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The Rolling Stones - Foreign tongues

The Rolling Stones- Foreign tongues

Polydor / Universal
VÖ: 10.07.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Beasts of Bourbon

Auweia, ein neues Stones-Album. Braucht es da nicht im Intro den ganz großen Überbau mit drei bis vier Ironie-Ebenen? Nö. Sparen wir uns doch einfach die immergleichen Hinweise auf Alter und Kontostand der Protagonisten, diskutieren wir nicht das Für und Wider geriatrischen Musizierens, konzentrieren wir uns doch einfach direkt ohne Namedropping, pfeiferauchende Feuilleton-Analysen und sonstiges Einleitungs-Gewäsch auf das, was die Rolling Stones anno 2026 vorlegen: 14 Tracks, eine runde Stunde Spielzeit. Wohlan!

Beim Intro des Openers "Rough and twisted" zuckt man erst mal zusammen. Mehr Schweine-Bluesrock geht eigentlich nicht: erst abgestoppte, dann kreischende Fuzzgitarren, stumpfe Drums, rotziger Gesang. Später wird sich eine Blues-Harp durchs Klangbild fräsen, wir hören rasselnde Saloon-Klavier-Triolen und dergleichen mehr: Hier werden gleich zu Beginn die Genre-Klischees dermaßen mit dem Wasserwerfer rausgeballert, dass sich alle Nackenhaare aufstellen. Und trotzdem; es ist ein bisschen wie auf dem Straßenfest, wo eine drittklassige Live-Band spielt, proletarischer Harn in Berberitzenbüschen glitzert und dünnes Bier mit starker Krängung im Plastikbecher schaukelt: Der Fuß wippt am Ende dann doch mehr und mehr mit, obwohl der Intellekt die ganze Zeit "nein!" dazwischenfunken will. Weil: Es groovt, und der Song entwickelt sich im Verlauf noch deutlich weiter. Bei der nächsten Nummer reibt man sich wiederum kurz die Augen ob des Kontrasts zum Vorgänger: "In the stars" fängt handzahm-poppig an wie ein Spandau-Ballet-Song, um dann in eine herrlich rumpelnde, aber blitzsauber komponierte Stadionrocknummer einzubiegen. Man staunt bei der Gelegenheit auch, wie gut Jagger noch singen kann und wie sehr es Steve Jordan als Nachfolger von Charlie Watts gelingt, dieses typische Eiern zu emulieren, das Watts' Trommelei stets ausmachte – ja selbst das Songwriting ist nicht von schlechten Eltern, denn der Refrain bohrt sich gleich beim ersten Hören ins Hirn. Kann man machen!

Und ebenso abwechslungsreich und vielschichtig geht es weiter: Ob es nun das herrlich-schmalzige, Prince zitierende Falsett Jaggers, die sahnige Hammondorgel und die unvergessliche Stimmung von "Beast of burden" in "Jealous lover" ist – oder auch die extrem ausgeruhten Country-Anleihen in "Divine hollow"; da möchte man sofort mit einem sauber eingeschenkten Bourbon neat, hochgelegten Füßen (Cowboystiefel, klarklar!) auf einer verstaubten Südstaaten-Veranda sitzen, auf die Holzdielen aschen und in den Sonnenuntergang blinzeln. Sehr überraschend auch "Never wanna lose you", wo nicht nur Steve Winwood (ja, der!) ein 1a quäkendes Fender Rhodes beisteuert, sondern auch Robert Smith (ja, der!) im Hintergrund mitbrummelt und hier und da ein paar Synthie-Tasten drückt. Da wird musikalisch zwar nicht das Rad neu erfunden, aber der sacht groovende Spaß, den die versammelten Musiker bei der Einspielung offensichtlich hatten, überträgt sich ohne jedweden Reifenabrieb auf die Hörer*innen. "Some of us" wiederum gewinnt dadurch, dass Keith Richards den Leadgesang übernimmt; komischerweise muss man bei Intonation und Phrasierung mehr als einmal an Udo Lindenberg denken. Aber warum auch nicht: Beide Sänger eint ein biblisches Alter von über 80 Jahren sowie eine gewisse Grundaffinität zum gepflegten Getränk.

Nicht alles ist toll. Eher vorhersehbar rocken Tracks wie "Side effects" und "Hit me in the head" daher, und "Covered in you" weiß bis zum Ende nicht so genau, ob es nun eigentlich Ballade oder Stadionrock sein will. Wobei, nochmal: Das ist Jammern auf hohem Niveau; echte Langeweile oder das zwingende Bedürfnis, die Skip-Taste zu drücken, kommt selbst bei diesen Stücken nicht auf. Und zum Glück ist das Ende des Albums nochmal richtig stark: Das mehr als sechs Minuten lange "Back in your life" ruft beste Erinnerungen an die Superballade "Angie" hervor und evoziert Gefühle, die man nun einmal nur so mit den Stones assoziiert: melancholisch, bisschen zornig, aber auch mit einem überlegenen Grinsen im Gesicht, denn am Ende geht es darum, stets windschief-ragend mit Kippe im Mundwinkel die Haltung zu bewahren und sich nicht von den Widrigkeiten des Lebens ins Bockshorn jagen zu lassen. Ganz klar die beste Nummer des Albums. Chuck Berrys "Beautiful Delilah" als Rausschmeißer schließt sodann den musikalischen Bogen als lupenreine, schnörkellose Uptempo-Bluesnummer mit Bottleneck-Gitarre, gegröltem Gesang und ganz am Ende einem dreckigen Lachen von Mick Jagger. Zack!, ist eine unterhaltsame Stunde rum und man könnte sich glatt noch einen einschenken lassen: "Herr Ober, tunse uns nochmal die Luft aus dem Glas!"

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Jealous lover
  • Never wanna lose you
  • Back in your life

Tracklist

  1. Rough and twisted
  2. In the stars
  3. Jealous lover
  4. MrCharm
  5. Divine intervention
  6. Ringing hollow
  7. Never wanna lose you
  8. Hit me in the head
  9. You know I'm no good
  10. Some of us
  11. Covered in you
  12. Side effects
  13. Back in your life
  14. Beautiful Delilah

Gesamtspielzeit: 60:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

ijb

Postings: 8651

Registriert seit 30.12.2018

2026-07-26 23:01:34 Uhr
Ich höre die tatsächlich häufiger. Wird womöglich mein meistgehörtes Album in diesem Jahr werden. Das hätte ich auch nie gedacht.

7th Seeker

Postings: 662

Registriert seit 13.06.2013

2026-07-26 22:53:54 Uhr
Nichts davon erwartet, aber das macht beim ersten Hören überraschend viel Spaß - das werde ich den Rest des Sommers über sicherlich noch häufiger hören

Sneedlewoods

Postings: 2411

Registriert seit 07.05.2023

2026-07-22 09:31:37 Uhr
Ich bin alt genug um mich an meine erste Single von den Rolling Stones zu erinnern. Auch nicht so schwach bei Gedächtnis das "Some Girls" das letzte Album der Band war, dass ich bis zum geht nicht mehr gehört habe. Dann kam "Hackney diamonds" ein Album das ich so nicht erwartet hatte. Genauso wenig wie das aktuelle! Wenn man es nicht besser wüsste, würde man nicht auf ein Album tippen, dass von 2 Ü80 und einem knapp darunter Musiker zusammen mit diversen Gastmusikern eingespielt wurde.
Rolling Stones-Foreign tongues
bekommt 9,5/10

JohnWesley

Postings: 77

Registriert seit 13.04.2025

2026-07-17 15:10:19 Uhr
Diesmal liegen Jochen Reinecke und meine Wichtigkeit dann doch etwas weiter auseinander. Dabei hatte er z.B. „A Certain Ratio-It All Comes Down To This“ oder auch „Bambara-Birthmarks“ noch mit „sehr gut“ bewertet, beides auch von mir besonders geschätzte Alben.

Die Einleitung seiner Rezension zu diesem neuesten Stones Album lies mich allerdings erst einmal den Kopf schütteln. Denn für mich gibt es mit „Rough And Twisted“ und „In The Stars“ keinen ähnlich starken Albumbeginn seit „Goats Head Soup“ von 1973!

Die wohlwollende weitere Besprechung beruhigte mich wieder und insgesamt hätte die Albumbewertung etwas höher ausfallen sollen.
Meine 8-9/10 ist allerdings beim hiesigen Plattentest auch nicht vorgesehen. ;-)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30941

Registriert seit 08.01.2012

2026-07-16 20:34:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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