Charli XCX - Music, fashion, film
Atlantic / Warner
VÖ: 24.07.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
A world of pain
Manchmal fügen sich Dinge in unerwarteter Form zusammen. Einige Zeit bevor Charli XCX ihr jüngstes Album "Music, fashion, film" veröffentlichte, hatte ich bereits die Promo zu "∞+1" von Bilderbuch in der Mailbox, das eigentlich erst knapp zwei Monate später erscheint. Kurioserweise sind sich beide Platten unerwartet nah: Während Charli ihre Musik mit surrenden und sägenden Gitarren in Richtung Electroclash schiebt, präsentieren sich Bilderbuch mehr denn je als Studio-Kreation und Effektwunder, ohne dass sie aufhören würden, wie eine echte Band zu klingen. Beide nutzen so viele Stimmeffekte, dass man Angst haben muss, die Visions ziehe die gefürchtete Tiefstwertung. Und auch thematisch ist hinter einem ausgelassenen, sexuell aufgeladenen Vordergrund ein düsteres Weltbild, das mal fasziniert vom Tod wirkt, mal apokalyptisch anmutet. Sign of the times?
Natürlich hält "Music, fashion, film" kein österreichisch-englisches Sprachgemisch bereit. Wie gewohnt baut Charli XCX Metaebene um Metaebene in ihre Texte ein, sodass man anderswo längst den Statiker hätte bestellen müssen. Den Albumtitel stellen in stilvollem Schwarzweiß John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese nach, die mal eben für einen Fotoshoot zusammengebracht wurden. Isoliert wirkt Charli XCX dennoch, weshalb das einzige Feature auf dem Album erst ganz am Ende steht und nicht aus der Musik-, sondern aus der Filmwelt kommt. Der 83-jährige Regisseur David Cronenberg – unter anderem verantwortlich für den Film "Crash", der Charlis gleichnamiges Album inspirierte – wird mit einem Interviewausschnitt eingeblendet, in dem er über ewigwährende Kunst philosophiert, die zwar Jahrtausende überdauern kann, die zugehörigen Kunstschaffenden aber dennoch aus ihrer Perspektive schlichtweg tot sind. Am Ende fängt ein unheimlicher Loop seine Worte ein: "They are dead / They are gone / No one lasts forever." Im Vergleich zu "Brat" ist mehr Schmerz angesagt.
Diese Tiefe hängt quer über "Music, fashion, film", kommt selten so stark durch wie im Closer, aber führt zu solchen Zeilen wie dieser im vergleichsweise subtil arrangierten "SS26": "We're walking on a runway that goes straight to hell / Nothing can save us / Not music, fashion or film." Trotz allem ist diese halbe Stunde kein Ausbund an Konsequenz. Auch wenn die im Opener versprochene "Rock music" sich in Teilen tatsächlich Bahn bricht wie bei "Yeah", das im Refrain einfach mal den Verzerrer in den roten Bereich dreht – ein durchgehend punkiges Energiebündel wie einst "Sucker" ist die Platte nicht. "Yeah" ist außerdem nicht der einzige Song, der wie eine Skizze wirkt, was sich in diesem Fall vor allem am doch sehr minimalistisch gehaltenen Text zeigt. Die meisten Stücke kommen auf nicht viel mehr als zwei Minuten, brechen gern kurzerhand ab. Das wundervoll lethargische "Card declined" hält sich sogar noch einen Ausschnitt der B-Seite "I keep on thinking bout you every single day and night" als Chihuahua in der Handtasche.
So stehen einerseits offensiv leichtfüßige Innuendo-Eskapaden wie "Wink wink" und andererseits "Magic metal Montana", die nette Liebeserklärung an Kollaborateur A. G. Cook, recht allein auf weiter Flur und werden unter anderem flankiert von der existentialistischen Beziehungsangst in "I'm afraid". "I'm afraid, I'm afraid / I'm nothing without him / Take the ring, take the ring." Und auch: "All this pain makes me believe / I'm a better artist now." Doch an "Brat" kommt "Music, fashion, film" nicht vorbei, das weiß es auch und will es auch gar nicht. Charli XCX hat ein zerrissenes kleines Werk geschaffen, das ein weiteres Mal sie selbst reflektiert und ganz nebenbei auch noch ein paar Banger abwirft. Man kann beispielsweise davon irritiert sein, wie der schmissige Opener am Ende unvermittelt abbricht, als er eigentlich explodieren sollte. Aber wenn alles egal ist? "I'm really banging my head / I'm really hurting my neck / The nerve damage is real / But it's the only way to feel something / Hurt yourself / Yeah, maybe jump off the stage / I hope they catch you today / But if they don't, it's okay." Charli XCX hat sich dem Nihilismus zugewendet. Vorsicht, Dude.
Highlights
- Card declined
- Camera
- No one lasts forever (feat. David Cronenberg)
Tracklist
- Rock music
- SS26
- Card declined
- Camera
- 2007
- I'm afraid
- Yeah
- Wink wink
- Persona
- Magic metal Montana
- No one lasts forever (feat. David Cronenberg)
Gesamtspielzeit: 30:08 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Kojiro Postings: 5357 Registriert seit 26.12.2018 |
2026-08-08 14:02:54 Uhr
Klasse:https://www.youtube.com/watch?v=lv3wm-tN--0&list=RDlv3wm-tN--0&start_radio=1 |
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Lucas mit K Postings: 645 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-08-08 07:57:03 Uhr
Diese funkelnde Gitarre in „Camera“ ist schon toll. |
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Francois Postings: 1661 Registriert seit 26.11.2019 |
2026-08-07 20:19:29 Uhr
Ich finde das Album gut - mit 30min ideal, um das in einem Durch zu hören. Und in dieser Woche lief das Album sicher ein Dutzend MalFunktioniert! |
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hrb Postings: 11 Registriert seit 06.10.2023 |
2026-08-06 17:40:57 Uhr
Puh, ich bin wirklich zwiegespalten von dem Album. Liebe ihre vorigen Dancefloor-Sachen und halte sie in der Hinsicht für die bestimmende Pop-Künstlerin der letzten 10 Jahre. Gleichzeitig fühlt sich das Album für mich bisher noch wie eine Sophomore Avri Lavigne-Platte an. Das ist nicht zwingend schlecht, aber nicht unbedingt originell in meinen Ohren. Holt mich nicht flächendeckend ab. Gleichzeitig läuft SS26 auf Dauerschleife. So ein Ohrwurm, Wahnsinn. |
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Grizzly Adams Postings: 7168 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-08-04 16:44:11 Uhr
Mit einem negativen Post einsteigen ist quasi Zugangsvoraussetzung. ;-) Wenn du bald mal eine Band oder Künstler/in positiv bewertest, sei dir sicher, dass du dafür auch gleich Gegenwind bekommst. In diesem Sinne: Herzlich Willkommen Magdalena! |
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Referenzen
Lorde; Miley Cyrus; Björk; Tove Lo; Arca; Sophie; Sky Ferreira; Katy B; Kylie Minogue; Annie; Uffie; Peaches; Bilderbuch; Cassius; Stardust; DJ Mehdi; Boys Noize; Fischerspooner; Goldfrapp; Robyn; Lily Allen; Kesha; Allie X; Dua Lipa; Lady Gaga; Let's Eat Grandma; Marina; Hannah Diamond; A. G. Cook; Danny L Harle; Chicks On Speed; Elastica; Kero Kero Bonito; Aphex Twin; Madonna; Taylor Swift
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