Ron Sexsmith - Retriever

Ron Sexsmith- Retriever

V2 / Rough Trade
VÖ: 03.05.2004

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der beste Freund des Menschen

Als die Hitzewelle des Sommers 2003 in halb Europa neuen Einfallsreichtum in Sachen Abkühlungsmethoden weckte, bündelte Ron Sexsmith seine Kreativität in einem Londoner Studio. Aber natürlich tropfte auch dort der Schweiß – Ed Harcourt, Gastmusiker am Piano, mußte in Unterwäsche Tasten drücken, um nicht zu schmelzen. Erschwerte Bedingungen also, denn bei Sexsmith' herrlicher Stimme und seinen hinreißenden Melodien, könnte man sogar im tiefsten Winter zum Ändern das Aggregatzustandes verleitet werden. Auch wenn die Assoziation nahe liegt, hat der Titel seiner sechsten Platte nichts wortspielerisch mit den Hundstagen zu tun. Wohl aber mit dem britischen Jagdhund, dessen Spezialität das Apportieren ist. Sexsmith sagt, er hoffe immer, wenn er ein neues Album veröffentlicht, daß dieses ihm Glück und irgendwas gutes Neues beschert – apportiert, sozusagen.

Natürlich ist Melancholie hitzeresistent. Ron Sexsmith greift mittlerweile aber auch in den Malkasten mit den nicht ganz so gedeckten Farben: "How's a guy supposed to fail with someone like you around?" Ja, er ist verliebt. Und das hört man. Vor allem bei dem zuckersüßen "Tomorrow in her eyes", für das man eine Boygroup anklagen würde. Hier jedoch klingt das so ehrlich und wunderschön, daß man Sexsmith' Angebeteter für die Inspiration, die sie ihm liefert, danken möchte. Aber natürlich hat diese neue Leichtigkeit nichts mit pfeifender Sorglosigkeit zu tun. Er kann das einfach, die richtige Balance finden. Und kokettieren kann der Herr, der da Sex hat, wo andere Luft haben, auch: Er habe endlich rausgefunden, wie man einen Refrain schreibt. Daß er das sogar richtig gut raus hat, bestätigte ihm bereits Coldplays Chris Martin, der "Not about to lose" sofort nach dem ersten Hören als Hit deklarierte. Es gibt keinen Anlaß, daran zu zweifeln.

"Retriever" ist der Erinnerung an Johnny Cash, June Carter-Cash und Elliott Smith gewidmet. Und es ist klar, daß es Ron Sexsmith dabei nicht um werbewirksames Namedropping geht, sondern darum, großen Musikern, vielleicht sogar musikalischen Seelenverwandten, die letzte Ehre zu erweisen. Das scheint ihm sehr wichtig zu sein, das Helden-Ehren. Und so gibt es eine weitere tiefe Verbeugung: vor Bill Withers. Wenn man es nicht besser wüßte, könnte man meinen, "Whatever it takes" stamme direkt aus dessen Feder. Und wieder ist da so eine neue Lockerheit, die nicht wenige der neuen Songs akustikgitarresk, pianoperlend oder auch streichersamten schweben läßt. Natürlich spaziert der Kanadier immer noch in klassischen Songstrukturen durch die Zeitlosigkeit, aber die Hitzewelle scheint manche schwere Zugänglichkeit in seinen Stücken weggeschmolzen zu haben. Und diese goldenen Sonnenstrahlen hat er auch konserviert: Golden Retriever.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Hard bargain
  • Not about to lose
  • Tomorrow in her eyes

Tracklist

  1. Hard bargain
  2. Imaginary friends
  3. Not about to lose
  4. Tomorrow in her eyes
  5. From now on
  6. For the driver
  7. Wishing wells
  8. Whatever it takes
  9. Dandelion wine
  10. Happiness
  11. How on earth
  12. I know it well

Gesamtspielzeit: 40:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Pirlo
2011-02-21 23:50:33 Uhr
Finde ja From Now On am besten. Unglaublicher Anfang.
Gordon Fraser
2011-01-10 18:15:27 Uhr
Schon wieder und immer noch. Wishing Wells! For The Driver! Hard Bargain!
Gordon Fraser
2009-10-04 08:12:29 Uhr
Großartige Platte.

9/10
Pitty
2005-08-17 08:50:24 Uhr
Richtig tolles Album mit wunderschönen und eingängigen Melodien.
Mein Lieblingssong ist eindeutig Hard bargin.
Deaf
2005-08-17 08:03:41 Uhr
Hat eigentlich schon jemand das im Juni erschienene Album von Sexsmith & Kerr gehört? Hier hat man bisher ja nichts davon gehört...

Die Intro-Rezension:

Sexsmith & Kerr
Destination Unknown
(V2 / Rough Trade) [12.07.05]

Ein vergilbtes Foto eines kleinen Jungen in einer Seifenkiste ist auf dem Cover abgebildet. Die Western-Typo in Hellorange und die verblassten Farben lassen Assoziationen zu den 70er-Jahren aufkommen. Wie oft bei alten Fotografien wirken die Konturen ein wenig unklar, wie weich gezeichnet, und dazu transportiert das Cover diesen gewissen schwermütig-nostalgischen Charme. "Schwermut" und "Weichzeichnung" können beide als Grundpfeiler des Sexsmith'schen Songwritings betrachtet werden. Sexsmiths Platten sind wie ein durch einen Weichzeichner gefilterter Blick auf sein Umfeld, in erster Linie auf das Zu-, Mit- und wieder Voneinander. "Whatever It Takes" von der letztjährigen Platte "Retriever" ist ohne Frage immer noch ein Hit. Im Grundgerüst ein Gitarren-Popsong, der durch üppige Instrumentierung hart an der Grenze zum Kitsch und eine soulpoppige Motown-Gesangslinie, die so wunderbar warm und ergreifend ist, dass man sich immer wieder so sanft einlullen lassen möchte, besticht.

Das Singer/Songwriter-Prinzip bleibt bei Sexsmith & Kerr, doch widmet sich der Kanadier bei dem Projekt mit seinem langjährigen Tour-Drummer/Cellisten Don Kerr mehr einer Sparvariante oben beschriebener Songs. Der feiste Popgürtel wurde zu Gunsten einer countrylastigeren, in der Produktion reduzierteren Version abgespeckt. Dezente Rhythmen, Steelguitar-Klänge und durchgehend zweistimmiger, Bluegrass-angehauchter Gesang werden nur mit dem Nötigsten umgesetzt. Die Everly Brothers, amerikanische Country-Pop-Koryphäen der 60er-Jahre, standen Pate, wie im Booklet verraten wird. "Lemonade Stand" oder "Diana Sweets" lassen Sexsmith nach wie vor als großartigen Songschreiber erkennen, nur zünden die opulenten Pophymnen seiner Soloalben um einiges mehr als die hier vorgelegte Country-Version. Klar handelt es sich hier um eine Sexsmith&Kerr- und keine Ron-Sexsmith-Platte, trotzdem: Ein bisschen opulenter steht ihm besser.
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