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Hard-Fi - Sweating someone else's fever

Hard-Fi- Sweating someone else's fever

V2 / Bertus
VÖ: 19.06.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Ernüchterten

Die Welt, die Hard-Fi vor einundzwanzig Jahren auf "Stars of CCTV" beschrieben haben, existiert noch immer. Aber sie hat nun WLAN bekommen. Dazu höhere Mieten, schlechtere Aussichten und das omnipräsente Gefühl, jeden noch so kleinen Moment des Glücks sofort in verwertbare Daten umwandeln zu müssen. Damals sang Richard Archer über Sackgassenjobs und trostlose Vorstädte. Heute ist er älter, die Welt komplizierter geworden und das Versprechen einer besseren Zukunft wirkt endgültig wie ein Werbeslogan, dessen Kleingedrucktes niemand gelesen hat. Dementsprechend hat sich die Perspektive verschoben: Aus dem jungen Mann, der gegen die Tür hämmert, ist jemand geworden, der längst im Gebäude steht und sich jetzt fragt, warum hier eigentlich alles so verdammt schief gebaut wurde. Glücklicherweise gilt das nicht für die Produktion an sich. Archers Entscheidung, erneut mit Produzent Wolsey White zu arbeiten, war eine gute, denn das Arrangement von "Sweating someone else's fever" klingt fabelhaft. Das Album rezipiert sich somit als Bestandsaufnahme einer Band, die feststellen musste, dass viele ihrer alten Beobachtungen erschreckend gut gealtert sind.

Schon der Opener-Kracher "They ain't your friends" – das lässt sich textlich unvermeidbar als Antithese zu Justices "We are your friends" lesen – formuliert die zentrale Diagnose der Platte. Mit trockenem Spott zerlegt Archer digitale Scheinfreundschaften, Karrierismus und soziale Mechaniken, die Menschen so lange in einer dopamingetränkten Umarmung festhalten, wie sie Nutzen aus ihnen ziehen können. Gleichzeitig strotzt der Song vor unverwechselbarem Hard-Fi-Esprit. Angefressen sein und Bock auf Tanzen haben in Personalunion. Die gesamte Platte kreist um die Frage, was von Gemeinschaft übrig bleibt, wenn alles zur Ware verkommt. Freundschaften und Vergnügen erscheinen hier als sich langsam aushöhlende Dinge. Durch das allgegenwärtige Gefühl, etwas verschwinden zu sehen, während man es noch festzuhalten versucht, entsteht eine schleichende Melancholie. Wie stimmig, dass "Looking for fun", vor allem den Lyrics nach, zu den Aufmerk-Momenten der Platte gehört und die dazu passende Ironie liefert. Man scheint dem Spaß hinterherzujagen, wie chronische Chaot*innen einer knapp verpassten Buslinie. Hinter dem mitreißenden Refrain verbirgt sich die Geschichte einer Gesellschaft, in der selbst Unbeschwertheit zum Luxusgut mutiert ist.

Im rundum großartigen "You rule my heart" schieben sich zwischen die vertrauten Gitarren noch Synthesizer und elektronische Beats. Über einem House-Ruhepuls entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die gleichermaßen euphorisch und von Verlustangst geprägt ist und inszeniert dabei das bittersüße Gefühl der Unsicherheit erster Verliebtheit. Auch "Always and forever" setzt einen wichtigen Kontrapunkt. Während große Teile des Albums von Entfremdung und gesellschaftlicher Müdigkeit erzählen, öffnet sich hier plötzlich Raum für Nähe und Zuversicht. Natürlich gelingt nicht alles gleichermaßen. Das Cumbia-Experiment "Digo nada" klingt zwar erfreulich ungewöhnlich, hinterlässt aber etwas weniger Eindruck als die stärkeren Stücke.

"Sweating someone else's fever" ist das Dokument einer Generation, die lange genug gelebt hat, um ihre eigenen Enttäuschungen zu katalogisieren, sich davon aber nicht vollständig definieren lassen möchte. Und obwohl sich die Euphorie früherer Jahre vermindert hat, konnte der Zynismus sie nicht vollständig ersetzen. Geschmückt mit feinstem Sound macht das Hören der Platte, trotz inhaltlich nüchterner Beharrlichkeit, sehr viel Spaß. Denn Hard-Fi scheinen zu wissen, dass die Welt selten gerechter wird, als sie ist. Trotzdem suchen ihre Songs weiterhin nach den kleinen Fluchtwegen heraus aus diesem Dilemma. Und auch wenn der Glaube an große Versprechen verloren scheint, so gilt dies nicht für ihr Vertrauen in die Menschlichkeit an sich. Außerdem ist ihr Indie-Rock noch immer oh so wonderfully danceable.

(Jasmin Klemm)

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Highlights

  • They ain't your friends
  • You rule my heart (When the summer's gone)
  • Looking for fun
  • Always and forever

Tracklist

  1. They ain't your friends
  2. Digo nada feat. Mike Kalle
  3. You rule my heart (When the summer's gone)
  4. Humback whale
  5. Looking for fun
  6. Looking for fun (Radio edit)
  7. A rose electric feat. Krysten Cummings
  8. Always and forever
  9. Arise
  10. Ain't going out tonight feat. Krysten Cummings
  11. Now and then
  12. Don't go making plans

Gesamtspielzeit: 43:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30849

Registriert seit 08.01.2012

2026-06-19 11:11:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

Postings: 13252

Registriert seit 21.01.2024

2026-06-19 08:24:49 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_k1fhP8J9hcxqAS2_6suHyGt32h8EKylSU&si=c02VzmivEhSU444d

Musikexpress 2.5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/hard-fi-sweating-someone-elses-fever-review/

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/hard-fi-sweating-someone-else-fever-review/

MickHead

Postings: 13252

Registriert seit 21.01.2024

2026-04-20 10:01:15 Uhr
2. Song "Looking For Fun"

https://youtu.be/C0iC30DcLXQ?si=PHzzMUpTtQ0cCkxF

Socko

Postings: 2965

Registriert seit 06.02.2022

2026-03-04 21:18:32 Uhr
Ich bin überrascht,dass die überhaupt so plötzlich weg waren so einen richtigen Niedergang haben die ja nicht gehabt. In UK 2 Nr1 Alben,einmal Top10,schwupps,dann weg.
Hier waren sie ja nur Indie-Nische.ich mochte sie damals gerne

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30849

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-04 16:06:59 Uhr - Newsbeitrag
Die "Stars of CCTV" sind nach 15 Jahren zurück
Hard-Fi kündigen mit "They Ain't Your Friends" ihr neues Album "Sweating Someone Else's Fever"



Erstes neues Album der Alternative-Rock Band aus Staines (UK) seit 15 Jahren
Ihr insgesamt viertes Album erscheint am 19.6. auf CD, LP und digital
Alternative-Rock mit einigen mittelamerikanischen Einflüssen
Gäste: Mike Kalle und Krysten Cummings
Gesellschaftliche Themen wie falsche (Online-)Loyalitäten, Diskussionskultur und künstliche Intelligenz sowie introspektive Songs über Selbstzweifel, Liebe und Außenwirkung
Heute erschien die erste Single "They Ain't Your Friends"
Debüt "Stars of CCTV" wurde unter anderem für einen Mercury Music Prize nomiert
Begleiteten Green Day auf zwei Touren und spielten auf dem Southside und Hurricane Festival

Mit neuer Energie und einem scharfen Blick auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, kehren Hard-Fi mit ihrem lang erwarteten neuen Studioalbum "Sweating Someone Else's Fever" zurück, ihrem ersten seit 15 Jahren, das am 19. Juni über V2 Records / Bertus erscheint. Das Album wurde im Laufe des Jahres 2025 in ihrem aus einem ehemaligen Taxi-Büro umgebauten Studio Cherry Lips geschrieben und aufgenommen und von Frontmann Richard Archer zusammen mit ihrem langjährigen Kollaborateur Wolsey White produziert. Es blickt aus dem Fenster auf die zerbrochene Gegenwart und malt sie mit kühnen musikalischen Pinselstrichen, mit derselben scharfsichtigen Sozialkritik, die ihr Debütalbum "Stars of CCTV" geprägt hat, aber mit einer frischen Perspektive, neuen Klängen und hart erkämpfter Freiheit.



Die erste Single "They Ain’t Your Friends" kommt mit einer gewissen Selbstsicherheit daher und richtet sich gegen die falschen Loyalitäten der Online-Welt: "Am Anfang konnte man sich als Band, aber auch als Mensch da draußen behaupten und es war eine Leistungsgesellschaft, während es jetzt im Grunde wieder um Gönnerschaft geht, wo man sich bei dem Typen einschmeicheln muss, der einem Geld gibt, um einen Walzer für seinen Ball zu schreiben. Von Unternehmen, die auf Ihre Markentreue setzen, bis hin zu politischen Parteien, die davon ausgehen, dass sie deine Stimme bekommen. Und wenn es um Fans von Künstlern geht: Wie viele Follower in den sozialen Medien kommen niemals zu einem Konzert oder kaufen niemals eine Platte? Was ist echt und was nicht?" erklärt Sänger Richard Archer.

An anderer Stelle auf dem Album knurren die Gitarren in "Looking For Fun" und "You Rule My Heart", wobei letzteres einer der emotionalsten Songs ist, die Hard-Fi je geschrieben haben. In "Digo Nada" (spanisch für "Ich sage nichts") bringt Archer seine Liebe zur Cumbia-Musik ein und holt den in Großbritannien lebenden kolumbianischen Rapper Mike Kalle für einen Gorillaz-ähnlichen Moment unerwarteter Spannung mit ins Boot. "Meine Frau kommt aus Mittelamerika und ich bin durch Joe Strummer zur Cumbia-Musik gekommen. Dann bin ich mit ihr nach El Salvador gereist, habe dort mehr Musik gehört und mich für Andres Landero und Manu Chao begeistert – mir hat es gefallen und es fühlte sich ziemlich punkig an", erklärt er.

Die für den Olivier Award nominierte Sängerin und langjährige Mitstreiterin Krysten Cummings singt als Gastsängerin bei "You Rule My Heart" und "A Rose Electric" und verleiht dem Sound von Hard-Fi damit eine neue Dimension. "Das hat den Tracks eine andere Note gegeben, die nicht nur aus Jungs und Gitarren bestand”, scherzt Archer. Der soziale Unmut brodelt weiterhin. "Don’t Go Making Plans" und "Ain’t Going Out Tonight" fangen eine Nachtclubszene in Retrospektive ein, während "Humpback Whale" den Blick auf Technologie und Macht richtet: "KI könnte Leben retten, aber wenn die Vorteile nicht geteilt werden, wird es ein Albtraum", warnt Archer.

Benannt nach einem Sprichwort aus El Salvador, das besagt, dass man nicht die egoistischen Kämpfe anderer Menschen austragen soll, steht "Sweating Someone Else’s Fever" für ein unbeschwertes Hard-Fi. Einfach wieder gemeinsam Musik machen, frei von Druck, Musik aus purer Freude.

Das Album folgt auf die Wiedervereinigung der Band während des Lockdowns, als Archer "Stars of CCTV" live streamte und von der herzlichen Resonanz überwältigt war. Eine Comeback-Show im Londoner O2 Forum Kentish Town war innerhalb weniger Minuten ausverkauft und erinnerte das Quartett daran, warum sie damals angefangen hatten. Daraus entstand 2024 die EP "Don’t Go Making Plans" und dann natürlich neue Musik.
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