Lukka - Wendekind
Bandcamp / AWAL
VÖ: 05.06.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Gottlob Wendekind
Eigentlich heißt sie Franzi Szymkowiak, doch ihre Mutter bedachte sie stets mit dem Kosenamen "Wendekind", denn ebenjene Franzi wurde kurz nach dem Fall der Berliner Mauer geboren. Und "Wendekind" heißt auch das inzwischen dritte Album der Wahl-New-Yorkerin, die gemeinsam mit dem mexikanischen Bassisten Ashley Gonzalez, dem australischen Schlagzeuger Simon Fishburn und dem Keyboarder Eric Grosshardt das Quartett Lukka bildet. Ein recht interessantes Quartett! Dass diese Formation bisher unterhalb der Radare der einschlägigen Presse unterwegs ist, kann man durchaus bedauern. Warum? Weil die Klangwelten von Lukka zwar überwiegend retrospektiv unterwegs sind, dabei aber zu keiner Zeit "oll" klingen, sondern auf eindrückliche Art und Weise eine Zeitkapsel bilden, die das Berlin der Wendezeit gefühlsmäßig gut einfängt. Von diesem Berlin ist bekanntlich fast nichts mehr übrig, es gibt nur noch wenige Orte, die das spezielle Feeling der späten Achtziger und frühen Neunziger konserviert haben. Man denke an das Europa-Center, das schon als Kulisse für die Verfilmung von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" diente, aber auch den Westberliner Funkturm, das "Internationale Congress Centrum" oder das komplett von Autoabgasen zerfurchte AVUS-Hotel mitten im Verkehrsgetümmel. Genau in diese merkwürdige Architektur und Zeit führt einen das Wendekind; man muss dafür aber praktischerweise nicht den heimischen Ohrensessel verlassen.
Der Opener "Blue ocean eyes" bringt eine ebenso sanfte wie klanglich frische Variante des Genres Shoegaze, mit erst zaghafen, später massiveren Gitarrenwänden, aber gleichzeitig federleichtem Schlagzeugspiel: so, als hätte man Slowdive mit My Bloody Valentine gekreuzt. Track 2, "Tomboi", transportiert einen mit abgehackten Gitarren, reichlich Hall und einer insgesamt kühlen Atmosphäre schon deutlich mehr in Richtung Achtziger-Ästhetik – hier wähnt man sich spätnachts in einem zugerauchten "Cafe M", wo das Morgen traditionell keine Rolle spielte. Richtig stark ist das getragene "Silent age", das immer wieder zwischen Melancholie und Zuversicht, Moll und Dur changiert. "Martian meeting" vermengt geschickt Darkwave-Anleihen à la Siouxsie & The Banshees mit vocoderlastigen Kraftwerk-Reminiszenzen. Und bei "Stardazer" ist es nicht mehr weit hin zu Ultravox' "Dancing with tears in my eyes", doch bevor der Track Gefahr läuft, ins Plagiat abzudriften, kommt ein elegischer und traumverlorener Mittelteil.
Die eigentliche Stärke von "Wendekind" liegt aber nicht in einzelnen, herausragenden Nummern. Hier gibt es eher wenig klassisches Hitpotenzial oder – wie Musikpromotoren heute gerne sagen - "Focus tracks". Wer zwei oder drei offensichtliche Übersongs sucht, die er oder sie sofort in die persönliche Playlist schieben kann, der wird nicht bedient. Stattdessen funktioniert die Platte vielmehr wie eine rastlose nächtliche Taxifahrt von A über B und C nach D durch ein längst verschwundenes Berlin, auf der Suche nach Zerstreuung und Absturz – mit fließenden Übergängen, Stimmungswechseln und einem bemerkenswert organischen Gesamtklang. Die Songs greifen ineinander wie lose Erinnerungsfetzen. Mal schimmern Shoegaze, Darkwave oder Dreampop deutlicher durch, mal stehen Atmosphäre und Raumwirkung im Vordergrund. Gerade diese Geschlossenheit macht "Wendekind" zu einem Album, das neben ästhetischen Erinnerungen auch synästhetische Erlebnisse möglich macht. Erinnert sich noch jemand daran, wie es damals in einer Telefonzelle roch, dieses unverwechselbare Amalgam aus altem Rauch und in der Sonne gebratenen Telefonbüchern? Erinnert sich noch jemand an die staubigen, die Lunge verklebenden Aerosole aus der Grufti-Disco-Nebelmaschine? Oder an den Geschmack von Billig-Tequila mit Salz und Zitrone, vom Handrücken abgeleckt? Dies und noch einiges mehr kann nach Art eines Panoptikums an dem eigenen Wahrnehmungsapparat vorbeiziehen, wenn man dem Wendekind zuhört. Na dann: Auf zur Polonaise, Café Keese!
Highlights
- Silent age
- Martian meeting
- Stardazer
- The one
Tracklist
- Blue ocean eyes
- Tomboi
- Silent age
- Fabric of the cosmos
- Martian meeting
- Ost-Berlin
- Stardazer
- Field theory
- Planetarium
- The one
Gesamtspielzeit: 37:33 min.
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MickHead Postings: 13252 Registriert seit 21.01.2024 |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30849 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-06-19 11:26:30 Uhr - Newsbeitrag
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Referenzen
Slowdive; My Bloody Valentine; Kastrierte Philosophen; Siouxsie & The Banshees; Eyeless In Gaza; X-mal Deutschland; Cocteau Twins; Mojave 3; Ride; Mazzy Star; The Jesus And Mary Chain; DIIV; Lush; Monoland; Eternal; Air Formation; Slow Salvation; Graywave; Moi Caprice; Film School; The Relict; Trillion; Juliper Sky
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- Lukka - Wendekind (2 Beiträge / Letzter am 19.06.2026 - 11:33 Uhr)



