Jolle - Sunny side up/:down
Ventura / Universal
VÖ: 04.09.2026
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Gewaltpapiercontainer
Oftmals merkt man an den Details, wie tiefgreifend eine Geschichte für diejenigen ist, die sie erzählen. Die eigene Krankheitsgeschichte beginnt quasi nie mit irgendwelchen Superlativen, weil der eigentliche Gegner Zeit zu diesem Moment noch gar nicht zum Schlag ausgeholt hat. Auf Jolles Debütalbum "Sunny side up/:down" beginnt die düstere Reise in die eigene Vita nach dem Statement-Titel "Alle Märchen sind gelogen" mit genau diesem fragilen Gerüst, dem man immer mehr beim Nachgeben zusehen kann. Zeilen wie "Bin auf dem Weg vom Zahnfleisch in die nächste Psychiatrie / Ist alles nicht so tief / Fidget Spinner sind auf Speed / Halt mich nicht mehr fest, wenn ich aus der Kurve flieg" aus dem gleichnamigen "Tief" sind so bedrückend schön in ihrem Flirren zwischen müder Resignation und galligem Zynismus, weil sie ganz offensichtlich eben nicht nur Songzeilen, sondern tatsächliche Erlebnisse darstellen, wie Jolle bereits in einigen Interviews angerissen und auch ausführlich via Instagram erläutert hat.
Durch diesen Kontext wirkt dann auch der exzessive Gebrauch von Stimmverzerrern eben nicht nur wie ein modernes Produktions-Gimmick, sondern eine stilistisch schlüssige Entscheidung, um das eigene mentale Zerrbild auszudrücken. Dieser stimmliche Gleichmacher nimmt dem Vortrag naturgemäß Differenzierung und den Arrangements einige instrumentale Spitzen; seicht wirkt das Album dadurch dennoch nur selten. Damit allerdings steht und fällt der eigene Höreindruck: Es kommt darauf an, ob man auf die wabernde, angestaute Emotionalität einzahlt und das Subtile in Jolles Vortrag wertschätzen kann – oder sich missmutig wundert, wohin diese ganze Erzählung eigentlich steuern soll. "Sunny side up/:down" trägt viele Merkmale eines klassischen Songwriter*innen-Debütalbums. Ab einer gewissen Tiefe von Erfahrungen ist die Grenze zum Melodrama zwar unweigerlich fließend, aber der Versuch, in nahezu jeden Paarreim ein kleines Universum zu pressen, ist zu oft ein nicht eingelöster Selbstanspruch. Exemplarisch hierfür der Titel "Gewinner", bei dem gefühlt keine Zeile ohne cleveres Wortspiel auskommen darf.
Man muss also schon ein wenig darüber hinwegsehen können, dass der Drang zur Tattoo-würdigen Caption hier so stark ausgeprägt ist, wie es sich für junge, wache Geister eben auch gebührt. Denn auch wenn das bisweilen anstrengend ist, so ist es nie wirklich peinlich und fühlt sich daher auch aufrichtig an. Jolle verhebt sich nicht ungestüm an überkomplexen Metaphern, sondern hat eher gelegentliche Schwierigkeiten dabei, die dabei ausfransenden Gedanken wieder zu einer zentralen Aussage zusammenzufügen, was die aufgebauten Emotionen oft zu einer diffus-atmosphärischen Gefühlslage abstuft. Zwar passt dieses "Von allem zu viel"-Gefühl gut in die angestrebte Vision von "Sunny side up/:down", lässt sich aber eben auch nur begrenzt "überhören". Vielleicht würden ohne den Druck eines Debütalbums und mit etwas mehr Tourerfahrung die erzählerischen Stärken, die hier bereits erkennbar sind, deutlicher herauskommen und die gewünschte Message klarer werden lassen. Bis es mit einem Nachfolger so weit kommen kann: Bleibt gesund – und gebt Acht aufeinander, gerade wenn es mal nicht so ist.
Highlights
- Tief
- Frei
- 50 Stufen Grau
Tracklist
- Alle Märchen sind gelogen
- Tief
- Träumer
- Gewinner
- Anruf in Abwesenheit
- Plusminus
- Zinnsoldaten
- Fingergun
- Danke für nichts
- Frei
- 50 Stufen Grau
- 6 Fuß unterm Beet
Gesamtspielzeit: 32:01 min.
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- Jolle - Sunny side up/:down (2 Beiträge / Letzter am 04.09.2026 - 10:46 Uhr)



