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Chelsea Wolfe - The dark

Chelsea Wolfe- The dark

Loma Vista / Concord / Universal
VÖ: 21.08.2026

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

In goth's country

Dunkelheit. Sie macht uns Menschen Angst, evolutionär verankerte Angst. In Finsternis können wir Dinge nicht mehr mit den Augen überprüfen. In der Steinzeit bedeutete Dunkelheit große Gefahr, weil nächtliche Raubtiere jagten, die Sicht extrem schlecht war und Verletzungen den sicheren Tod bringen konnten. Und ausgerechnet über "The dark" macht unsere liebste Düsterfolk-Existentialistin Chelsea Wolfe jetzt ein Album. Na, das kann ja heiter werden!

Kälte. Menschliche Existenz benötigt Wärme, ohne Schutz vor Kälte würden wir zugrunde gehen. Wolfe eröffnet ihre Songauslese über Urängste mit "Cold". Obwohl man ihr lauscht, wie sie über Eiseskälte in einer zerbrechenden Beziehung sinniert, wird es warm ums Herz. Verzagt tapst die Gitarre an den seelischen Abgrund heran, das Klavier streichelt sanft ermutigend über die Wange. Liebevollstes Schlussmachen ever. Und dann gibt im Chorus auch noch unweltlicher Hall diesem Opener eine nahezu sakrale Weite. Die Erlösung ist ganz nah. "I'm letting you go / I'm letting you win / I need to know that I'm without you." Am Ende wirkt Wolfe noch einen Zauberspruch und verschwindet im Äther. Nie war sie näher an so etwas wie Pop.

Einsamkeit. Schon alte Philosophen wie Sokrates verstanden den Menschen als fundamentales Gemeinschaftswesen. Das Ich entsteht erst aus dem Du? Wolfe spielt da nicht mit. Einfach war sie nie zu haben, auch jetzt nicht. Mit "I built a house around me / Just to hide from your gaze" setzt sie im brodelnden "Humours" klare Grenzen. Und als der Lärm sich legt, jault noch in der Ferne die Gitarre wie ein Kojote.

Kontrollverlust. Lange galt die Vernunft als das wahre Steuer des Menschen, während Gefühle als trügerische Störfaktoren betrachtet wurden. "Seethe" marschiert fast maschinell geradeaus, und Wolfes verschlingende Wucht kennt nicht einmal Zurückhaltung, wenn Störgeräusche aus Schrubbgitarren und elektrischer Statik ihren Vortrag unter Beschuss nehmen. Denn sie ist vorbereitet: "Got a knife in my pocket." Und dann brennt sie lichterloh. Ganz anders das verführerische "Swallower", das unter bittersüßer Verzerrung Grunge und Goth verheiratet. Das Hochzeitskleid ist natürlich pechschwarz. Wednesday Addams gefällt das.

Entmenschlichung. Nicht erst seit Kafkas Gregor Samsa wissen wir, dass mit Verwandlungen Werte, Empathie, Würde oder die individuelle Identität verloren gehen. In "I'm not there" beschwört Wolfe genau diesen Zustand herauf. "I'm so scared", haucht sie, aber das zieht sie jetzt durch. Wolfe fleht und barmt, ihre Band flackert und lodert. Und es funktioniert: "We're already strangers." In "Turn the key" gleitet sie erst wie eine Elfin aus dem Land aus Feuer und Eis über einen fragmentarischen Groove und steigt dann wie Phönix aus der Asche über dem Tumult der Instrumente empor. Die Band ist dem Anlass angemessen besetzt: Robin Finck (Nine Inch Nails), Matt Chamberlain (Tori Amos, ehemals Pearl Jam), Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age), Stella Mozgawa (Warpaint) und Justin Meldal-Johnsen (Tori Amos, St. Vincent, Beck) richten für Wolfe an. Und während zuletzt oft verfinsterte Elektronik großen Anteil an ihrem Klang hatte, kostet "The dark" den überwiegend geerdeten Sound aus. Lässt ihn leben. Spüren. Den Ascheregen atmen.

Tod. Das Ende? Mit "Death is not the end" überwindet Wolfe die Grenzen der menschlichen Existenz: Sie akzeptiert ihren Untergang nicht. "I'll see you again", wirft sie dem Sensenmann entgegen. Der hängt die Gitarren tief, doch sie summt ihn davon. Mit fragiler, ganz eigener Wucht stemmt sie sich gegen das Unvermeidliche – fast wie Eddie Munson, ihr Seelenbruder im fatalen Geiste. Aber sie obsiegt: "Rise to live again / Shapeshifting." Am Ende umspielen Streicher und himmlische Chöre die Überlebende. "And I'm floating / An angel in the kelp." Chelsea Wolfe hat auf "The dark" ihre Stimme gefunden, selten zuvor klang sie so kraftvoll und präsent.

Versöhnung. Ewiger Streit ist Menschen fremd, sie sehnen sich nach Wiederherstellung gestörter Verhältnisse. Im Titelstück schreitet Wolfe deswegen endgültig tief ins Dunkel hinein. Das Meer, der Wald, ihre Seele. Wenn sie über eine erlebte Selbstentfremdung fast flüstert, ist da erst nur die Akustische an ihrer Seite. "Who's this that I've become now? / A glimpse of what's to come down the line." Und doch ist da Hoffnung: "In a world that feels so heartless / The light returns." Sie akzeptiert ihr Schicksal, macht sich groß und erlaubt sich als Zuversicht getarntes Aufbäumen. Mit gespieltem Lächeln, aber ihr Rücken ist kerzengerade. "To be, to be the darkest thing / In the woods, in the woods / Ever I'll be."

Katharsis. Wolfe geht erneut – schon auf "Abyss" kostete sie menschliche Abgründe aus, auf "She reaches out to she reaches out to she" nahm sich selbst auseinander und "Hiss spun" war nicht weniger als ein persönlicher Exorzismus – an die Grenzen menschlicher Existenz. Sie ist dabei auf "The dark" nicht nur auf der Höhe ihrer Kunst, sondern übertrifft sich selbst. Einmal mehr. Wolfe tanzt nicht im Schatten. Sie IST der Schatten. Die Gestalten, die sie hier fast zärtlich in den unscharfen Fokus zieht, können nicht anders, als sich wie von ihr hypnotisiert zu bewegen. Ein Tanz der Verzerrungen und Überforderungen, eine Liturgie der Unzulänglichkeiten. Wolfe thront über ihnen allen. Als ihre Königin.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Cold
  • Swallower
  • The dark
  • Turn the key
  • Death is not the end

Tracklist

  1. Cold
  2. Seethe
  3. Humours
  4. Swallower
  5. Halo
  6. The dark
  7. Turn the key
  8. I'm not there
  9. Death is not the end
  10. Dancer in the sky

Gesamtspielzeit: 49:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

BadaBing

Postings: 178

Registriert seit 27.06.2013

2026-09-08 19:03:36 Uhr
Ganz tolles Album, das es in die persönliche Dauerrotation geschafft. Alleine der Beginn mit Cold und Seethe ist so genial.

Fundamentally_loathsome

Postings: 5

Registriert seit 26.12.2024

2026-08-29 12:24:13 Uhr
Cold 9
Seethe 6
Humours 6
Swallower 9
Halo 9
The dark 9
Turn the key 9
I'm not there 8
Death is not the end 9
Dancer in the sky 8

Insgesamt irgendwo zwischen 8 und 9, fantastisches Album. Ein wenig mehr Spielzeit wäre interessant gewesen, gerade weil sie doch einige verschiedene Facetten aufmacht denen mehr PLatz vielleicht gut getan hätte. Ansonsten wurde alles schon sehr treffend gesagt. Chelsea Wolfe wagt mehr klassisches Songwriting mit eingängigen Hooks, lässt ihrer Stimme Raum, und es ist wunderschön.

Meine Lieblingsstelle ist vielleicht in Halo:

"I swim the depths of your waters
The grief and the honor
I`ve paid my depts
But the world keeps on creeping and crawling
Like some kind of test
To see how long it can pull me back
There`s nowhere left just to be oneself"

OliverDing

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 250

Registriert seit 13.06.2013

2026-08-29 09:43:57 Uhr
In meiner Erinnerung habe ich Morrissey auch zu Abfeierzeiten stets auch differenziert wahrgenommen und beschrieben. An ein solches Totschlagargument kann ich mich nicht erinnern. Dass Morrissey inhaltlich mittlerweile komplett den Kompass verloren hat, ist unbestritten. Die Diskussion wäre aber in anderen Threads sinnvoller.

MasterOfDisaster69

Postings: 1076

Registriert seit 19.05.2014

2026-08-28 22:26:44 Uhr
nur hier herkommen, um dem Rezensenten nochmal eine auszuteilen, weil selbiger irgendwann mal was geschrieben hat, was dir nicht passte. War das wirklich notwendig? Bist nicht gut drauf heute? Lass mal ruhig gehen, ist doch Freitag...

oldschool

Postings: 1299

Registriert seit 27.04.2015

2026-08-28 20:57:53 Uhr
Ich mag das Album, lese aber keine Oliver Ding Kritiken mehr, da er ein Fanboy mit Scheuklappen ist, der damals sogar fragwürdige Eskapaden seines Idols Morrissey mit dem Argument 'paperlapapp' wegwischte. Superlativeschwelger sind der Tod der ernstzunehmenden Information.

Album ist aber dennoch geil
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