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Boards Of Canada - Inferno

Boards Of Canada- Inferno

Warp / Rough Trade
VÖ: 29.05.2026

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Was danach kommt

Es braucht keinen Gesang, keine Hook, keine wirklich prägnante Instrumentierung. Praktisch wenige Sekunden eines kleinzyklisch perlenden Synths reichen, um zu erkennen: Jup, es ist ein Boards-Of-Canada-Album. "Introit" ist eines dieser kleinen Miniaturen, welche die Platten des schottischen Geschwisterduos aus Michael Sandison und Marcus Eoin zuhauf bevölkern. Auf dem fünften Album "Inferno" ist jener eröffnende Track aber der mit Abstand kürzeste und generell wollen Boards Of Canada auf ihrem ersten Werk in 13 Jahren seit "Tomorrow's harvest" mehr. Ihr apokalyptischer Sound aus kargen Beats, Samples und kleinen elektronischen Widerhaken, der häufig wie mitten im Verfall wirkt oder wie eine schlecht erhaltene Transmission aus Vergangenheit oder Zukunft klingt, ist geblieben. Niemand würde diese Klänge je einer anderen Band zuordnen. 2026 sind sie aktueller denn je. Die nach dem zweiten Weltkrieg von Wissenschaftler*innen ins Leben gerufene symbolische Weltuntergangsuhr steht seit 2020 näher an der Zwölf als je zuvor und rückt seitdem jedes Jahr noch etwas mehr an den langen Strich heran. Praktisch, dass sich "Inferno" diesmal vorwiegend damit beschäftigt, was auf uns wartet, nachdem wir es in diesem Leben verkackt haben.

Selten haben Boards Of Canada so konstant ein Thema beackert wie auf diesen 18 Stücken. Religion und Spiritualität ist allgegenwärtig, oft durch die Spoken-Word-Monologe, welche aus obskuren Quellen stammen wie Informationsvideos aus den 80ern oder dem Sermon von sogenanten Televangelisten, welche die TV-Bildschirme in den USA seit Jahrzehnten regelmäßig bevölkern. Dass die Stimmen konsequent moduliert, entfremdet, neu zusammengesetzt werden, sorgt für Unbehagen, wenn etwa in "Father and son" ein familiäres Zwiegespräch zwischen Robotern ausgetragen und zum Zerrspiegel von Emotionen wird: "I love you but I love the Lord / More than I love any physical being." Es ist in einer Linie mit der famos unterkühlten Eröffnung "Prophecy at 1420 MHz", welche mit mächtigem Beat "I am the truth / Extinction / Diversion of reality / Consciousness" in den Äther diktiert. Fast wirkt es wie ein Meta-Kommentar auf die Enthumanisierung von Musik im Zeitalter des KI-Hypes, wüsste man nicht, dass Boards Of Canada diesen Stil seit nunmehr über drei Jahrzehnten pflegen.

Trotz aller Vertrautheit herrscht musikalisch kein Stillstand. Die Produktion ist etwas weicher und zugleich voller als die karger austaffierten Vorgänger, die Vocal-Samples nehmen eine viel prominentere Position ein und tragen wesentlich zur abseitigen Atmosphäre bei. "Naraka" ist nicht nur nach der hinduistischen Unterwelt benannt, in der Seelen nach ihrem Leben für Sünden leiden – in gewisser Weise das Pendant zum titelgebenden "Inferno" des Christentums – sondern überrascht auch mit einem wundervoll eingewebten "Hare Krishna"-Chor, der den Track zum Ende hin in Seligkeit hebt. Anderswo sind die Gegensätze subtiler, wie das Interlude-Duo "Acts of magic" und "Memory death", das dumpfes Surren wie Helikopter hinter tausend Vorhängen in sanftes Fließen mit schweratmigem Seufzen auflöst. Was hierauf folgt, ist der stärkste Lauf des Albums. Das atemlose "The word becomes flesh" lässt eine Dame, die über Hühnerembryos referiert, immer wieder zum eiskalten Roboter und zurück mutieren, während "Into the magic land" und "Blood in the labyrinth" in puncto abseitige Schönheit sich gegenseitig übertreffen.

Und schön kann "Inferno" durchaus sein, auch wenn es an allen möglichen Stellen dagegen ankämpft – der Albumtitel kommt schließlich nicht von ungefähr. "Deep time" ist als schwereloser Einschub mit Sitarklängen einfach nur zum Niederknien, das nahtlos angefügte "All reason departs" haut jedoch solch unheilvolle Sätze wie "This bloody sacrifice is the critical point of the world-ceremony of the crowned and conquering child" um die Ohren, die aus einem Buch des Okkultisten Aleister Crowley vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen. Kein Wunder, dass das Stück ab der Mitte nur noch ein basslastiges Blubbern hervorbringt. Doch Boards Of Canada schenken kurz vor Schluss den Blick ins Licht, den Kopf nach oben, den Schlüssel zu diesem Gesamtwerk. Nachdem es sich aus seinem Kokon geschält hat, wird "You retreat in time and space" in seiner zweiten Hälfte einfach das fantastischste, beflügelndste Stück Musik aus Schönheit und Anmut, das seit langer Zeit erklungen ist. Und das ist womöglich das Wichtigste, das "Inferno" mitgibt: Auch wenn gerade alles wie die Hölle auf Erden wirkt, kann es besser werden und darf man die Hoffnung nicht aufgeben. Für diese Welt und das, was danach kommt.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Naraka
  • The word becomes flesh
  • Deep time
  • You retreat in time and space

Tracklist

  1. Introit
  2. Prophecy at 1420 MHz
  3. Hydrogen helium lithium Leviathan
  4. Age of Capricorn
  5. Father and son
  6. Somewhere right now in the future
  7. Naraka
  8. Acts of magic
  9. Memory death
  10. The word becomes flesh
  11. Into the magic land
  12. Blood in the labyrinth
  13. Deep time
  14. All reason departs
  15. Arena Americanada
  16. The process
  17. You retreat in time and space
  18. I saw through platonia

Gesamtspielzeit: 69:58 min.

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User Beitrag

Vennart

Postings: 1489

Registriert seit 24.03.2014

2026-06-15 21:02:52 Uhr
@Felix:
Ist in der Tat komisch, dass die "Tomorrow's Harvest" auf rym als so deutlich schwächer empfunden wird. An manchen Tagen ist das für mich ihr atmosphärisch dichtestes und stimmigstes Gesamtwerk aber es ist wirklich extrem schwer bei dieser Band zu sagen.


„Nur kurz FYI: Im Film Backrooms wird einer der Songs dieses Albums im Abspann verwendet :)“

Cool, das könnte toll passen! Ich schaue es mir die Woche im Kino an.
Halb ernst gemeint: Du hättest netterweise eine Spoilerwarnung dazu schreiben können :D
Das wäre schon ne schöne Überraschung gewesen aber du hast ja noch nicht gesagt welcher Song es ist, jetzt gibts die Überraschung also doch noch und die Vorfreude ist schon mal da :)

Klaas

Postings: 2

Registriert seit 06.06.2015

2026-06-15 15:26:41 Uhr
Nur kurz FYI: Im Film Backrooms wird einer der Songs dieses Albums im Abspann verwendet :)

boneless

Postings: 7246

Registriert seit 13.05.2014

2026-06-11 22:23:04 Uhr
Die Internet-Nerds haben wieder ganze Arbeit geleistet. Es sei ihnen gedankt.

Die Samples von Inferno:

Inferno Sample Sources

Sind wohl nicht alle Samples, aber scheinbar die meisten. Ein paar separate wie Father and Son sind in der Beschreibung des Videos verlinkt.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 11506

Registriert seit 26.02.2016

2026-06-09 21:48:27 Uhr
Bei so ziemlich jedem anderen Act wäre das der Zenit des Schaffens, beim Boards Of Canada Maßstab bin ich bei einem tollen Album, das es sich bei den Alben momentan auf Platz 4 gemütlich macht und wenn ich Eps miteinbeziehe knapp außerhalb der Top 5 ist aber dem ich noch viel Zeit widmen werde und das kann natürlich noch klettern.

Und sehr schöne Rezension übrigens!


Vielen Dank!
Der Zenit bleibt für mich bisher aber auch eher "Music Has the Right..." und davor könnten auch noch "In a Beautiful Place" und "Tomorrow's Harvest" kommen, letztere kommt ja merkwürdigerweise bei RYM nicht so gut weg. Für mich ist mehr als deren halbe Diskographie halt rund um 9/10.

Lateralis84skleinerBruder

Postings: 1170

Registriert seit 03.03.2019

2026-06-09 20:52:29 Uhr
Für mich bereichern die Sprachsamples die Tracks enorm.
Ich mag, wie sie zerstückelt und verfremdet werden, um damit in die Beats zu passen.

Bereits auf Tomorrow's Harvest dachte ich mir bei der Hälfte der Tracks, dass hier begnadete MCs nen Beat für ihre Karriere hätten.

Zum Album. Mittlerweile Durchlauf Nummer (hab aufgehört zu zählen) 10+ und die Puzzleteile setzen sich so langsam in die Lücken. Die Stunde geht rum wie bei kaum einem anderen Album dieses Jahr. Und dabei bin ich kein Fan von über 40 Minuten Alben.
Spätestens ab dem stotternden "c-consciousness" - und der Beat legt nochmal ne Schicht drauf - bin ich gefangen im Strudel.

Sogar Narakas Hare Hare finde ich nicht mehr störend :)

Top 5 des Jahres ist mittlerweile safe
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