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Placebo - Placebo re:created

Placebo- Placebo re:created

Elevator Lady / AWAL / SPV
VÖ: 19.06.2026

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Revolution auf Rezept

"Someone tried to do me ache / It's what I'm afraid of": Anstatt aber in Embryonalhaltung im verdunkelten Zimmer zu versauern, sich bis zum Punkt ohne Wiederkehr zu betäuben und die Außenwelt für immer auszusperren, nimmt Brian Molko eine seltsam gestimmte Gitarre in die Hand und zieht in den Kampf. Der 23-Jährige singt von Sex und Drogen, mentalen Notzuständen, härterem Sex, härteren Drogen, purer Verzweiflung, Traumata, Sex, Drogen, Angst – und der innigen Verbindung all dieser Dinge. Wie kaum andere Gruppen vertritt die britische Band Placebo im Jahr 1996 eine radikale Underdog-Ästhetik und fährt in die vom Britpop weichgeklopfte Musiklandschaft wie eine Nadel unter die Haut. In den Staaten ist gerade der Grunge gestorben, dominiert wird die Welt von großkotzigen, teils pilzköpfigen Männern. Schon Molkos Existenz allein ist ein grandioses "Fuck you": Mit High Heels, Make-up und nasaler Stimme bringt der Frontmann alles durcheinander, was diese für wahr und richtig hielten; selbst ein so extrovertierter Brett Anderson ist baff. In Ermangelung modernerer Vokabeln keucht die Presse "androgyn", staunt ob der expliziten Inhalte der Songs, kriegt vielleicht sogar ein bisschen Schiss. Mit seinem selbstbetitelten Debütalbum sorgt das Trio für ein Höchstmaß an Disruption.

Schnellvorlauf 30 Jahre später: "Placebo" erscheint in der "Re:created"-Version und hat nichts von seiner Explosivität eingebüßt. Die Band, mittlerweile praktisch Legacy-Act und ganz alter Hase im Business, provoziert zwar nicht mehr wie früher, könnte es 2026 angesichts einer aufgeschlossenen Gen Z, die wesentlich freier mit Gender-Performance und Substanzen umgeht, womöglich auch gar nicht. Aber im Verwalten des eigenen Erbes macht Molko und Co-Gründer Stefan Olsdal so schnell niemand etwas vor: Die zehn Songs (und zwei Bonustracks) wurden zum Jubiläum "neu erschaffen", was nicht nur ein schlichtes Remastering bedeutet, wie es im Streaming-Zeitalter mittlerweile gang und gäbe ist, sondern auch einen neuen Mix sowie das Hinzufügen zusätzlicher Spuren. So seien die Songs "vollendet", geben Placebo zu Protokoll, nicht neu interpretiert oder gar an moderne Hörgewohnheiten angepasst. Es wirkt: "Encore / Plus bas / Encore / Plus fort / Encore", vernimmt man den frankophilen Molko in der Bridge von "Bruise pristine" so deutlich wie nie, dann übernehmen wieder harte Riffs, und die "Re:created"-Version rockt alles in Grund und Boden.

Den Sound ihres Debüts haben Placebo sich maßgeblich von "Daydream nation" geborgt, vom College-Rock, vom Punk. Später auch für verschrobene Electronica bekannt, bleibt die Band hier noch fest im Gitarrenmeer verankert, denkt ebenso in Richtung Experimental- und Art-Rock. Die allererste Single "Come home" poltert nicht länger so grob, sondern klingt wesentlich filigraner, das Drumming vom damaligen Schlagzeuger Robert Schultzberg voller. Wie sehr der Sound tatsächlich durch die Generalüberholung gewinnt, zeigen insbesondere der dichte Gitarrenwald von "Bionic" – vielleicht noch immer Placebos hypnotischstes Riff – sowie der abgedrehte Noise-Rocker "Nancy boy": Dissonanz und Distortion illustrieren die Demontage althergebrachter Männlichkeitsbilder, Molko stellt dazu besonders diejenigen an den Pranger, die zur bloßen Selbstdarstellung vordergründig mit Queerness kokettieren, und beschreibt maximal ungefiltert (chaotischen) Sex. Es ist der Prototyp all dessen, was die Band anfangs aussagen wollte, und bis heute ungeschlagen – vor allem, weil so weit von Placebos späteren Pop-Hits entfernt.

Die dagegen eher zutraulichen Klassiker "36 degrees" und "Teenage angst" bekommen in ihren "Re:created"-Fassungen zusätzlichen Drive; besonders das Ende von "Lady of the flowers" erstrahlt durch glorreiche und dennoch subtile Synth-Untermalung in einer nie zu Tage getretenen Epik und Brillanz. Und was wäre ein Re-Release ohne Bonus-Tracks? Gefallen ist die Wahl auf die "Come home"-B-Seite "Drowning by numbers", die den Spagat zwischen Glam-Pop und heftiger Punk-Walze auf den Punkt bringt und deren Zeile "Such imagination always helps the feeling slide" in abgewandelter Form zwei Jahre später außerdem für den Titeltrack zum Jahrhundertwerk "Without you I'm nothing" – auf der Single mit Rückendeckung von David Bowie – wiederverwendet wurde. Auch der ehemalige Hidden-Track "Farewell", dem das für Hongkong stehende "H.K." abhandengekommen ist und der seine Nase neugierig in den Post-Rock steckt, profitiert davon, einem kontemporären Publikum zugänglich gemacht zu werden. "Flesh mechanic" oder das von Molko später selbst kontrovers diskutierte "Slackerbitch" sind hingegen jetzt wohl offiziell Deep Cuts.

Natürlich bedient das Album auch die Nostalgie eines Boomer-Publikums, das spätestens bei "Every you every me" zum Placebo-Soundtrack seine Kinder gezeugt hat und den aufgebrezelten, dabei aber keineswegs glattpolierten Sound nun erörtern darf. Aber wie heißt es in der Alternative-Hymne "I know" noch gleich? "The past will catch you up as you run faster": Ihr Debüt ist die ungeschminkte Blaupause für alles, was Placebo ausmacht, und wird es immer bleiben. Hat Molko zum Release von "A place for us to dream" noch ein Ranking seiner Lieblingsalben erstellt, bei dem es auf dem vorletzten Platz landete, haben er und Olsdal das nun erkannt. "I've always been an introvert / Happily bleeding": Mit dem Wissen und den technischen Möglichkeiten von heute dieser Band dabei zuzuhören, wie sie ihren Stil findet und ganz nebenbei eine gesamte Szene umkrempelt, ist monumental, zumal es an den wohlbekannten Songs tatsächlich Neues zu entdecken gilt. Schon mit ihrem bewusst mehrdeutigen Namen (lat. "Ich werde gefallen") waren Placebo prophetisch unterwegs – auch "Re:created" wird seine beabsichtigte Wirkung kaum verfehlen, und sei es im Off-Label-Use. "A kind of buzz that lasts for days"? Fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Bionic (Re:created version)
  • Nancy boy (Re:created version)
  • Bruise pristine (Re:created version)
  • Lady of the flowers (Re:created version)
  • Drowning by numbers (Re:created version)

Tracklist

  1. Come home (Re:created version)
  2. Teenage angst (Re:created version)
  3. Bionic (Re:created version)
  4. 36 degrees (Re:created version)
  5. Hang on to your IQ (Re:created version)
  6. Nancy boy (Re:created version)
  7. I know (Re:created version)
  8. Bruise pristine (Re:created version)
  9. Lady of the flowers (Re:created version)
  10. Swallow (Re:created version)
  11. Drowning by numbers (Bonus track) (Re:created version)
  12. Farewell (Hidden track) (Re:created version)

Gesamtspielzeit: 50:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37453

Registriert seit 07.06.2013

2026-07-02 01:12:03 Uhr
"H.K. Farewell" ist echt zum Reinlegen.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37453

Registriert seit 07.06.2013

2026-06-25 01:08:43 Uhr
Genau das dachte ich mir auch, Placebo ist in der Zielgruppe halt wirklich bei jüngerer Gen X und Millenials, die auch noch die erste Banddekade als Teenager miterlebt haben.


Jo, schrieb ich auch schon. Gerade für uns als frühe Millenials extrem prägend.

Robert G. Blume

Postings: 998

Registriert seit 07.06.2015

2026-06-24 17:28:14 Uhr
Ich glaube, das liegt daran, dass ich großer Fan von Snaredrums bin, die viel Attack haben und einen scharfen, hohen Klang (Helmet, Therapy?, frühe Slipknot). Der neue Mix holt den Kessel nach vorn, wodurch der neue Nancy Boy insgesamt voller klingt, aber diese geilen Wirbel peitschen nicht mehr so.

Robert G. Blume

Postings: 998

Registriert seit 07.06.2015

2026-06-24 17:23:04 Uhr
Ich bin überzeugt. Ich muss sagen, dass ich solche Neubearbeitungen von Klassikern schon öfters sehr gelungen fand.

Pearl Jam - Ten REDUX: Ganz klar besser gemischt, viel präsenter und druckvoller

Muse - Origin Of Symmetry XX: Höre ich auch lieber als das Original.

Thrice - The Artist In The Ambulance Revisited: Da ich erst mit Vheissu Fan geworden bin, fügt sich die Neuinterpretation viel besser in die Riege meiner liebsten Thrice-Platten ein.

Und nun Placebo RE:CREATED, das ich durch seinen fetteren Sound wesentlich runder finde. Einzig allein bei Nancy Boy kickt mich das unglaublich geil gespielte Schlagzeug im original etwas mehr.

7th Seeker

Postings: 651

Registriert seit 13.06.2013

2026-06-24 17:20:43 Uhr
"Natürlich bedient das Album auch die Nostalgie eines Boomer-Publikums"
Denke eher GenX oder? Die Boomer waren damals schon etwas zu alt. Diemeisten Leute die das damals toll fanden waren Anfang 20.


Genau das dachte ich mir auch, Placebo ist in der Zielgruppe halt wirklich bei jüngerer Gen X und Millenials, die auch noch die erste Banddekade als Teenager miterlebt haben.
Weiß nicht einmal warum, aber ich kriege auch immer ein Störgefühl wenn man es sich liest als würde man Boomer als Synonym für gestrig verwenden...
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