Sehr schön. Danke Zeke. :)

Zeke

Postings: 311

Registriert seit 15.06.2013

2026-10-06 18:25:41 Uhr

Dallas

Endlich hell

Es gibt nichts zu gewinnen

Ich bin da, wo ich bin

Was meinst du mit Liebe?

Wir sitzen doch drumrum

Mein Herz macht auf gesund

Und fliegt den Körper mir wund

Es stimmt schon, er schreit

Trotzdem genieß ich die Zeit

Weil ich liebe

Ob mit Kind oder Greis

Ich sitze jetzt gerne im Kreis

Immer öfter

Ist mir egal, wie ich heiß

Küss mich nur, wenn du’s meinst

Wenn du’s brauchst, nenn mich Schwester

Naja, wenn du dich mal meldest

Werde ich mich freuen

Ansonsten bin ich bestimmt

Mit Anna Zimmer umräumen



Ich will bitte noch ein paar

Von solchen Jahren

Nicht mehr für die große Liebe

Mich dröge aufsparen

Wär ich einer aus Dallas

Reich und berühmt

Würd ich schwören, dass man alles

Was man hat, auch verdient

Bin ich nicht, ich tue alles

Ne 1- in Hamam

Damit ich noch ein bisschen

Genau hier bleiben kann

Es wirkt nichts, ich bin K.

Also bleibe ich dran

Damit ich noch ein bisschen

Genau hier bleiben kann

Und ich zahle alles

Erst Stolz, dann Geld, dann Scham

Damit ich noch ein bisschen

Genau so bleiben kann



Wenn ich kann, bin ich draußen

Mit Mensch oder Hund

Oder schlendere allein

Durch’s Kollwitz-Museum

Vielmehr halt ich mich fest

An einer Bronze-Skulptur

Ich weiß nicht warum

Ich glaub die Muskulatur

Die Nachricht kommt spät

Ich kann kaum mehr gehen

Ich glaub das Nervensystem

Die Nachricht lautet: „Bleib!

Von hier ist jedes Ziel weit

Bleib zu fünft oder zweit“

Zum Glück scheint die Sonne

Auch auf meine Hand

Die aus irgend’nem Grund

Kaum noch was festhalten kann



Ach bitte noch ein paar

Von solchen Jahren

Ich werd nicht mehr wie blöde

Mir die Liebe ersparen

Wär ich einer aus Dallas

Oder nur’n westdeutscher Mann

Würd ich schwören, dass man alles

Wenn man will, schaffen kann

Bin ich nicht, ich tue alles

Das ganze Healthcare-TamTam

Damit ich noch ein bisschen

Genau hier bleiben kann

Es wirkt nichts, ich bin K.

Also bleibe ich dran

Damit ich noch ein bisschen

Genau hier bleiben kann

Ich zahle alles

Erst Stolz, dann Geld, dann Scham

Damit ich noch ein bisschen

Genau so bleiben kann



Nur mit’m Fasten

Fang ich nicht auch noch an

Damit ich noch ganz oft

Mit euch am Tisch sitzen kann
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