Julia Jacklin - The Gem
4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 25.09.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Licht ins Dunkle
Ist Julia Jacklin ein heimliches Feier-Monster? Schon auf ihrem Debüt "Don't let the kids win" schmiss sie gleich zu Beginn eine "Pool party," zehn Jahre später huldigt sie ihrer Lieblingskneipe auf Albumlänge. "The Gem" heißt die Bar, die Jacklin nach ihrem Umzug von Sydney nach Melbourne 2017 entdeckte und die ihr noch immer so viel bedeutet, dass sie ihre vierte Platte danach benennt. Nicht nur das: Gemeinsam mit ihrer Band spielte die Australierin die Musik in den Rat Shack Studios ein, die sich direkt über der Kneipe befinden. Auch wenn Jacklin weder plötzlich bierseligen Pub-Rock macht noch die geringe Entfernung zwischen Arbeitsort und Theke in angeschickerten Verspielern resultiert, ist den Songs ihr Entstehungskontext durchaus anzuhören. So geht es auf "The Gem" vergleichsweise roh, rumpelig und treibend zu, was angesichts des sehr ruhigen, Orchester-unterstützten Vorgängers "Pre pleasure" etwas überrascht.
Dennoch führt "Brand new" als Titel des Openers auf die falsche Fährte, da sich die Essenz von Jacklins Schaffen nicht entscheidend verändert hat. Mit der charakteristischen Sehnsucht legt sich ihre Stimme über den trockenen Beat, dazu betont Jacob Diamonds Country-Gitarre die schon immer präsenten Americana-Einflüsse. "God sometimes" schmeißt im Anschluss nicht nur textlich Tische um – zumindest würde es ob der zwischen Stromgitarren und Wurlitzer aufgeriebenen Energie nicht wundern, wenn manches Studio-Mobiliar den Platz wechselt. Inhaltlich soll es auf "The Gem" um das Spannungsfeld von Liebe und Freiheit gehen: um den widersprüchlichen Wunsch, gleichzeitig als selbstbestimmter Mensch durchs Leben zu gehen und doch eine Person zu finden, mit der man dieses teilen kann. Auch die von Jacklin regelmäßig beleuchtete Religion rückt wieder ins Licht, wenn etwa das ausnahmsweise nur auf Akustikgitarre beschränkte "Angel vision" fragt, wie man unter himmlischer Aufsicht überhaupt frei sein kann.
So nackt präsentiert sich kein weiteres Stück auf der Platte, da sich auch in der Reduktion immer wieder instrumentale Akzente und andere Details finden lassen. "Real life" fließt auf einem von Bass-Synths angeknabberten Beat entlang, während Jacklin männlichen Gesangssupport bekommt. "You turned on the tap" baut wiederum auf einem um sich selbst kreisenden Piano und belohnt das genaue Hinhören mit Flöten, die wie feine Rauchschwaden in der Luft hängen. Doch am hellsten funkelt "The Gem" immer dann, wenn die Reibung der ganzen Band zu spüren ist. Auch ein im Midtempo bleibender Track wie "If I had the hand of God" schafft es, im Verstärkerrausch wiederholt die Intensität anzuziehen. "The hardest thing" stolpert etwas ungestümer vorwärts, um der Frustration über eine gescheiterte Beziehung Luft zu verschaffen: "Where to go now? / I stood behind the horses to find they're running towards nothing."
Eine deutlich optimistischere Haltung zur Liebe zeigt der dezent janglende Indie-Rocker "Get away from me (I think I'll love you soon)", der sich mit naivem Überschwang direkt ins Herz spielt. Auch der vom Schwestern-Duo The Maes unterstützte Closer "I wish" weiß, dass sich belastende Situationen besser gemeinsam meistern lassen. Einfachheit und Intimität bleiben die wesentlichen Charakteristika einer Künstlerin, die nur die besten Seiten eines oft despektierlich verwendeten Labels wie "Tagebuch-Pop" offenbart. Selbst wenn sich "Walk on me" über sechs Minuten erstreckt, zieht Jacklin nichts prätentiös in die Länge, sondern verleiht ihren Gedanken den einnehmenden Nachhall, den sie verdienen: "The same time everyday / When the band begins to play / I say, 'I know this song' / You say, 'everybody knows this one' / So why am I the only person singing along?" Zweifel sind bei Julia Jacklin sicher keine Schwäche – auch der Albumprozess habe sich für sie stellenweise so angefühlt, als würde sie im Dunkeln nach etwas graben. Doch wo Edelsteine zu finden sind, muss man wahrscheinlich niemandem erklären.
Highlights
- God sometimes
- Get away from me (I think I'll love you soon)
- Walk on me
Tracklist
- Brand new
- God sometimes
- If I had the hand of God
- The hardest thing
- Angel vision
- Real life
- Get away from me (I think I'll love you soon)
- You turned on the tap
- Walk on me
- I wish (feat. The Maes)
Gesamtspielzeit: 34:56 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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bender Postings: 314 Registriert seit 03.04.2020 |
2026-10-03 20:06:14 Uhr
Höre diesem 7/10er tatsächlich sehr gerne zu, toller Vibe, typisch australisch irgendwie. |
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Arne L. Postings: 4104 Registriert seit 27.09.2021 |
2026-09-28 13:10:58 Uhr
Finde es auch ein schönes Album, auch wenn's nicht ihr bestes ist. Erste Albumhälfte hat mich mehr abgeholt und dachte da schon: Moment mal, was passiert hier? Aber die ruhigen Sachen waren dann "nur" gut und mehr nicht. Höre ihr aber einfach grundsätzlich gerne zu. 7/10 passt. |
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Unangemeldeter Postings: 2899 Registriert seit 15.06.2014 |
2026-09-26 23:35:41 Uhr
Macht mir Freude, erinnert mich von der locker hingerockten und unverkopften Stimmung sehr an Short Movie von Laura Marling. Die 7/10 scheint mir perfekt auf dieses Album zu passen, das gar nicht versucht, ein Meisterwerk zu sein. Schön.Wird live sicher wieder supergut. |
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MickHead Postings: 16246 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-09-25 08:42:24 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mq4wkD4fqj4rHq9tw1J9hw9yhkkFbEeKc&si=q__zFLymmpAieYE_ Musikexpress 5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/julia-jacklin-the-gem-review/ Rolling Stone 3.5/5 https://www.rollingstone.de/reviews/julia-jacklin-the-gem-review/ Under The Radar Magazine 8/10 https://www.undertheradarmag.com/reviews/the_gem_julia_jacklin MusikBlog https://www.musikblog.de/2026/09/julia-jacklin-the-gem/?amp=1 |
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Mr Oh so Postings: 3838 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-09-24 21:52:20 Uhr
Wenn es genau so ne 7/10 wird wie die letzte, dann freu ich mich sehr |
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Referenzen
Phantastic Ferniture; Angel Olsen; Sharon Van Etten; Jessica Lea Mayfield; Stella Donnelly; Courtney Barnett; Indigo De Souza; Alex Lahey; Jen Cloher; Squirrel Flower; Gabriella Cohen; Caroline Rose; Palehound; Waxahatchee; Cat Power; Neko Case; Wye Oak; Samia; Fenne Lily; Snail Mail; Lucy Dacus; Julien Baker; Phoebe Bridgers; Boygenius; Soccer Mommy; Marika Hackman; Alex G; Alice Phoebe Lou; Clairo; Big Thief; The Mountain Goats; Car Seat Headrest; Mount Eerie; The Velvet Underground; Kevin Morby
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