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Kelela - New avatar

Kelela- New avatar

Warp
VÖ: 10.07.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Y2Kelela

Passend zum Albumtitel ist Kelelas einzigartiges Soundbild um noch eine Facette reicher geworden. Mit "New avatar" erweitert sie ihren Alternative R'n'B um handgemachte Gitarrenparts, ohne dabei den rhythmischen Electro-Anteil herunterzuschrauben. Grenzen sprengend und freigeistig klang die 43-Jährige schon immer, doch diese neuen Elemente fallen selbst bei ihr sofort auf. Mal hören wir Gitarrenriffs mit Arpeggios und Picking, die so auch eins zu eins in einem Emocore-Standardsong der frühen Zweitausender platziert sein könnten. Daneben gibt es immer wieder Grunge-Anleihen oder irgendeine Ästhetik des Alternative Rock aus den späten Neunzigern. Das geht schon beim Albumcover los, einer Nahaufnahme in umgekehrten Farbtönen, sodass Kelela Mizanekristos quasi cyber-spektral wirkt – also in etwa wie ein MySpace-Profilbild von damals, aber auch erinnernd an legendäre Artworks der Deftones oder von Evanescence. All das sind keine Zufälle, denn genau zu der Zeit, auf die sich hier künstlerisch bezogen wird, spielte Kelela selbst in Indie- und Prog-Metal-Bands, ungefähr während ihrer Studienjahre in Washington. Tatsächlich entwickelte sie ihren heute so ikonischen Stil erst danach und mit einem Umzug nach Los Angeles. Dann kam ihr Tape "Cut 4 me" (2013), und der Rest ist Geschichte.

Auf ihrem nun dritten Studioalbum verwebt Kelela also ihre musikalischen Anfänge mit dem Erfolgssound der Gegenwart – das Ergebnis mag düsterer oder melancholischer als erwartet daherkommen, ergibt aber eine sehr gelungene Gesamtkomposition. Auch das ist typisch Kelela. Diese Mischung aus Rock-Arrangements und R'n'B-Gesangsstil kommt bei "Goin down" wunderbar exemplarisch zur Geltung, ohne dabei an Soul einzubüßen. Etwas eindeutiger im UK-Garage-Stil gehalten ist "Don't piss me off", das neben Ähnlichkeiten zu Burial und zischenden Beats in Kombination mit Eurodance-Einflüssen vor allem durch raue Zeilen über eine ungesunde Liebe Eindruck macht. Aber vor allem die ersten Tracks der Platte klingen im besten Sinne wie aus einer anderen Welt, wenn hochmoderne Synths, Drums und Bässe auf Oldschool-Shoegaze treffen und wie in der ersten Single "Idea 1" einen Spannungsbogen erschaffen, der Kelela zu neuen Höchstleistungen antreibt. Sie selbst beschreibt den konfrontativen Opener als Auseinandersetzung mit der Last, die schwarzen Frauen auferlegt wird, "die Wahrheit (…) auszusprechen", während die Welt um sie herum aus den Fugen gerät. Ein gewisser Weltschmerz zieht sich dezent durch das ganze Album, vielleicht sogar eher stimmungsmäßig als lyrisch, ohne sich jemals aufzudrängen. Und trotzdem: Wenn Kelela etwas bewegt, spricht sie das direkt an, wie im ebenfalls fantastischen "Point blank", das explizit Geschlechterdynamiken behandelt. "Linknb", ein weiteres Highlight, dient als zweite Single und Quasi-Titeltrack, der die Aufgabe des neuen Avatars gut auf den Punkt bringt: "Where, where do I go? / When it's me on my own / Seed to a star / New avatar", womit dieses neue, so faszinierende Soundbild auch textlich eingeleitet wird.

Dieser Stilbruch macht so viel Lust auf mehr, dass die knapp vierzig Minuten zu schnell vorbei sind. Passend dazu gibt es nur drei Features, allesamt bockstark. PinkPantheress haucht auf "The bridge" genug Pop-Fröhlichkeit ein, sodass zwischen all der Konfrontation und dem Schwermut auch Zeit für Hedonismus bleibt. Mit dem Londoner A. K. Paul inszeniert Kelela auf "Outta time" eine bedrohlich schöne Kulisse, die sowohl eine vergehende Beziehung als auch die Apokalypse bittersüß schmücken könnte. Der einzige Rap-Part der Platte kommt von Fousheé auf "New life forms", einem der weicher gehaltenen Momente. Weiter weg von den Gitarren bewegt sich keiner der Tracks. Doch nur ganz wenigen gelingt überhaupt diese Annäherung von gutem, altem Rock und Rhythm'n'Blues; darüber hinaus erweiterten musikalische Genies wie Prince diese komplizierte Fusion einst zu einem eigenen Stil. Kelela ist hier Ähnliches gelungen. Der Platte ist glücklicherweise anzumerken, dass hier Inspirationen von Prince (am deutlichsten bei "Crystalize") und Janet Jackson, aber auch Nirvana (siehe "Against me") einfließen. Ebenso spürbar ist die Fachkenntnis von Mizanekristos, die den Facettenreichtum von R'n'B über alle Grenzen hinaus ausspielt und gleichzeitig ihre persönlichen Lebenssituationen aus Vergangenheit und Gegenwart verarbeitet. Wie es sich anhört, als schwarze Frau, Teil der LGBTQ+-Community und Avantgarde-Musikerin über die Angst vor dem Untergang der Welt, Verletzlichkeit und Gefühle aller Art zu singen, wurde mit "New avatar" eindrucksvoll bewiesen.

(Maximilian Baran)

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Highlights

  • Idea 1
  • Goin down
  • Outta time (feat. A. K. Paul)
  • Linknb

Tracklist

  1. Idea 1
  2. Point blank
  3. Goin down
  4. Outta time (feat. A. K. Paul)
  5. Against me
  6. Crystalize
  7. Retaliation lullaby
  8. Linknb
  9. Don't piss me off
  10. New life forms (feat. Fousheé)
  11. The bridge (feat. PinkPantheress)
  12. If we meet again

Gesamtspielzeit: 40:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ituri

Postings: 611

Registriert seit 13.06.2013

2026-08-11 20:41:01 Uhr
Schön geschrieben. Absolute Zustimmung.

boneless

Postings: 7344

Registriert seit 13.05.2014

2026-08-10 19:12:23 Uhr
Die frühe Burialatmosphäre in vielen Tracks ist schlicht fantastisch. Wie das ganze Album. Diese intime, knisternde Wohlfühlatmosphäre, mit der man sich am liebsten zudecken möchte. Wie geschmackvoll können Sounds und Beats in ein Gesamtbild eingebettet werden? Es ist der Wahnsinn. Und über all dieser Harmonie schwebt Kelelas körperloser Gesang, der ebenso präzise wie scharf durch die nächtliche Szenerie schneidet. Großartig.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30941

Registriert seit 08.01.2012

2026-07-16 20:35:37 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

"Album der Woche"!

Meinungen?

Ituri

Postings: 611

Registriert seit 13.06.2013

2026-07-16 20:27:43 Uhr
Gelungenes Album der Woche!!!

joseon

Postings: 1782

Registriert seit 04.09.2023

2026-07-11 12:25:15 Uhr
Lief hier gerade zum fünften Mal seit gestern und langsam setzt es sich in den Hörgängen fest, nachdem der Ersteindruck nach all den Vorschusslorbeeren doch eher unterwältigend ausfiel.
Zum kompletten Thread

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