Shearwater - The new world
Polyborus / Cargo
VÖ: 31.07.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Das Rauschen des Mehr
Jonathan Meiburg nur als Musiker zu bezeichnen, würde dem Shearwater-Frontmann nicht gerecht werden. Zu nicht unerheblichen Teilen ist Meiburg Forscher – und das auch im ganz wörtlichen Sinn, da er bereits ein Buch über Raubvögel veröffentlicht hat und direkt nach den Aufnahmen von "The new world" zu einer Polarmeer-Expedition in die Antarktis aufgebrochen ist. Doch auch die Musik von Shearwater lebt von Entdeckungsfreude und Neugier: Da kann Meiburg textlich noch so oft zynisch und von der Menschheit ermüdet daherkommen, sein Interesse am Wesen unserer Existenz und der Welt um uns herum ist ungebrochen. "The new world" – das als Namensvetter zu einem Terrence-Malick-Film gleich im Titel ein gewisses Arthouse-Flair mitbringt – evoziert nicht selten eine offensivere Variante der späten Talk Talk und lässt ungewöhnliche Instrumente und Field Recordings zu einem grenzenlosen Wasserfall von Album zusammenfließen. Vom Multiinstrumentalisten Shahzad Ismaily über den ehemaligen Swans-Drummer und -Percussionisten Thor Harris bis zu Mitgliedern der malischen Band Ngoni Ba reicht die Genres und Kontinente umspannende Gästeliste der Platte, was die Offenheit von Shearwaters Kunstverständnis weiterhin unterstreicht.
Essenziell bleiben dabei das stetige Zweifeln und Fragen, da sich neues Wissen nur dann aneignen lässt, wenn man nicht die Antworten auf alles schon zu kennen glaubt. "How can you know / If you're wrong or right?", heißt es in "More and more", das einen eigentümlichen Groove mit verschobenem Piano und Kanun-Akzenten entwickelt und am Ende zur Konfrontation mit dem Ungewissen ermutigt: "They're leaving on the next plane / You see it in every pair of eyes / You shiver in the new rain / Go under / Or swim through the night." Zuvor trieb der Opener "Even song" seine Akustische durch ein brodelndes instrumentales Gewitter, das sich bis zum Schluss der vollständigen Entladung verweigert. Zwischen Klängen von tasmanischen Waldraben und Berliner Kirchenglocken erschaffen Shearwater Songs, die bei aller Freiförmigkeit ihre Dringlichkeit bewahren. Nie gibt sich das texanische Trio ganz der Abstraktion hin, baut seine Stücke auf einem stabilen Indie-Folk-Rock-Fundament. Besonders handfest gerät die Single "Daydream unbeliever" mit ihren schweren Drums und Piano-Anschlägen, bevor sich am Schluss ausladende Streicher in den Vordergrund drängen. "A mink in the dusk" bringt die westafrikanischen Einflüsse am stärksten zur Geltung, erzeugt eine Flöten-unterstützte perkussive Hypnose und kontrastiert diese mit hellen Gesangsharmonien im Refrain.
Generell sind die manchmal subtilen, manchmal auffälligeren Rhythmen ein Highlight der Platte. Es ist erstaunlich, wie "The only sound I'm afraid of" auf dieser Ebene immer mehr Kraft gewinnt, bis es zum beinahe stadiontauglichen Ausbruch samt der markantesten E-Gitarre des Albums kommt. "Slugs in the marigolds" schreitet dahingegen mit an David Bowie geschulter Eleganz vorwärts, wobei Meiburgs Stimmfarbe diese Assoziation sicher verstärkt. Dazwischen beweist "The high ranges", dass sich Virtuosität und Leisetreterei nicht ausschließen müssen, vereinnahmt die ganze Umgebung mit seinem unheimlich faszinierenden Zusammenspiel, während besonders Stehbass und Saxofon herausragen – Letzteres hilft später auch dabei, dem düsteren "Anamnesia" seine Gravitas zu verleihen. Zum Abschluss überraschen Shearwater, indem sie in "You and your dog" niemand Geringeren als Laurie Anderson ans Mikro treten lassen: Über einem jazzigen Instrumental trägt die Avantgarde-Koryphäe einen Spoken-Word-Text vor, der einen Strandspaziergang zum Monument der Entfremdung zweier sich einst liebender Menschen formt. Das ist ambig, naturverbunden, neugierig und dennoch ganz nah am emotionalen Kern des Lebens – und damit ein letztes Sinnbild für alles, was Shearwater künstlerisch auszeichnet.
Highlights
- More and more
- A mink in the dusk
- The high ranges
Tracklist
- Even song
- More and more
- Daydream unbeliever
- A mink in the dusk
- The only sound I'm afraid of
- The high ranges
- Slugs in the marigolds
- Anamnesia
- You and your dog
Gesamtspielzeit: 45:00 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Gomes21 Postings: 6323 Registriert seit 20.06.2013 |
2026-08-12 10:07:02 Uhr
Also ist bei mir leider zum Skipper geworden der Abschluss. Davor 9,5/10 |
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Gomes21 Postings: 6323 Registriert seit 20.06.2013 |
2026-08-12 10:06:32 Uhr
*pseudotiefsinnige |
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Gomes21 Postings: 6323 Registriert seit 20.06.2013 |
2026-08-12 10:06:16 Uhr
Das gesprochene als Stil stört mich überhaupt nicht. Aber sehr dass es so erzwungen eine Geschichte zu erzählen scheint die irgendwie pseudoscience Floskeln aneinanderreiht |
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fakeboy Postings: 6875 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-08-12 09:03:51 Uhr
Lyrics sind für mich fast immer zweitrangig. Ich finde vor allem die gesprochenen Vocals störend, zumal ich die Stimme von Jonathan Meiburg so sehr mag. Wirklich schade. |
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Lucas mit K Postings: 645 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-08-12 06:15:59 Uhr
„You and your dog“ ist schon ein Fremdkörper, aber für sich mag ich den sehr. Die Vocals von Laurie Anderson sind so einnehmend. He was such a good dog Such a good attitudе |
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Referenzen
Loma; Talk Talk; Mark Hollis; Efterklang; Okkervil River; Bill Callahan; Ryley Walker; Beth Orton; David Bowie; Bonnie 'Prince' Billy; Lambchop; Junip; Grizzly Bear; Midlake; Villagers; Other Lives; Great Lake Swimmers; Bon Iver; The Antlers; Pinetop Seven; Vic Chesnutt; M. Ward; Jesca Hoop; Sharon Van Etten; Andrew Bird; Beirut; The Decemberists; Elbow; The Besnard Lakes; Van Morrison; Tim Buckley; Nick Drake; Bob Dylan; Laurie Anderson; Patti Smith
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