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Ed O'Brien - Blue morpho

Ed O'Brien- Blue morpho

Transgressive / H'Art
VÖ: 22.05.2026

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

432 Hz

Er sperrte sich ein. Seine Kinder nahmen ein paar Zimmer weiter am Onlineunterricht teil, während Ed O'Brien die Tür hinter sich schloss und nach seiner Gitarre griff. Dreistündige Ein-Mann-Sessions wurden während der Covid-19-Pandemie zum morgendlichen Ritual des Musikers. Nicht allein auf der Suche nach interessanten Akkordfolgen befand sich O'Brien in seinem Londoner Studio. Sondern auch auf der Suche nach Heilung. Denn am Ende des Jahres 2020 kämpfte der Gitarrist mit den heftigsten Depressionen seines bisherigen Lebens. Der zeitweilige Rückzug nach Wales half O'Brien, mit der Krankheit leben zu lernen. Lange Spaziergänge mit seinem Hund Ziggy, vorbei an alten Eichen, moosbewachsenen Hütten und Wasserfällen, führten zu einem, um es in seinen eigenen Worten zu sagen, "spirituellen Erwachen".

Dass das Album von den Naturschönheiten seiner walisischen Wahlheimat maßgeblich inspiriert wurde, hört man O'Briens Zweitling – sein Debüt "Earth" veröffentlichte er noch unter seinen Initialen – im Hinblick auf seine musikalischen Mittel nicht an. Wer klassischen Folk oder keltisch geprägte Choräle sucht, wird auf "Blue morpho" nicht fündig. Stattdessen drückt der Radiohead-Gitarrist seine Liebe zur Natur und zum Leben in einem Melting Pot aus, der aus seiner Entstehung in der Musikwelthauptstadt London keinen Hehl macht. Mit der Zeile "Here comes the fear" eröffnet O'Brien das Album. Und macht sich mit einem beruhigenden Riff und der Unterstützung Crispin "Spry" Robinsons an der Percussion daran, ebenjene Furcht hinter sich zu lassen. Die Macht der Musik wird beschworen: "Incantations up from the soil / Incantations mend all the trouble." In der zweiten Hälfte des herausragenden Openers setzt der Ausnahmekünstler mit aus Klassikern wie "Weird fishes / Arpeggi" geschätztem Silbengesang ein, ehe Gastvokalistin Eska in das hypnotische Crescendo einsteigt, um Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Das schamanische Ritual erfolgt nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Breitbildformat.

Um seinen Heilungsprozess angemessen zu vertonen, verabschiedet sich der Gitarrist auf "Blue morpho" vom internationalen Standardstimmton, der die westliche Musik seit mehr als 80 Jahren prägt. Anstelle von 440 Hertz setzt O'Brien konsequent auf 432 Hertz. Akustische Instrumente ließ er umstimmen, in der Überzeugung, dass die minimal tiefere Stimmung eine beruhigende Wirkung ausübe. Wichtiger: Er präsentiert sich als gereifter Songwriter, dem es noch besser als auf dem Vorgänger gelingt, mannigfaltige Einflüsse meisterhaft miteinander zu verzahnen. Ob im meditativen Titeltrack mit Vogelgezwitscher und Streichern des Tallinn Chamber Orchestra, ob im groovigen "Teachers" mit Yves Fernandez' Bassline und jazzigem Outro: Auch Produzent Paul Epworth und Mixer Ben Baptie tragen ihren Teil dazu bei, dass unterschiedlichste Bestandteile ein kohärentes Ganzes ergeben.

Wer die beruhigende Wirkung von auf 432 Hertz gestimmten Instrumenten bisher für Quacksalberei hielt, kommt spätestens während Shabaka Hutchings' Beitrag an der Flöte im Ambient-Tagtraum "Thin places" ins Grübeln. Und könnte selig hinwegdämmern – wenn nicht zu guter Letzt ein Jahreshighlight folgen würde. In der ersten Hälfte von "Obrigado" locken Crispin "Spry" Robinsons Trommeln und Eskas unbeschwerte Lautmalerei an die brasilianische Südostküste, an der O'Brien in den Jahren 2012 und 2013 lebte. Anschließend leitet ein psychedelisches Interlude von der das Leben selbst feiernden Synthesizer-Samba-Fusion über in das spacerockige Finale furioso. O'Brien soliert und schreit seine Katharsis heraus. Am Ende eines musikalischen Wunderwerks hebt er ab, der Schmetterling, dessen Name Pate stand für "Blue morpho".

(Dennis Rieger)

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Highlights

  • Incantations
  • Obrigado

Tracklist

  1. Incantations
  2. Blue morpho
  3. Sweet spot
  4. Teachers
  5. Solfeggio
  6. Thin places
  7. Obrigado

Gesamtspielzeit: 38:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

JohnWesley

Postings: 30

Registriert seit 13.04.2025

2026-06-07 13:10:10 Uhr
Nach 2 Wochen und xmal Hören: 7/10

ijb

Postings: 8476

Registriert seit 30.12.2018

2026-06-05 23:36:36 Uhr
@ boneless

Ja, unter "plätschern" würde ich mir tatsächlich auch was sehr anderes vorstellen. Ich denke da eher an oberflächliche, leicht konsumierbare Musik, aber sicher nicht an sowas Ambitioniertes.
Die Pink-Floyd-Assoziation hatte ich auch - und dann gibt's ja im Mittelteile auch so eine Strecke, die ein bisschen an Can erinnert.

boneless

Postings: 7233

Registriert seit 13.05.2014

2026-06-05 22:51:29 Uhr
Mal vom ersten Song abgesehen, plätschert der Rest ziemlich planlos vor sich hin.

Wenn man das liest, fragt man sich, ob der Urheber dieses Satzes das Album auch nur ansatzweise aufmerksam gehört hat. Blue Morpho ist vieles, aber sicher zu keiner Sekunde planlos.

Ich bin gerade fasziniert. Angefixt vom fantastischen Cover gibt mir das direkt beim ersten Hören richtig viel. Großartige Atmosphäre, die vielschichtigen Arrangements und Facetten nehmen den Hörer direkt mit auf eine Reise, die im erst überraschend funkigen, dann wehmütig schwelgerischen, fast schon Pink Floyd-artigen Obrigado einen unorthodoxen, superben Abschluss findet. Sexy.

ijb

Postings: 8476

Registriert seit 30.12.2018

2026-06-02 11:25:05 Uhr
Super starkes Album. 9/10 kann man schon machen.
Finde ich erstmal besser als die Sachen von The Smile. Stark, was Ed O'Brien da an einem eigenen, mutigen künstlerischen Kosmos vorlegt. Auch ein krasser Sprung vom Debüt. Erinnert mich eigentlich erstmal nur an Klassiker wie Talk Talk oder Paul Webb / Mark Hollis.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37084

Registriert seit 07.06.2013

2026-05-29 17:36:46 Uhr
Höre es quasi täglich seit Release und bin sehr angetan.
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