Madeline Juno - Anomalie Pt. 2
Embassy Of Music / Tonpool
VÖ: 31.07.2026
Unsere Bewertung: 4/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Fast ironisch
Madeline Juno hat sich ihren Platz im Deutschpop längst erspielt und muss niemandem mehr beweisen, dass sie eingängige Songs schreiben kann. Deshalb wäre es zurecht an der Zeit, Abstand von glattgebügelter Perfektion zu nehmen. Ihr achtes Album "Anomalie Pt. 2" stößt dort nämlich erneut auf sein größtes Dilemma: Die Songs erzählen von Kontrollverlust, Sehnsucht und emotionalem Ausnahmezustand – musikalisch wirkt jedoch fast jede Sekunde bis ins Detail kontrolliert. Obwohl schon der Titel eine Fortsetzung markiert, bleibt Juno erstaunlich nah am direkten Vorgänger "Anomalie Pt.1", beide Teile hatte sie von Anfang an als Doppelalbum konzipiert. Neue Perspektiven oder ein hörbarer Entwicklungsschritt waren womöglich nie das Ziel. Trotzdem stellt sich zwangsläufig die Frage, warum es überhaupt zwei Teile in einem Jahresabstand braucht und wie die jeweilige Songsauswahl getroffen wurde, wenn die Klangwelt im Grunde nicht zu unterscheiden ist. Statt neue Facetten zu eröffnen, bestätigt die zweite Hälfte vor allem das, was Madeline Juno auf "Anomalie Pt. 1" etabliert hat: Sound, Stimmung und die Art, Emotionen zu inszenieren, sind die gleichen.
Der Opener "Bei aller Liebe" legt eine falsche Fährte. "Ich hab eigentlich das Drama aus meinem Leben aussortiert / Du bringst es wieder", singt Juno ungewohnt beiläufig, fast so, als würde sie mit einer Freundin beim Kaffeetrinken quatschen. Im Hintergrund schleppt sich ein dezenter Beat nach vorne. Viel mehr passiert nicht, der Song bleibt reduziert im Tim-Bendzko-Gedächtnis-Modus. Mit "Suffering in style" zieht die Produktion direkt deutlich an, Synthesizer schichten sich übereinander, und ab hier wird das Album lauter, größer, schneller. Der Unterschied zwischen den folgenden Songs bleibt jedoch vor allem oberflächlich. Insbesondere Tempo und Arrangement wechseln, emotional bewegt sich das Album fast durchgehend auf derselben Frequenz. Immer wieder geht es um junge Liebe, Nähe, Sehnsucht und berauschende Gefühle – Themen, die Juno durchaus beherrscht, die hier aber selten neue Seiten zeigen. "Gläubig" etwa übersetzt körperliche Anziehung konsequent in religiöse Bildsprache. Das ist zunächst eine originelle Idee, die aber schnell in Übersättigung kippt: Wenn jede Berührung zur spirituellen Offenbarung erklärt wird, wirkt das weniger mutig und eher bemüht bedeutungsschwer. Dazu kommt ein so schneller, überdrehter Refrain, der nicht anders kann, als direkt zum lästigen Ohrwurm zu werden.
Ein weiterer, präsenter Knackpunkt ist Junos Betonung in ihrem Gesang: Fast jede Zeile wird mit derselben fragilen Kopfstimme vorgetragen, Silben werden gedehnt, Vokale nach oben gezogen und Wörter so stark geformt, dass sie teilweise kaum noch verständlich bleiben. Was vermutlich zerbrechlich und unmittelbar wirken soll, klingt erstaunlich einstudiert. Verletzlichkeit wird zum Stilmittel. Und ein solches verliert seine Wirkung, wenn es permanent eingesetzt wird. Die affektierte Stimme trägt dazu bei, dass die Atmosphäre sich wiederholt. Nach einigen Songs ist längst nicht mehr klar, ob nicht immer wieder Variationen desselben Stücks zu hören sind. Gitarren tauchen vereinzelt auf, elektronische Beats sorgen für zeitgemäßen Deutschpop, und die Refrains erfüllen zuverlässig ihren Zweck. Die Produktion scheint jede Unebenheit aber vorsorglich auszubügeln – ausgerechnet auf einem Album, das ständig von Widersprüchen und emotionalem Chaos erzählt. Deshalb wirkt auch der Titel fast ironisch. Eine Anomalie beschreibt schließlich eine Abweichung. Das Album entscheidet sich aber fast immer für den vertrauten Weg, und das Songwriting von Juno droht, zur Schablone zu werden. Für Fans dürfte diese Verlässlichkeit ein Pluspunkt sein. Gleichzeitig bleiben wenig Argumente, warum diese Geschichte nicht auf einer einzigen Platte Platz gefunden hat.
Highlights
- Gläubig
Tracklist
- Bei aller Liebe
- Suffering in style
- Indigo
- Gläubig
- Funkstille
- Wärst du mir nie passiert
- Untertitel
- Godzilla
- Nicht mit dir
- Frieden im Herz
- Homescreen
- Pakt
- In meinem Kopf
Gesamtspielzeit: 38:12 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
Teile uns Deine E-Mail-Adresse mit, damit wir Dich über neue Posts in diesem Thread benachrichtigen können.
(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
|---|---|
|
Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30941 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-07-29 21:25:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Mathea; Lea; Lotte; Esther Graf; Kati K; Luna; Ness; Wilhelmine; Elif; Glasperlenspiel; Klan; Frida Gold; Mone; Mia Morgan; Marie Bothmer; Alli Neumann; Lori; Katha Rosa; Enkay; Kayef; Anna Grey; Sandra Hesch; Sophia; Nina Chuba; Ikkimel; Mark Forster; Sarah Connor; Max Giesinger; Christina Stürmer; Juli; Yvonne Catterfeld; Mia.; Mieze Katz; Joris; Vanessa Mai; Alexa Feser
Bestellen bei Amazon
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Madeline Juno - DNA
(2017)
Madeline Juno - Salvation
(2016)
Madeline Juno - The unknown
(2014)
Threads im Plattentests.de-Forum
- Madeline Juno - Anomalie Pt. 2 (1 Beiträge / Letzter am 29.07.2026 - 21:25 Uhr)
- Madeline Juno - Anomalie Pt. 1 (1 Beiträge / Letzter am 27.06.2025 - 20:11 Uhr)
- Madeline Juno - Nur zu Besuch (1 Beiträge / Letzter am 24.01.2024 - 20:36 Uhr)
- Madeline Juno - Besser kann ich es nicht erklären (10 Beiträge / Letzter am 12.01.2022 - 23:03 Uhr)
- Madeline Juno - Was bleibt (4 Beiträge / Letzter am 31.08.2019 - 20:47 Uhr)
- Madeline Juno - Waldbrand EP (5 Beiträge / Letzter am 23.06.2019 - 11:29 Uhr)
- Madeline Juno - Neues Album (1 Beiträge / Letzter am 16.06.2018 - 19:53 Uhr)
- Madeline Juno - DNA (8 Beiträge / Letzter am 12.09.2017 - 17:07 Uhr)
- Madeline Juno - Salvation (9 Beiträge / Letzter am 28.02.2016 - 14:17 Uhr)
- Madeline Juno - The unknown (7 Beiträge / Letzter am 11.03.2014 - 15:06 Uhr)







