Towa Bird - Gentleman
Interscope
VÖ: 15.05.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Selbst ist die Mann
Es ist ja kein Geheimnis, dass Frauen oft freundlicher und hilfsbereiter sind, und wenn man sich mal in der U-Bahn, dem Fußballstadion oder dem Fitnessstudio bewegt hat, scheint es nicht weit hergeholt, wenn man das auch über bessere Manieren sagt. Da traditionelle Geschlechterrollen aber sowieso sowas von Yesteryear sind, ist es natürlich alles andere als ein Skandal, dass Sängerin Victoria Ilagan "Towa" Vergara-Bird auf dem Cover zu ihrem Album "Gentleman" im Anzug posiert und der betreffende Kavalier sie selbst ist. Die in Hong Kong geborene britische Musikerin macht eh vieles besser als ihre männlichen Kollegen.
Schon der Titelsong ist ein sexy Einstieg mit aufgedrehtem Riff und lässt keinen Zweifel an Towa Birds Queerness: "Left her, undressed / All sweat, lick the salt off my neck." Das fühlt sich sehr nach Rock-Songs in der Tradition der The-Bands an. Ähnlich eingängig ist das anschließende "Dirty habit", das aber mit deutlich sanfterer Stimme in den Strophen und Synthesizer-Unterstützung die Kinder reicher Eltern auf die Schippe nimmt. Ähnlich sexuell wie der Einstieg ist wiederum "Dog". Dieser Track dreht den Anrüchigkeitsregler aber noch mal deutlich höher und klingt wie aus der aufgeladenen Arctic-Monkeys-Phase. Im Song macht Towa Bird sich selbst zwar nicht zum Affen, dafür aber zum Hund, der auf den Schoss genommen und den Knochen bekommen möchte. Es ist ein großes Qualitätsmerkmal, dass man das ganz unpeinlich hören kann. Ungefähr in der Mitte wird der Hund dann per Gitarrensolo von der Leine gelassen und mehrere Gesangsspuren zeigen ihre Zähne.
"Your girl" lehnt sich mit Claps deutlicher in die Pop-Richtung und spannt einem Try Hard per emotionaler Zugänglichkeit und offenem Ohr nach und nach die Partnerin aus, gibt dabei kokett mit Körpersprache an: "That's what she told me and she only used her eyes." Richtig groß wird's dann in "Afterglow", das stampfende Schritte macht und die Stimme weit ausbreitet – ein Song wie ausgestreckte Arme aus dem Schiebedach. Schön, dass solche Tumblr-Era-Songs noch geschrieben werden und süßherzig Zusammenhalt beschwören: "Wherever you go, I'll follow!" Direkt im Anschluss ist "Gap in your teeth" mit Hintergrund-Lalalas schon wieder ganz schön rotzig und frech und erneut auf angenehme Art sexuell aufgeladen: "I'm a tough guy down on my knees / And you make a man out of me / I fit in between the gap in your teeth." Der Song endet allerdings etwas vorschnell nach nur etwas mehr als anderthalb Minuten. Dafür lässt es das wenig subtil betitelte "69 BPM" deutlich langsamer angehen, spielt bewusst mit den Saiten und drückt behutsam Knöpfe und Pedale. Mit einem orgastischen Gitarrensolo qualifiziert sich der Song für jede Slow-Fuck-Playlist.
Das einzige große Feature auf "Gentleman" kommt von Kathleen Hanna von Bikini Kill, die in "Bird all gone" kurz mit auf die Tanzfläche springt. Zum Highlight reicht's allerdings nicht. Die sind aber sowieso schwer zu benennen, weil das zweite Album von Towa Bird eher eine Aus-einem-Guss-Platte ist. Zumindest das abschließende "Victoria" kann man aber hervorheben. Hier werden Drums gegen Streicher getauscht und Vergara-Bird singt über den eigenen Werdegang und ihre Situation. Und auch, wenn das berühmte Sprichwort besagt, dass ein Gentleman schweigt und genießt, kann man nur hoffen, dass Towa Bird noch deutlich mehr aus dem Nähkästchen plaudert.
Highlights
- Gentleman
- Afterglow
- Victoria
Tracklist
- Gentleman
- Dirty habit
- Dog
- Your girl
- Don't wanna hear about it
- Afterglow
- Gap in your teeth
- 69 BPM
- All gone (feat. Kathleen Hanna)
- Daisy
- Victoria
Gesamtspielzeit: 37:24 min.
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