The Menzingers - Everything I ever saw
Epitaph / Indigo
VÖ: 17.07.2026
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Kreative Ruhe
Es gibt Bands, die altern. Und es gibt Bands, die das Älterwerden gefühlt zum eigentlichen Gegenstand ihrer Kunst machen. Die Menzingers gehören seit Jahren zur zweiten Kategorie. Bereits "Some of it was true" klang wie die Erkenntnis, dass sich nicht jede offene Tür durchschreiten lässt und manche Antworten eben nicht spektakulär ausfallen, sondern erstaunlich alltäglich. "Everything I ever saw" setzt genau dort an. Und zwar so konsequent, dass man sich zwischendurch fragt, ob die Band überhaupt noch irgendwo anders hinmöchte. Natürlich gelingt ihr das mit dem achten Studioalbum auf hohem Niveau. Wer den Sound der vier Pennsylvanier liebt, bekommt erneut alles, was ihn seit "After the party" oder "Hello exile" begleitet: Gitarren zwischen Melancholie und Aufbruch, Greg Barnett und Tom May als perfekt harmonierendes Gesangsduo und Refrains, die auch dann noch funktionieren, wenn sie sich nicht sofort in den Vordergrund drängen. Unter den produzierenden Fittichen von Grammy-Preisträger Will Yip wird das Ganze geformt und zusammengehalten, ohne die Ecken und Kanten vollständig abzuschleifen.
Der Haken ist nur: All das kennt man inzwischen ziemlich genau. Schon "Chance encounters" eröffnet das Album mit einer Mischung aus Wehmut und Euphorie, die längst zur musikalischen DNA der Band gehört. "Better angels" und "Romanticism" reihen sich mit ihren langgezogenen Vokalen und hymnischen Melodien nahtlos ein. Gute Songs, keine Frage. Die größte Schwäche aber besteht darin, dass sie sich fast zu perfekt in das Gesamtwerk einfügen. Sie gehören zu jener Sorte Menzingers-Songs, die man beim ersten Hören sofort wiedererkennt. Allerdings nicht unbedingt deshalb, weil sie neue Facetten offenbaren, sondern weil sie so klingen, als hätte die Band sie in den vergangenen zehn Jahren bereits mehrfach in ähnlicher Form geschrieben. Sie überraschen nie, irritieren nie, haben keine Wendung parat und verlassen ihre Komfortzone in keinem Moment. Dabei bleibt das Songwriting auf einem konstant hohen Niveau. Das allein schon vom Titel her bildgewaltige "Gasoline & matches" entwickelt mit seiner melancholischen Dynamik echte Sogwirkung, während "Breathe with me" zu den emotional stärksten Momenten des Albums gehört und zeigt, dass Greg Barnett nach wie vor ein Gespür für diese kleinen Alltagsbeobachtungen besitzt, die plötzlich universell wirken. Der Titeltrack verabschiedet das Album stimmungsvoll mit jener bittersüßen Nostalgie, die inzwischen fast schon zum Markenzeichen geworden ist. Erinnerungen verlieren mit der Zeit zwar ihre Schärfe, aber selten ihre Bedeutung.
Irgendwo dazwischen formuliert "Nobody's heroes" am deutlichsten das Selbstverständnis des Quartetts aus Scranton. Die Botschaft ist ebenso sympathisch wie entwaffnend: Niemand ist ein Held, schon gar nicht die vier Musiker selbst. Fehler, Krisen und Scheitern gehören zum Leben, weshalb man sich gar nicht erst auf ein Podest stellen sollte. Das ist angenehm uneitel und fast schon etwas kitschig. Barnett schrieb den Song ursprünglich aus dem Eindruck persönlicher Umbrüche innerhalb der Band, entwickelte daraus aber eine Absage an jede Form der Heldenverehrung. Gleichzeitig liegt darin eine gewisse Ironie. Denn längst sind The Menzingers für viele ihrer Fans genau das geworden, was sie auf dem Papier ablehnen: Helden. Eine der Bands, deren Songs unzählige Mittdreißiger durch Trennungen, Schicksalsschläge, Umzüge und die schleichende Erkenntnis begleitet haben dürften, dass das Leben selten nach Plan verläuft. Vielleicht liegt darin auch die größte Schwäche von "Everything I ever saw". The Menzingers wissen inzwischen ganz genau, wer sie sind und klingen entsprechend selbstbewusst. Gleichzeitig fehlt aber zunehmend jene kreative Unruhe, die Alben wie "On the impossible past" so besonders machte. Wo früher jede neue Platte den vertrauten Sound ein Stück weiterentwickelte, scheint inzwischen eher die Perfektionierung des Bekannten im Mittelpunkt zu stehen. Das ist angenehm, oft schön und jederzeit kompetent. Es ist aber selten aufregend und etwas in die Jahre gekommen.
Highlights
- Chance encounters
- Nobody's heroes
- Everything I ever saw
Tracklist
- Chance encounters
- Better angels
- Romanticism
- Other peoples money
- Gasoline & matches
- The fool
- Nobody's heroes
- Breathe with me
- When she enters my dreams
- Parade day
- Everything I ever saw
Gesamtspielzeit: 39:54 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
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(Neueste fünf Beiträge)
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sizeofanocean Postings: 2127 Registriert seit 27.01.2020 |
2026-07-17 21:34:55 Uhr
Die Gästeliste.de Rezi ist tatsächlich erschreckend peinlich geschrieben, aua |
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MickHead Postings: 14354 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-07-17 20:13:45 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:https://themenzingers.bandcamp.com/album/everything-i-ever-saw |
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Vivat Virtute Postings: 320 Registriert seit 05.11.2023 |
2026-07-17 10:01:09 Uhr
Puh, der Text zum Album bei Gästeliste ist ja schon, äh, schwierig.. Und dann habe ich auf den Link zum Text zu "On the impossible past" geklickt. Und jetzt bin ich ein Bisschen sprachlos. |
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MickHead Postings: 14354 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-07-17 09:51:08 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nvreru3QQFGSWl4bI-Xw0Qvgc_HQGz7BI&si=A5-F1GFW1IPCrboB Gaesteliste.de https://gaesteliste.de/2026/07/16/review/the-menzingers-everything-i-ever-saw/ |
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Vivat Virtute Postings: 320 Registriert seit 05.11.2023 |
2026-07-16 20:46:16 Uhr
Beschreibt ganz gut das Gefühl, das ich beim Hören der Singles hatte. Das ist gut, aber halt auch "wie immer". |
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Referenzen
The Gaslight Anthem; The Smith Street Band; Dave Hause; The Lawrence Arms; Alkaline Trio; Matt Skiba & The Sekrets; The Clash; Taking Back Sunday; Red City Radio; Green Day; Face To Face; Rancid; Hot Water Music; Bouncing Souls; Apologies; I Have None; Buzzcocks; Goodbye Fairground; Against Me!; Beach Slang; Flogging Molly; Dropkick Murphys; The Living End; Cellophane Suckers; Anti-Flag; Bad Brains; New Bomb Turks; The Bones; Beatsteaks; Donots; Moose Blood; Blink 182; The Wombats; The Ramones; Steakknife; The Damned; The Libertines; The Vaccines; Foo Fighters; Smoke Blow; The Cure; The Stooges; Thin Lizzy; Poison; The Darkness; Cheap Trick
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