Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Quicksand - Bring on the psychics

Quicksand- Bring on the psychics

Equal Vision / Rude
VÖ: 17.07.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Am Zopf aus dem Sumpf

Musik kennt viele Wege, Emotionen erfahrbar zu machen. Von Texten über Melodien hin zu Klangfarben, Rhythmen und den unterschiedlichen Spielarten menschlicher Stimme – all das lässt uns auf unterschiedlichste Weise fühlen. Auch gibt es Musik, deren größte Wucht sich nicht aus ihrer Lautstärke speist, sondern aus dem Augenblick, in dem sie die Kontrolle für einen Moment abzugeben scheint. Und wir mit ihr. Quicksand können davon ein Liedchen singen. Wenn Walter Schreifels – so der schicksalsträchtige Name – seine Stimme zwischen melodischer Verzweiflung und aufgerissener Kehle pendeln lässt, gerät die Musik genau an jenen Punkt, an dem sich Gedanken, Zweifel und Widersprüche eben nicht länger in wohltemperierte Harmonien übersetzen lassen. Gerade deshalb greift es auch zu kurz, "Bring on the psychics" ausschließlich unter dem Etikett Post-Hardcore abzulegen. Natürlich sind da die Gitarrenwände, der Satzgesang und jene eruptiven Screamo-Ausbrüche, die der Platte immer wieder Punch, Schmerz und Dringlichkeit verleihen. Doch unter ihrer Oberfläche arbeitet ein Geflecht aus den besten Genre-Einflüssen der letzten Jahrzehnte.

Der ohne Anlauf aus den Boxen schießende Opener "Get to it" öffnet ein Ventil, das sich bis zum finalen Song nicht wieder schließen wird. Ganz ohne Druckverlust. Im angegrungten "Days you run to" fühlt man – trotz anders gelagerter Gesangslinien – die Smashing Pumpkins liebevoll aus der Ferne grüßen. Deutlich sanfter als die anderen Songs der Platte, wagt man zu fragen: Is this Zartcore? "Moving forward" schickt im letzten Drittel mit melodischen Post-Punk-Gitarren und einer motorischen Achtel-Bassdrum ins bittersüße Moshpit-Glück. Ohne den Einsatz von Ellenbogen gegenüber der mithüpfenden Meute natürlich, sonst wär's ja kein "Post-". "Moving forward / Always forward" darf hier durchaus nicht nur als Refrain, sondern auch als mehrdeutige Antwort auf all jene Selbstzweifel verstanden werden, die das Album inhaltlich so beharrlich umkreist – und in der sicherlich auch Quicksands eigene Bandhistorie nachhallt.

Vom Kern der '92er-NY-Hardcore-Punk-Szene ein neues Genre erschaffend, ging es in die Bandauflösung, zur Wiedervereinigung, in die erneute Funkstille – and repeat –, um schließlich seit 2012 wieder dauerhaft gemeinsame Sache zu machen. Da wundert es nicht, wenn auch die Lyrics immer wieder auf Eigenverantwortung und die Weigerung, das Leben der Diktatur der Gegebenheiten zu überlassen, zurückkehren. Wenn es in "Agency" heißt "Waiting for the stars to align / Think you might be waiting for a long fucking time", formuliert die Band ihren Gegenentwurf zur Lethargie beinahe programmatisch. Dabei richtet sich der Blick allerdings ebenso häufig zurück wie nach vorne. "Crystallize" eröffnet mit "Looking back at your younger self" den Dialog mit dem früheren Ich, während "Days you run to" an Erinnerungen festhält, "that you can't wash away" – als ließen sich manche Entscheidungen ebenso wenig abstreifen wie die Spuren, die sie hinterlassen haben.

Quicksand tragen die Wucht des Post-Hardcore in sich, ohne sich diese ständig plakativ vor die Brust schnallen zu müssen, um die eigene Realness zu untermauern. Und warum auch? Wie Münchhausen sich selbst am Zopf aus dem Sumpf zog, heben sich die NY-Urgesteine gerne selbst aus der eigenen Genre-Taufe. Somit gibt's auf dem Papier coole Songs und Varianz, auf die Ohren skillfull Sounds und unverblümte Gefühle. Das schreit nach einer sehr guten Wertung.

(Jasmin Klemm)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Get to it
  • Days you run to
  • Moving forward
  • Bring on the psychics

Tracklist

  1. Get to it
  2. Regenerate
  3. Agency
  4. Crystallize
  5. Supercollider
  6. In full color
  7. Days you run to
  8. Cool guy
  9. Moving forward
  10. Bring on the psychics

Gesamtspielzeit: 29:38 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

CallMeAppetite

Postings: 10

Registriert seit 16.02.2024

2026-07-25 14:07:04 Uhr
@Fakeboy: hatte beim ersten Mal auch meine Mühe, wie eigentlich mit allen Schreifels Alben. Ist aber ein echter Grower.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37597

Registriert seit 07.06.2013

2026-07-18 13:40:44 Uhr
Nachdem sich die "Distant populations" bei mir zum besten Quicksand-Album gemaustert hat, bekommt mich die neue bisher nicht so recht. Am meisten noch "Days you run to" und "Cool guy". Mal sehen, wie es sich entwickelt.

noise

Postings: 1197

Registriert seit 15.06.2013

2026-07-18 13:33:54 Uhr
Hm, dachte eigentlich nach den beiden Comeback Alben brauche ich keine weitere mehr. Aber die neue knallt sehr gut. Vermutlich ihre beste seitdem. Denke, die benötige ich auch noch.

fakeboy

Postings: 6876

Registriert seit 21.08.2019

2026-07-17 22:59:31 Uhr
Ich mag Walter Schreifels und ich mag insbesondere die ersten 2 Quicksand-Alben und das Debut von Rival Schools. Drum hab ich wohl erwartet, dass mich ein neues Quicksand-Album wenigstens ein bisschen abholt. Vielleicht war ich einfach grad nicht empfänglich dafür.

Glufke

Postings: 1594

Registriert seit 15.08.2017

2026-07-17 21:45:43 Uhr
Hattest du (hohe) Erwartungen an das Album? War bei mir nämlich nicht so und dann kann man oft positiv überrascht werden ;)
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify