Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Muff Potter - Klepto

Muff Potter- Klepto

Huck's Plattenkiste / Indigo / The Orchard
VÖ: 18.09.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Auf dem Boden der Tatsachen

Es ist schön, dass Muff Potter wieder da sind. Hatte "Bei aller Liebe" noch ein wenig den Überraschungseffekt auf seiner Seite, wie die Band aus Rheine nach ihrer neunjährigen Pause wohl klingen mag, muss "Klepto", Album Nummer neun, aus sich heraus überzeugen. Allein der Titel nimmt sich viel vor: In einer Kleptokratie zapfen die Mächtigen die gesellschaftlichen Ressourcen zur persönlichen Bereicherung ab und missbrauchen den Staat für den eigenen Vorteil. Kleptomanie wiederum ist der zwanghafte Drang zu stehlen. Bestimmt denken wir alle an irgendetwas, wenn wir dieses Wort hören. Thorsten Nagelschmidt, längst etablierter Schriftsteller und auch ein bisschen Bohemien, jonglierte schon immer mit Begrifflichkeiten und Bedeutungsebenen wie ein Kind im Spielzeugladen. Über 30 Jahre nach Geburt seiner ursprünglich im Deutschpunk verzahnten Band ist natürlich alles ein bisschen erwachsener und verkopfter als früher. Aber die Spitzen sitzen, und die Feindbilder lauern vor der Tür.

Das provokant benannte "Taliban of the week" greift die schon auf "Bei aller Liebe" genüsslich ausformulierte Kritik am Neoliberalismus und Kapitalismus auf, karikiert die Normalisierung des Unerträglichen, das Alltägliche im Extremen: "Und es ist ein bisschen egal, was Du weißt, wer Du bist, wie Du heißt." Dazu sägen die Gitarren, während sich Christian-Lindner-Slogans aus der Hölle einem Mantra gleich bis zum Erbrechen wiederholen. Den Westfalen steht der Sinn nach Kunst, ohne inhaltliche Kompromisse einzugehen. "Klepto" erklärt den Indie-Rock zum Punk, Nagelschmidt zum Propheten und den Dreiminüter für tot. Die Single "Rückflug aus Montana" lässt noch seltene Geradlinigkeit walten und handelt dabei vom bösen Erwachen, dass jeder kurzzeitige Eskapismus sein jähes Ende findet, sobald die Wirklichkeit einen wieder einholt. Danach bettet das Quartett seine Lyrik in stets ausladendere Gewänder – und wird auch immer kryptischer.

"Ein starkes Stück" ist ein wilder Ritt, der mit Anklängen an psychedelisch gefärbten 60er-Rock (!) loslegt und doch in wüstem, übersteuerndem Post-Punk endet. Zwar trägt er gern auch mal geblümte Hemden, aber Nagelschmidt als Hippie? Nicht nur in diesen sechseinhalb Minuten verlieren Muff Potter sich tatsächlich ein bisschen im Muckertum. Noch dazu zitiert die Band sich textlich selbst, sprich: ihren MTVIVA-Hit "Allesnurgeklaut" von 2005. Ein bisschen viel "Klepto"-Konzept vielleicht – unter welchem der Song allerdings nicht kollabiert, sondern am Ende noch ordentlich Spaß mit Noise-Pedalen hat. "Engelstränen im Abendlicht" berichtet bei angezogenem Tempo vom bevorstehenden Untergang. Und im tollen "Freeks & Geeks & Spinner" halten Muff Potter ein Plädoyer auf die radikal Unangepassten, die sich der Welt um sie herum nicht erklären wollen. Mit Spoken-Word-Strophen und energischem Finale agiert die Band hier nah an "Ein gestohlener Tag". Oder einem Audiobook.

Dass an Nagelschmidt schon immer ein heilloser Romantiker verloren gegangen war, der die traute Zweisamkeit aber genauso gern mittels sarkastisch-trockenen Beobachtungen seziert, wird in "Und die Nacht brach still herein" erneut deutlich. Wärmflasche oder Schusswaffe – irgendwie wird der Abend schon enden. Auch "Hast Du den Müll schon rausgebracht" sucht das Politische im Privaten; der Sänger liegt hier oft charmant neben dem Ton, ist aber natürlich mit voller Inbrunst bei der Sache. Wenn Muff Potter 2026 etwas ganz besonders mit den alten Tagen verbindet, dann ist es dieser Enthusiasmus.

"Hinter den Bergen, am Rande der Welt" bemüht sich dagegen mit Drumcomputer und umfangreichem Instrumentarium um maximale Abgrenzung. In dem ganzen Kulturpessimismus und sozialen Elend auf "Klepto" ist das Stück wie auch der folkige Closer "So wie's jetzt ist, wird's nicht für immer sein" ein versöhnlicher, warmer Ruhepol, der dieses gelungene Übergangsalbum abrundet. Ein letzter Höhepunkt wartet allerdings in Form des zweiten von zwei Bonustracks, die der Vinylversion beiliegen: Mit Dennis Scheider hat die Band 2025 einen langjährigen Mitstreiter verloren; in "Königsesch" setzt sie ihm nun ein Denkmal mit Hilfe von Leonard-Cohen-Verweisen, Zitaten aus von Scheider gesungenen Klassikern und aufrichtig berührendem Text ohne Tränendrüse. Groß. Es ist und bleibt schön, dass Muff Potter wieder da sind.

(Ralf Hoff)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Rückflug aus Montana
  • Freaks & Geeks & Spinner
  • So wie's jetzt ist, wird's nicht für immer sein
  • Königsesch (Vinyl-Bonustrack)

Tracklist

  1. Taliban of the week
  2. Rückflug aus Montana
  3. Hast Du den Müll schon rausgebracht
  4. Ein starkes Stück
  5. Und die Nacht brach still herein
  6. Engelstränen im Abendlicht
  7. Hinter den Bergen, am Rande der Welt
  8. Freaks & Geeks & Spinner
  9. So wie's jetzt ist, wird's nicht für immer sein
  10. Die Playlist läuft (Vinyl-Bonustrack)
  11. Königsesch (Vinyl-Bonustrack)

Gesamtspielzeit: 47:57 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2996

Registriert seit 14.06.2013

2026-09-30 09:36:22 Uhr
Ich mag's auch! Nach vier Durchgängen mal eine vorsichtige Wertung:

1. Taliban of the week 8/10 (Top Auftakt)
2. Rückflug aus Montana 7/10 (Gitarren geil, Song gibt mir nicht so viel)
3. Hast Du den Müll schon rausgebracht 7/10 (Text top, Musik geht klar, nicht mehr...)
4. Ein starkes Stück (6/10. Zweiter Teil ist super...)
5. Und die Nacht brach still herein 8/10 (Mag die Stimmung. Highlight!)
6. Engelstränen im Abendlicht 7/10
7. Hinter den Bergen, am Rande der Welt 6/10
8. Freaks & Geeks & Spinner 8/10 (Großes Kino!)
9. So wie's jetzt ist, wird's nicht für immer sein 7/10

7/10 passt also!

"Bei aller Liebe" mag nicht so kohärent sein, hatte aber doch die deutlich stärkeren Einzelsongs, hab ich beim heutigen Wiederhören festgestellt.

Phasm

Postings: 29

Registriert seit 21.08.2019

2026-09-30 00:30:10 Uhr
Mehr Liebe für dieses Album!

Klang „Bei aller Liebe“ nach einem Übergangsalbum, so geht „Klepto“ einen Schritt weiter, macht aber nicht den Eindruck, als sei die Entwicklung schon abgeschlossen.
Vieles klingt rauer als auf dem Vorgängeralbum, was der Band sehr gut steht. „Taliban of the Week“ ist gleich ein Beispiel dafür, großartige Bass- und Gitarren-Arbeit zudem.
Mit „Rückflug aus Montana“ konnte ich erst wenig anfangen, mittlerweile ist der Song einer meiner liebsten auf dem Album. Der rauere Sound passt auch hier perfekt.
„Hast du den Müll schon rausgebracht“ steht dem starken Auftakt kaum nach. Herr Nagelschmidt mag hie und da neben dem Ton liegen, mich stört es überhaupt nicht.
„Ein starkes Stück“ ist dann leider das Gegenteil eines solchen und der einzige Ausfall, was schade ist, da die experimentellen und langen Stücke auf diesem und dem letzten Album stets Glanzlichter sind/waren. Der Gesang im ersten Teil ist ziemlich furchtbar und funktioniert einfach nicht, der zweite Teil ist ganz gut, kann den Song aber auch nicht retten.
Viel besser macht es das anschließende „Und die Nacht brach still herein“, bevor „Engelstränen im Abendlicht“ etwas sehr nach Muff Potter-Standard klingt (die Zeilen „BMI, BIP / Was euch geil macht / Tut mir weh“ mag ich aber sehr).
Das folgende „Hinter den Bergen, am Rande der Welt“ mag stilistisch nicht wirklich zum Rest passen, ist aber durchaus ein starkes Stück. „Freaks & Geeks & Spinner“ und „So wie’s jetzt ist, wird’s nicht für immer sein“ sind dann ein mehr als gelungener Abschluss und wären ein Weg, den Muff Potter gerne auch in Zukunft beschreiten dürfen.

Fazit: Auf einer Stufe mit „Bei aller Liebe“, aber mit dem interessanteren Sound. An „Ein gestohlener Tag“ und „Nottbeck City Limits“ kommt allerdings keiner der neuen Songs ran, was den Gesamteindruck aber nicht schmälert, denn solche Lieder schreibt man möglichweise nur ein Mal im Leben.
8/10

Cellardoor

Postings: 279

Registriert seit 20.04.2024

2026-09-20 12:41:43 Uhr
Sehe ich genauso wie Vivat Virtute

Vivat Virtute

Postings: 325

Registriert seit 05.11.2023

2026-09-20 10:58:12 Uhr
„Taliban of the week“, „Und die Nacht brach still herein“, „Freaks, Geeks & Spinner“ und der Closer absolute Volltreffer.
Rest ziemlich egal. „Ein starkes Stück“ furchtbar.

Sehr zerfahrenes Album.

Kontermutter

Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel)

Postings: 862

Registriert seit 04.03.2023

2026-09-19 10:47:30 Uhr
Es ist aber auch wie vernagelt manchmal.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify