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Grace Cummings - Bloodhorse!

Grace Cummings- Bloodhorse!

ATO / PIAS / Rough Trade
VÖ: 14.08.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Siegerin der Schmerzen

Dass Grace Cummings mal eines ihrer Alben "Storm queen" genannt hat, lässt sich angesichts ihrer Stimmgewalt unter gesunder Selbsteinschätzung verbuchen. "Als würde sie ein Gewitter in der Brust tragen", beschrieb Kollege Lehrke passend dieses Organ, das manchmal an Nadine Shah oder Haley Fohr, manchmal an eine Kreuzung aus Nico und diversen Soul-Diven erinnert. Der Australierin würde es allerdings nicht gerecht werden, wenn man sie nur auf ihre Stimme reduziert. Auf ihrer vierten Platte "Bloodhorse!" hat Cummings den Purismus ihrer Anfangstage inzwischen komplett verabschiedet und präsentiert üppig arrangierten Art-Pop, der sich aus klassischem Soul, Rock, Folk und Country nährt. Mit teils schmerzvollem Körpereinsatz – mindestens einen Song nahm sie mit einer Lungenentzündung auf – entwickelt Cummings ihre künstlerische Identität auf einem Album weiter, bei dessen Unvorhersehbarkeit man nie weiß, wann man sich für den nächsten Sturm rüsten muss.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch Jonathan Wilson. Der Musiker und Grammy-nominierte Produzent brachte seine Erfahrung mit psychedelisch-ausschweifendem Folk-Pop bei "Bloodhorse!" mit rein und trug entscheidend zu dessen Vielschichtigkeit bei. Der Opener "The hills are alive with the sound of morphine" türmt sich nach seinen sanften Piano-Beschwörungen zu einem schweren Groove mit markantem Bass auf, der auch Elbow gut zu Gesicht gestanden hätte – und der gerade in der finalen Kulmination von Streichern, Bläsern und sägender Verzerrung eine wahnsinnige Sogwirkung entfaltet. "My god" hakt wiederum die für Art-Pop-Musikerinnen obligatorische Kate-Bush-Referenz ab, wenn der Song mit Synths und Achtziger-Drums den einen oder anderen Hügel hinaufrennt. Breitet Cummings hier einladend die Arme aus, kann sie an anderen Stellen ganz und gar unheilvoll wirken. Bestes Beispiel hierfür ist "Fake", nach dessen wellenförmiger Tragödienakrobatik in den letzten zwei Minuten nur noch ein flackernder Drone übrigbleibt.

Dass Cummings' Stimme in diesen dramatischen Kontexten brilliert, überrascht natürlich wenig, doch überzeugt sie auch in den leichteren Momenten, die "Bloodhorse!" immer wieder auffährt. Im Galopp hoppelt etwa der mitreißende Titeltrack vorwärts, während die 33-Jährige die letzten Refrains aus sich heraus schreit und das Orchester den Sack zumacht. Auch der Spätsechziger-Akustikgitarren-Pop von "I'm not crazy" schafft es, sein ausladendes Instrumentarium mit Orgel, Glockenspiel und anderem Tand so zu verpacken, dass es sich wie Handgepäck anfühlt. Zwischen teils abgründigen Sprachbildern und Schmerzartikulationen findet Cummings dabei auch regelmäßig Platz für Humor. "We still got the Rolling Stones", heißt es etwa in einem Track namens "John Lennon", der wie der Soundtrack zu einem klassischen Western klingt und seinen Titel zu einem mehrstimmigen Schlussmantra formt, das man höchstens per Brecheisen wieder aus dem Ohr bekommt.

Auf hohem Niveau muss sich "Bloodhorse!" einzig den Vorwurf gefallen lassen, dass es mit all seinen Hakenschlägen manchmal etwas zerfahren wirkt – man höre allein den "take two" des Titelstücks, der an dieser Stelle mal nicht gespoilert wird. Da lässt man sich lieber von der Geschmackssicherheit dieser herrlich anachronistischen Art des Songwritings einlullen, wenn sich etwa die mächtige Soul-Ballade "Witch! Witch! Witch!" zum hypnotischen Jam samt kurzer Saxofon-Einlage öffnet – oder wenn "My island and me" seine Reduktion mit einer um ihr Leben kämpfenden Stromgitarre aufbricht. Ein "bloodhorse" bezeichnet im Englischen ein zum Siegen verdammtes Rennpferd, womit Cummings eine passende Metapher für ihre künstlerischen Ambitionen findet und nicht etwa Pferde-Gore androht. Einzig, wenn sie im finalen "See you in fifty years" ihren Abschied bis 2075 ankündigt, muss man ein bisschen Angst haben. Schließlich haben wir gelernt, dass Grace Cummings ihre Titel ernst meint.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The hills are alive with the sound of morphine
  • Bloodhorse!
  • John Lennon
  • Witch! Witch! Witch!

Tracklist

  1. The hills are alive with the sound of morphine
  2. My god
  3. Paradise
  4. Fake
  5. Bloodhorse!
  6. Bloodhorse! (Take two)
  7. I'm not crazy
  8. John Lennon
  9. Witch! Witch! Witch!
  10. My island and me
  11. The magnum opus of the north is a cowboy
  12. See you in fifty years

Gesamtspielzeit: 42:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Lucas mit K

Postings: 669

Registriert seit 19.07.2024

2026-08-23 09:01:59 Uhr
Bin auch angefixt, spannendes Album. Ihre Stimme ist einfach heftig. In den richtigen Momenten total zwingend. Aber auch instrumental ist das so vielschichtig. Von modernem Singer-Songwriter über 60s Soul bis hin zu Glamrock höre ich da echt viel raus. Das werde ich noch häufiger hören.

gawain

Postings: 300

Registriert seit 13.06.2013

2026-08-19 21:00:17 Uhr
Wow! Das begeistert total. Waren die ersten drei Alben schon gut - das hier ist sehr kluge, verschroben-opulente Popmusik. Manchmal ein wenig so wie ich mir ein nächstes Circuit des Yeux-Album gewünscht hätte - vor allem "Fake" hätte da ausgezeichnet gepasst - dann wieder freidrehend wie im Titeltrack, der genauso losstürmt wie das namensgebende Pferd. Sehr, sehr gutes Album.

MickHead

Postings: 15407

Registriert seit 21.01.2024

2026-08-15 14:38:09 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://gracecummings.bandcamp.com/album/bloodhorse

Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/grace-cummings-bloodhorse-review/

MickHead

Postings: 15407

Registriert seit 21.01.2024

2026-08-14 09:45:30 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_kmylKl1ZOeILEkm0-BiWE4bWlAOD0YtDE&si=T1QqiDzUAplq_ijF

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/grace-cummings-bloodhorse-review/

CLASH 8/10

https://www.clashmusic.com/reviews/grace-cummings-bloodhorse/

Visions 9/12

Lucas mit K

Postings: 669

Registriert seit 19.07.2024

2026-08-12 06:49:12 Uhr
„I'm Not Crazy“ ist sehr schön.
Zum kompletten Thread

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