Jonathan Bree - Don't call it love
Lil' Chief / Cargo
VÖ: 27.08.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Je t'aime? Moi non plus.
Preisfrage: Welches Instrument wird am ehesten mit dem Begriff "sleazy" in Verbindung gebracht? Mit so schwülstig-schwitzigen Fummelsongs? Genau, das Saxofon. Und zack, da isses – nach mundgestoppten 42 Sekunden des ersten Songs auf "Don’t call it love" des Neuseeländers Jonathan Bree. Und da hat der Hörer noch weitere fast 73 Minuten vor sich. Über 73 Minuten Sex? In unserem Alter? Wir sind doch nicht Tantra-Sting und seine Trudie! Was denkt sich dieser Mann ohne Gesicht bei so einem Doppelalbum? Und bei so einem Albumcover? Heutzutage!
Aber es kann Entwarnung gegeben werden. Erstens ist "Disappear" trotz oder vielleicht sogar dank des schmierigen Saxofons ein ganz feiner Song. Und dann lassen sich diese ausufernden 17 Stücke auch ohne den sexbezogenen – und durchaus mit Augenzwinkern zu betrachtenden – Überbau als das genießen, was sie im Wesentlichen sind: cinematische, hervorragend arrangierte Popmusik.
Jonathan Bree hat seinen musikalischen Ansatz über die bisherigen fünf Alben immer weiter entwickelt, bis hin zum bisherigen Höhepunkt "Pre-code Hollywood". Vom Kammerpop des Debüts ausgehend, wurden Instrumentierung, Songwriting und Sound immer üppiger und Brees ohrenstreichelnder Bariton immer kraftvoller in Szene gesetzt. Doch nun hat er neben der permanenten Verwandtschaft zu The Divine Comedy und The Magnetic Fields seine inneren Bryan Ferry, Simon Le Bon und Serge Gainsbourg so richtig gechannelt und ein Konzeptalbum rund um die in vielerlei Augen schönste (Neben-?)Sache der Welt geschaffen. Nein, nicht Fußball.
Das fängt schon mit der ersten Vorabsingle "Live to dance" und deren filmischer Umsetzung an. Musikvideokenner haben sicher sofort das Vorbild erkannt: "The chauffeur" von Duran Duran. Nacktheit, schöne Menschen, Tanzen, kleine Killer-Story am Rande. Möglicherweise aufkommende Sexismusvorwürfe entkräftet der Künstler, indem er auf diesem Album bevorzugt mit Frauen zusammenarbeitet. Princess Chelsea, die schon früher mit ihm gearbeitet hat, singt neben eben genannter Single noch auf zwei weiteren Highlights – dem wunderschönen und von einem herrlichen Refrain gekrönten "Part-time lover" sowie dem episch zum Albumfinale hinschleichenden "Slow", welches die Film-Noir-Stimmung der Platte perfekt einfängt.
Die weiteren Partnerinnen sind Brees Landsfrau Rachel Clarke auf dem nach hinten heraus immer mystischer klingenden "Savour my love", Eloïse Labarbe-Lafon als flüsterndes und minimalistisches "Chameleon" und die Französin Adah Dylan, die auf dem Titeltrack ganz klar unterscheidet: "Don’t call it love ... when we fuck." Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Aber nicht nur die durchweg gelungenen Duette zünden, auch die übrigen Songs sind von durchweg starkem Songwriting. Vielseitige Sounds zwischen akustischen (mehr Gitarren als früher!), orchestralen, elektronischen und eher perkussiven Momenten. Am Ende steht ein doch keineswegs zu langer Genuss für alle Sinne. Wie in einer schicken, samtbemöbelten Bar, in der permanent "Twin Peaks" läuft. Aber Vorsicht, wenn das Personal beginnt, sich rückwärts zu bewegen!
Highlights
- Disappear
- Live to dance (feat. Princess Chelsea)
- Part-time lover (feat. Princess Chelsea)
- Savour my love (feat. Rachel Clarke)
- Slow (feat. Princess Chelsea)
Tracklist
- Disappear
- Chameleon (feat. Eloïse Labarbe-Lafon)
- Game
- Cloak and dagger
- Confidant
- Honey
- Live to dance (feat. Princess Chelsea)
- Medicine
- This is me
- Part-time lover (feat. Princess Chelsea)
- Just like an angel
- Savour my love (feat. Rachel Clarke)
- Gun
- Don't call it love (feat. Adah Dylan)
- She was fun
- Slow (feat. Princess Chelsea)
- Little Miss No Name
Gesamtspielzeit: 73:17 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 15424 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-09-08 12:37:55 Uhr
Platten vor Gericht https://plattenvorgericht.blogspot.com/2026/09/jonathan-bree-dont-call-it-love.html?m=19 Musikexpress 3.5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/jonathan-bree-dont-call-it-love-review/ einen hab ich noch 4/5 https://einenhabichnoch.com/2026/08/28/jonathan-bree-dont-call-it-love/ |
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retyp Postings: 111 Registriert seit 31.05.2026 |
2026-09-04 01:12:41 Uhr
Sexismus ja, Vorwurf nein. Die nackten Brüste machen halt für mich überhaupt keinen Sinn und wenn es um die visuelle Umsetzung einer angeblichen Lust/Sex-Thematik geht, stellt sich die Frage, warum dann nur teilweise Nacktheit gezeigt worden ist. Denn ginge es um Kunst, wäre auch vollkommene Nacktheit nicht sexistisch. Aber dieses halbe im Video verrät ja, dass hier absichtlich kalkuliert worden ist, wie weit man gehen kann, ohne zensiert zu werden und wie weit man gehen muss, um ins Gespräch zu kommen.Abgesehen davon bleibe ich bei meiner 8/10 nach mehrmaligem Hören. |
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afromme Postings: 697 Registriert seit 17.06.2013 |
2026-09-03 17:51:40 Uhr
Ja, so hatte ich dich verstanden, alles gut.Für das Video fehlt mir vll die Duran Duran Referenz, beim Cover sehe ich dafür eine Rocky Horror Referenz (okay, da war es Tim Currys Hintern), weshalb ich es vll nicht genial aber okay finde. Aber genau darum ging's mir - man kann das alles toll, meh oder doof finden und man kann erklären, wieso. Meinetwegen auch einfach mit "optisch ist mir das zu billig/zu viel nackte Haut", was auch immer. Aber jede Folge DSDS war auch ohne Nacktheit sexistischer als dieses Album samt Videos und Cover. |
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Thom Best Plattentests.de-Mitarbeiter Postings: 40 Registriert seit 09.03.2023 |
2026-09-03 17:22:12 Uhr
Ich möchte übrigens klarstellen, dass ich da auch keinen Sexismus sehe (sollte aus der Rezi eigentlich ersichtlich sein). Das Cover ist ... nun ja, Geschmackssache. Das angesprochene Video ist sehr kunstvoll - und ja ohnehin als Hommage an Duran Duran zu sehen. Und die Texte lassen für Deutungen genug Raum. |
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afromme Postings: 697 Registriert seit 17.06.2013 |
2026-09-03 16:50:41 Uhr
Ich finde es irgendwie auch befremdlich, dass Nacktheit, vor allem weibliche, erstmal generell schnell das Sexismus-Label bekommt. Jahrelanges amerikanisches Prüderietraining dank Facebook, Insta und Co, oder woher kommt das?Irgendwie auch seltsam, dass parallel dazu Onlyfans uä sehr populär geworden ist, was irgendwie meist als self-empowering story verkauft wird, obwohl die dort bediente Schaulust auf Nacktheit oft eine noch viel stärker sexualisierte ist als in dem Bree-Video. Ist das Bree-Video also einfach nur "daneben", weil da Brüste zu sehen sind? Das wäre ja als solches sexistisch, zumal der Typ im Video auch oben ohne ist. Oder ist es deshalb "daneben", weil's ein männlicher Musiker ist? Was macht das mehr daneben als wenn's eine Frau wäre? Zu sehen sind Frauen von einer neuseeländischen "Danseuse"-Tanzgruppe (https://youtube.com/@bellasballerinas), sind die also jetzt auch alle sexistisch? Also... Ja klar, dass der Stern in den 80ern Cover mit nackten Frauen illustriert hat wenn das Titelthema der beste Rasen für den Sommer war... Total drüber. Aber dass wir jetzt ein Album haben, das sich ausdrücklich um Lust/Sex dreht und ernsthaft "Sexismus" als Vorwurf in den Raum gestellt wird, weil auf dem Cover ein Hintern und in einem der bisherigen Videos nackte Brüste zu sehen sind... Da schwingt das Pendel schon hart auf die andere Seite von "drüber". Ist ja okay, wenn man das Album oder das Thema oder auch das Video oder das Cover nicht mag. Ich finde das Cover... Okay-ish, die Videos durch die Bank sehr meh, aber das Album bisher 8/10. Aber das kann man auch einfach alles für sich finden und drüber reden, ohne einen -ismus-Vorwurf dranzuhängen. |
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Referenzen
The Brunettes; Princess Chelsea; The Divine Comedy; Patrick Wolf; The Magnetic Fields; Luke Haines; Jarv Is...; Pulp; Destroyer; Duran Duran; David Bowie; David Lynch; IAMX; Rufus Wainwright; Sam Vance-Law; Yan Wagner; Thomas Azier; Shearwater; H. Hawkline; Get Well Soon; Roxy Music; Bryan Ferry; Baxter Dury; Hercules & Love Affair; Serge Gainsbourg; Jane Birkin; Lawrence Arabia; Duke Special; Perfume Genius; Douglas Dare; The Auteurs; Black Box Recorder; Momus; The Wave Pictures; Owen Pallett; Herman Düne; Jens Lekman; Teitur; Nicolai Dunger; Sondre Lerche; Andrew Bird; Anohni; Daniel Blumberg; Mac DeMarco; Bobby Conn; Villagers; Kevin Morby; Meilyr Jones; C Duncan; BC Camplight; New Order; Siouxsie & The Banshees; The Walker Brothers; Nile Rodgers; Eloïse Labarbe-Lafon; Rachel Clarke; Adah Dylan
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