Widowspeak - Roses
Captured Tracks / Cargo
VÖ: 05.06.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Die Ruhestiftung
2020 veröffentlichten Widowspeak das Album "Plum". Das Artwork zeigte eine Pflaume – ein minimalistisches, abstraktes Stillleben des Künstlers Nick Dahlen, das er damals eigens für die Veröffentlichung angefertigt hatte. Auf dem Cover des Nachfolgers "The jacket" aus dem Jahr 2022 prangte dann – nur konsequent – eine schwarze Lederjacke. Die jüngste Veröffentlichung des New Yorker Duos schreibt diese kurze Tradition der Dingpoesie fort. Wobei die titelgebenden "Roses" halt nicht irgendwelche Blumen sind, die da in einer Vase mit Wasser vor sich hin welken. Die aufdringliche Symbolik legt den Verdacht nahe: Obacht, Konzeptalbum! Doch durchzieht der Topos romantischer Liebe die insgesamt zehn Songs auf so charmante und mitunter auch selbstironische Weise, dass große Emotionen und sonst allzu klischeebeladene Bilder plötzlich Tiefe und Kontur gewinnen. Hinzu kommt: Auch in seinen lichtdurchfluteten Momenten haftet dem Album noch eine dezent melancholische Note an. Ja, selbst im übergroßen "If you change", wo alles in die Höhe strebt und Widowspeak die Makel der Vergänglichkeit so inniglich umarmen, steckt ein kleiner dorniger Widerhaken.
Umstellt ist "If you change", das Highlight der ersten Albumhälfte, von zwei Balladen. Im Titel-Song "Roses" tänzelt eine Pedal-Steel-Gitarre über Klavierakkorde, während "Wondering" von einer Orgel getragen wird. Beschworen wird die Atmosphäre eines typisch amerikanischen Diners, irgendwo zwischen flüchtigen Bekanntschaften und geteilter Einsamkeit. "Aren't they lonesome for something long gone? / Aren't I lonesome for it too?" Hier wissen wir schon längst: Veränderungen gehören zum Leben und können dennoch oder gerade deshalb bedrohlich wirken. Der gut gemeinte Ratschlag lautet: "If you change, don't change too much." Damit ist aber auch das kompositorische Prinzip umschrieben, das der Platte wie schon ihren Vorgängern zugrunde liegt. Den Unterschied macht einmal mehr die Chemie zwischen Molly Hamilton und Robert Earl Thomas, die seit einigen Jahren auch miteinander verheiratet sind. Wo Hamilton mit ihrer verschlafenen Stimme, die gefühlt in so gut wie jeder Rezension mit der von Hope Sandoval verglichen wird (also auch in dieser), einen bezirzenden Sog erzeugt, sorgt Thomas' Gitarrenspiel für die knackigen Akzente inmitten der überwiegend gemächlich dahinfließenden musikalischen Wogen.
Die Gattungsbezeichnung Dream-Pop beschreibt das eigentümliche Gewächs, das Widowspeak da über die Jahre herangezogen haben, dennoch nur unzureichend, stecken seine Wurzeln doch tief in nährstoffreicher Americana-Erde. Das wurde vielleicht nie deutlicher als auf "Roses", wo schon der schlurfende Country-Pop-Song "No driver" von verzerrten, Neil-Young-haften Gitarren-Eskapaden umrahmt wird, während sich die Abfahrt ins Glück auf unbestimmte Zeit verzögert. "You tell me / I'm ready when you want to leave." Eine Aufbruchserwartung, der "Angel number" wenig später ein Nach-Trennungs-Szenario entgegenhält, wenn nämlich die verflossene Person wie ein mirakulöses Zeichen immer wieder ins Blickfeld rückt. "Oh, it's staring me down / Like an angel number / I see the ghost of you all over town / Oh, I thought I was free / Thought I lost your hold on me." Diese Zeilen werden von Hamilton freilich in derselben entrückten Tonlage gesäuselt wie die unbedingte Liebeserklärung im nachfolgenden Song "Soft cover" mit seinen schönen Tom-Petty-Anleihen.
Also klingt doch alles irgendwie gleich? Mitnichten. Eher schon haben Widowspeak ein Album wie aus einem Guss gezaubert. Ein Album ohne große Brüche oder Wendungen, aber durchaus abwechslungsreich, mit viel Liebe fürs Detail und mit einem Gespür für Dramaturgie. Und ein Album, dem auch auf den letzten Metern nicht die Puste ausgeht. Auf die fast schon obligatorische Velvet-Underground-Beschwörung "Heaven is waiting" folgt der langsam verklingende Akustik-Folk von "Actor", wo Hamilton nicht zum ersten Mal ihren Humor aufscheinen lässt. "You're still living on my mind / But you never pay your rent on time." Den Schlusspunkt setzt dann mit "Hourglass" ein sanft wiegendes Schlaflied, in das sich eine brummende Gitarre drängt. Ein Kuss auf die Stirn, die Augenlider sinken. So bettet man sich gern zur Ruhe.
Highlights
- No driver
- If you change
- Angel number
- Heaven is waiting
Tracklist
- The hook
- No driver
- Roses
- If you change
- Wondering
- Angel number
- Soft cover
- Heaven is waiting
- Actor
- Hourglass
Gesamtspielzeit: 42:02 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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bender Postings: 272 Registriert seit 03.04.2020 |
2026-06-09 13:08:00 Uhr
Schon wieder ganz gut geworden das neue Album. Muss mich noch mehr reinhören, aber die Highlights sind schon mal das wunderschöne No Driver und If You Change, das so daher jangelt, dass es ein R.E.M. Song sein könnte. |
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fuzzmyass Postings: 21773 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-06-09 12:41:13 Uhr
Bin sehr gespannt auf das Album, noch nicht dazu gekommen, aber hoffentlich bald... |
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Kojiro Postings: 5140 Registriert seit 26.12.2018 |
2026-06-09 11:58:49 Uhr
Opener schon sehr stark. |
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Enrico Palazzo Postings: 9324 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-06-09 11:46:54 Uhr
Spannend - klingt ja irgendwie ganz anders als der Vorgänger. Das hier ist ja eigentlich eher Americana als dieser verhuschte Dream-Pop. |
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MickHead Postings: 12028 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-06-05 21:17:19 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:https://widowspeak.bandcamp.com/album/roses |
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Referenzen
Mazzy Star; Hope Sandoval & The Warm Inventions; Still Corners; Adrianne Lenker; Cowboy Junkies; Wilco; Slumber Party; Tarnation; Yo La Tengo; Mojave 3; Neil Halstead; Slowdive; Cat Power; Land Of Talk; Madeline Kenney; Beach House; Gun Outfit; Neil Young; Big Thief; Tom Petty; Real Estate; Lanterns On The Lake; Waxahatchee; Blouse; Eerie Wanda; Novella; Florist; Japanese Breakfast; Grizzly Bear; Red House Painters; Tamaryn; Holy Motors; Wye Oak; Lush; Washed Out; Stereolab; Torres; Lower Dens; Wild Nothing; Fear Of Men; Sparklehorse; The Velvet Underground; Kurt Vile; Low; King Hannah; Broadcast; Sharon Van Etten; Hurray For The Riff Raff; Songs:Ohia; New Constellations; The Weather Station; Nilüfer Yanya; The Flaming Lips; The xx; Warpaint; Lana Del Rey; Calexico; Lambchop; Cocteau Twins
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