Big | Brave - In grief or in hope
Thrill Jockey / Indigo
VÖ: 12.06.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Nix wie weg
Geht es noch fragmentierter? Berechtigte Frage nach Big | Braves 2025er-Album "OST", das gemäß Titel als Soundtrack für einen noch nicht gedrehten Film fungieren sollte. So weit, so abgedroschen – aber auch bemerkenswert, da ein wichitiger Bestandteil der raumgreifenden Klanglandschaften das von Gitarrist Mathieu Ball konstruierte Gerät "The Instrument" war, das man sich als eine Art mannshohe, mit ausrangierten Klaviersaiten bespannte Brachialharfe vorstellen kann. Ein Jahr später steht das sperrige Ding wieder in der Besenkammer, doch die Musik von Frontfrau Robin Wattie und Kollegen ist mitnichten weniger kantig geworden – allenfalls ein wenig songorientierter. Aber was ist im streng wogenden Big | Brave-Universum schon ein Song? Ein barscher Tribal-Rüttler wie "The fable of subjugation"? Die dräuende, poetische Moritat "I felt a funeral"? Fragt mal Liam Andrews von My Disco, der nach diversen Tourneen mit den Kanadier*innen inzwischen als festes Mitglied seinen Bass auch im Studio rumoren lässt. Oder fragt ihn lieber nicht.
Andrews hat bei seiner Hauptband und dem Soloprojekt Aicher nämlich längst nichts mehr mit konventionellen Strukturen am Hut, was auch "In grief or in hope" hervorragend zu Gesicht steht. Denn eine Struktur drängt sich in diesen acht aufgeworfenen Installationen nicht als Erstes auf – auch wegen des praktisch durchgängig fehlenden Schlagzeugs, das Big | Brave durch beständiges Wummern und Morphen ersetzen. Weniger "A chaos of flowers" als ein stählernes Sich-Beharken gegeneinander verschobener Gitarren und Viersaiter, das sich erst sirrend anschleicht, um dann wuchtig im Zeitraffer zu detonieren – wie ein stetig anschwellender Widerwillen, der sich im von industriellem Kettenrasseln flankierten Drone-Ungetüm "A shape of shame" kreischend aus Watties Kehle Bahn bricht. Auch im Feedback-Monstrum "The ineptitude for mutual discernment" lärmen zwei Geisteshaltungen zielsicher aneinander vorbei, und schon vor dem dezent durchschnaufenden "Holding tongue" wird klar: Mit so etwas wie Erlösung ist hier nicht mehr zu rechnen.
Im Gegenteil: Nutzten die geistesverwandten Low auf "Hey what" das entfesselte Getöse "More" als eine Art Comic-Relief-Groteske, ziehen die fiesen Distorto-Stromschläge des schadhaften My-Disco-Surrogats "Verdure" die Schrauben auf "In grief or in hope" noch zusätzlich an. Bevor das ebenso herrlich zerspante "Skin ripper" den wohl spukigsten Groover in diese zutiefst unversöhnliche Dreiviertelstunde gräbt – abwesende Drums hin oder her. So gut wie weg ist auch schon Wattie, wenn sie in Tracks mit Titeln wie "What may be the kindest way to leave" oder "An uttering of antipathy" als waidwunde Torch-Sängerin keinen Zweifel daran lässt, dass "In grief or in hope" nichts anderes sein will als eine grob verzerrte Folk-Horror-Platte voller Kommentare zu gesellschaftlichen Verwerfungen und Vereinzelung in Zeiten zusehends dysfunktonialer Kommunikation. Hilflose Zuschreibungen wie Post-Metal, Doom oder Sludge können da nur versagen – dieses Album hingegen funktioniert. Und macht in ausnahmsweise positivem Sinne sprachlos.
Highlights
- A shape of shame
- Verdure
- Skin ripper
Tracklist
- What may be the kindest way to leave
- A shape of shame
- The ineptitude for mutual discernment
- Holding tongue
- Verdure
- Skin ripper
- An uttering of antipathy
- In grief or in hope
Gesamtspielzeit: 44:05 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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ijb Postings: 8579 Registriert seit 30.12.2018 |
2026-06-12 13:52:54 Uhr
The result is the most texturally detailed, sonically overwhelming BIG|BRAVE record to date. Nearly every moment is bristling with blown-out distortion, yet it's shaped so that there's enough space for all the elements to breathe instead of cancel each other out. https://www.allmusic.com/album/in-grief-or-in-hope-mw0004780901#review |
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MickHead Postings: 13154 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-06-12 09:38:46 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:https://bigbrave.bandcamp.com/album/in-grief-or-in-hope Out Of Rage 8/10 https://www.outofrage.net/post/review-big-brave-in-grief-or-in-hope |
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fitzkrawallo Postings: 2027 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-06-11 18:46:54 Uhr
Ja, bei so kleineren Bands ist einem die genaue Besetzung natürlich meist eher wenig vertraut. Mir waren sie nur früher (unter anderem live) als so eine eingeschworene Truppe vorgekommen. Bei den stärker drone-orientierten Sunn O)))-Alben muss man das meditative Element schon sehr herzlich umarmen. Und laut machen. An letzterem wird es bei der Listening-Session aber wahrscheinlich nicht gelegen haben. |
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ijb Postings: 8579 Registriert seit 30.12.2018 |
2026-06-11 15:54:47 Uhr
Ich kenne die Bandbesetzung nicht so wirklich, konnte leider die letzten beiden Berlin-Konzerte nicht besuchen, aber letzte Woche spielten sie zu dritt, d.h. zwei Männer mit E-Gitarre bzw. E-Bass plus Sängerin (Robin Wattie?), ebenfalls mit Gitarre - und alle drei mit Unmengen von Effektpedalen auf Tischen vor ihnen. Kein Schlagzeug.Ich mag Sunn 0))) und andere Projekten von Steven O'Malley eigentlich schon, irgendwie, "Monoliths and Dimensions" habe ich vor sehr langer Zeit ein paar Mal gehört, auch andere Alben, kann mich nicht so sehr dran erinnern. Bei der erwähnten Listening-Session letztens allerdings war ich schon etwas überrascht, WIE monoton das alles war und hab mich selbst etwas ratlos gefragt, ob das früher anders war... Das Erlebnis hat mir allerdings letztlich null Lust gemacht, in absehbarer Zeit Sunn 0))) anzuhören. |
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fitzkrawallo Postings: 2027 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-06-11 15:38:40 Uhr
Ich freu mich auch schon. @ijb: Dann kannst du mir sicher etwas bestätigen: Ist denn die Schlagzeugerin jetzt gar nicht mehr in der Band (bei den Credits für das neue Album ist sie auf bandcamp jedenfalls nicht gelistet)? Off topic: magst du denn wenigstens die abwechslungsreicheren Sunn O)))-Alben (allen voran "Monoliths & Dimensions")? |
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Referenzen
Divide And Dissolve; Emma Ruth Rundle; Marriages; Red Sparowes; Esben And The Witch; Ides Of Gemini; Low; Swans; The Angels Of Light; Jarboe; Sunn O))); Boris; Locrian; My Disco; Aicher; Young Widows; Jaye Jayle; Fvnerals; Nadja; Midwife; Mamiffer; Anna Von Hausswolff; Lingua Ignota; Chelsea Wolfe; Miserable; Earth; Godspeed You! Black Emperor; Mono; Planning For Burial; Wreck & Reference; The Body; Sightless Pit; Shy, Low; True Widow; Drowse; Qasu; Anchoress; Anyx; Karla Kvlt; Otay:Onii; Elizabeth Colour Wheel; Darkher; Myrkur; A.A. Williams; Marissa Nadler; Marisa Anderson; Emily Jane White; PJ Harvey; Nick Cave & The Bad Seeds; Scott Walker; Xiu Xiu; Labradford; Dead Times; Alitila
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