Beth Orton - The ground above
Partisan / Rough Trade
VÖ: 26.06.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Körperlos lebendig
"Weather alive" markierte einen Bruch in der Diskografie von Beth Orton. Zwar hatte die Britin zuvor schon großartige Alben wie "Central reservation" veröffentlicht, doch operierte sie auf jenem 2022er-Werk so nah an ihrem künstlerischen Herzen wie noch nie. Nachdem sie von ihrem langjährigen Label Anti zu Partisan wechselte, produzierte sie die Platte kurzerhand selbst und fand ihre Erfüllung in einer von allen äußeren Erwartungen und Genregrenzen gelösten Freiförmigkeit. Es überrascht nicht, dass "The ground above" den Weg seines Vorgängers nahtlos fortsetzt – wohl aber, dass es mit dessen enorm hoher Qualität locker mithalten kann. Wieder setzt Orton ihre Vision mit einigen renommierten Gästen um: Zu den bereits auf "Weather alive" mitwirkenden Shahzad Ismaily, Tom Skinner und Sam Beste gesellen sich etwa Portisheads Adrian Utley, The Invisibles Dave Okumu und Neo-Soul-Musiker Nick Hakim. Gemeinsam kreieren sie jazzige und doch völlig körperlose Soundflächen, die nicht nur entfernt an die späten Talk Talk erinnern. "The ground above" ist ein gleichzeitig radikales und intimes Werk geworden, getragen von einer Stimme, die erfolgreich nach einem ungefilterten, stellenweise fast ursprünglich anmutenden Ausdruck greift.
"I'm invincible as grief / Violent as a blade of spring released / Ecstatic as a mother's love", bebt Orton zur Albumeröffnung aus sich heraus – mystische, undurchsichtige Lyrik, die perfekt zu dem von diesem Titeltrack hochgezogenen Nebelschleier passt. Wenn später Drums und Bass einsetzen und durch die Luftschleuse wirbeln, entwickelt der Song jedoch eine handfeste Sogwirkung, die sich über die Laufzeit von achteinhalb Minuten stetig intensiviert. Einnehmender ist nur das phänomenale "Cigarette curls", in dem die hier elfköpfige Band einen detailliert instrumentierten, souligen Groove zusammenzimmert. Streicher und Bläser kreisen umeinander, Utley und Leo Abrahams spielen zwei sehr unterschiedliche Gitarrensoli, und am Ende schweben Hakims wortlose Vocals über einem nackten Piano. Zuvor hat "Before I knew" als abstraktestes Stück einer abstrakten Platte die Zeit angehalten und melodische Flehgesuche an den "ground above" geschickt. Nach diesem knapp 22-minütigen Eröffnungstrio fährt das kompaktere "Waiting" einen erstaunlich zugänglichen Rhythmus auf – ein Sinnbild des Gefühls des Ankommens, das Orton in der Bridge in Worte fasst: "And I'm thinking, and it gets to me / Perhaps there's nowhere else that I will ever be / I'm wondering and it seems to me / That there's nowhere else that I would rather be."
Die Frau aus Norwich formuliert hier das, was das ganze Album sowieso mit jeder Pore ausströmt. Hier hat eine Künstlerin genau die richtigen Entscheidungen getroffen und fokussiert sich nur noch auf die Musik, die sie selbst erschaffen will. Dass es sich dabei um so meisterhaft gut arrangierte und komponierte Songs handelt, ist das Glück der Hörenden. "Celestial light" strahlt mit Akzenten von Synths, Flöten und Marimba und verdeutlicht mit seiner erinnerungswürdigen Melodie, dass sich Orton nie im Ungefähren verliert. "Love you right" formt aus der Struktur einer klassischen, leidenschaftlichen Folk-Soul-Ballade etwas Wundersames, während das von Tom Herberts Bass getragene "I'll miss you" besonders zärtlich von der Trauer singt. Orton vergleicht ihren kreativen Prozess selbst mit luzidem Träumen, was sich in der gleichsam neugierigen wie ätherischen Beschaffenheit ihrer Musik manifestiert. Es passt zu ihrer Eigenwilligkeit, dass das finale "Otherside" plötzlich die Augen aufreißt, mit mächtiger Percussion und Gospel-Schmettern triumphal ausbricht. "You are alive / You are still here", versichert sich Orton selbst – dabei hat es in der vorangegangenen Dreiviertelstunde nie einen Zweifel an ihrer künstlerischen Vitalität gegeben.
Highlights
- The ground above
- Cigarette curls
- Otherside
Tracklist
- The ground above
- Before I knew
- Cigarette curls
- Otherside
- Celestial light
- I'll miss you
- Love you right
- Otherside
Gesamtspielzeit: 47:17 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Lucas mit K Postings: 622 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-07-05 08:03:57 Uhr
Ich mag „Weather Alive“ mehr. Das profitierte allerdings auch stark vom Überraschungseffekt. Bei „The Ground Above“ führt sie ihr Programm einfach ein bisschen weiter. Auch wenn hier alles etwas heller und weniger nach Nachtmusik klingt. Genau das machte den Vorgänger für mich aber besonders. Fand da auch die Arrangements etwas stärker.Weather Alive 9/10 The Ground Above 8/10 |
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Enrico Palazzo Postings: 9782 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-07-01 15:47:15 Uhr
Für mich wird die Platte hinten raus sogar noch stärker! "Love You Right" und "Otherside" sind für mich die beiden großen Höhepunkte hier - aber insgesamt wirklich wieder eine fantastische Platte.Ich empfinde sie aber schon sehr anders als die Platte davor - die zieht so zeitlos mäandernd wunderbar vor sich hin, dass es fast egal ist, wo ein Song aufhört und ein neuer anfängt. Hier auf dieser Platte sind es für mich viel mehr einzelne Songs, nicht ein großes Ganzes. Damit hatte ich beim ersten Hören schon so meine Probleme, weil ich es zu gewöhnlich fand. Aber mittlerweile finde ich auch The Ground Above stark. An die 9/10 vom Vorgänger wird sie bei mir aber wohl nicht rankommen. |
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Grizzly Adams Postings: 7012 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-07-01 14:52:30 Uhr
What a bunch of beautiful songs! Superb. Ein ganz wunderbares Album ist ihr da gelungen. Wird sicher in meiner Jahresbestenliste weit oben landen und gefällt mir wirklich sehr viel besser als der Vorgänger, den ich allerdings auch seit 2 Jahren nicht mehr gehört habe. Bin nicht sicher, ob ich die 8/10 sogar einen Punkt zu wenig finde. Anspieltipss zu nennen oder Highlights finde ich schwierig. Allesamt höchstes Niveau. Vom persönlichen Gefallen sind derzeit "Cigarette Curls" und "Waiting" ein bisschen vorne. |
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Lucas mit K Postings: 622 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-06-30 21:25:40 Uhr
Freut mich sehr, dass es hier Album der Woche geworden ist. Nach einmal Hören kann ich noch keinen detaillierten Eindruck wiedergeben, aber es war definitiv sehr gut. Fröhlich fand ich es allerdings nicht besonders. Eher so Kategorie Herbstmusik, wie auch schon der Vorgänger. |
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Gallants22 Postings: 838 Registriert seit 22.01.2025 |
2026-06-28 19:27:00 Uhr
Ich hatte Beth Orton echt aus den Augen verloren und mit diesem Album direkt wieder ins Herz geschlossen. Werde jetzt umgehend auch 'Weather Alive' entdecken. 8/10 passt schon. |
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Referenzen
Beth Gibbons; Cassandra Jenkins; PJ Harvey; Talk Talk; Mark Hollis; Radiohead; Lambchop; Van Morrison; Tindersticks; Shearwater; The Weather Station; Susanne Sundfør; Ane Brun; Agnes Obel; Fiona Apple; Tori Amos; Feist; Marissa Nadler; Natalie Merchant; Suzanne Vega; Anna Ternheim; Joan As Police Woman; Jane Weaver; This Is The Kit; The Innocence Mission; Joanna Newsom; Jesca Hoop; John Martyn; Bruce Cockburn; Bob Dylan; Joni Mitchell; Lucinda Williams; Neko Case; Portishead; Gomez
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