Ok Kid - Komm, wir bleiben stehen
Epic / Sony
VÖ: 29.05.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Ein Schritt zurück, zwei Schritte vor
Der Titel ist natürlich ein Trick. "Komm, wir bleiben stehen" klingt zunächst wie die Kapitulation einer Band, die unter anderem im Rahmen ihres letzten Albums noch dazu aufgerufen hat, den Allerwertesten hochzubekommen, endlich auf die Straße zu gehen, sich dem Rechtsruck entgegenzustellen, Haltung nicht bloß zu posten, sondern zu leben. Dass ausgerechnet Ok Kid jetzt den Stillstand ausrufen, nachdem sie sich 2024 tatsächlich selbst eine Zeitlang aus dem Konzert-, Veröffentlichungs- und Social-Media-Betrieb ausgeklinkt haben, wirkt im ersten Moment wie ein Rückzug. Vielleicht sogar wie Resignation. Aber genau aus diesem Widerspruch scheint der neue Longplayer des Trios um Sänger Jonas Schubert seine Kraft zu ziehen. "Komm, wir bleiben stehen" meint keinen politischen Rückzug, sondern die Weigerung, sich komplett vom Dauerrauschen auffressen zu lassen. Und man hört diesem Album über weite Phasen an, wie gut die Auszeit getan hat. Zum ersten Mal seit langer Zeit klingt die Band nicht, als würde sie gleichzeitig gegen den Weltzustand anschreien und gegen die eigene Erwartungshaltung anrennen.
Musikalisch entfernen sich Ok Kid weiter von den klaren Indie-Rap-Konturen ihrer frühen Jahre. Die neuen Songs sind flächiger, düsterer und erstaunlich weich produziert. Synthesizer schweben über angeschliffenen Gitarren, vieles klingt bewusst entrückt, manchmal fast shoegazig. Gleichzeitig bleibt die Platte in ihren besten Momenten dringend genug, um nicht im bloßen Befindlichkeitspop zu versanden. Den Anfang macht dabei "Hoffnung stirbt", ein dreiteiliger Song über politische Erschöpfung, Resignation, Dystopie und trotziges Weitermachen mit dem zentralen Gedanken, dass Hoffnung zwar beschädigt und im Videoclip auch begraben wird, aber niemals vollständig verschwindet. Max Richard Leßmann, den manch einer vielleicht noch als Sänger von Vierkanttretlager kennt, steuert dazu ein paar Worte bei, die nachdenklich machen, während die drei Teile von hymnisch und melancholisch über bruchstückartig und nervös bis hin zu aggressiv und aufbrechend vor sich hinpluckern. Dann geht es Schlag auf Schlag. Gerade die im Vorfeld des Album-Releases veröffentlichten Songs zeigen ziemlich gut, wie dieses Album funktioniert. "Rave on" kanalisiert als klassische Muss-man-laut-hören-Nummer Eskapismus und Erschöpfung in einen euphorischen Refrain, der live mit Sicherheit alles abreißen wird. "Wie ein echter Mann" zerlegt rechtslastig geprägte Männlichkeitsbilder ohne den plakativen Zeigefinger früherer Songs und gehört mit seiner nervösen Dynamik ebenfalls zu den stärkeren Tracks der Platte, während "Farbfilm" mit einer bittersüßen Mischung aus Nostalgie und latentem Kontrollverlust überzeugt.
Dass die Band dabei oftmals verletzlicher klingt als jemals zuvor, steht der Platte gut. Die Wut ist immer noch da, aber sie richtet sich nicht mehr ausschließlich nach außen. Vieles wirkt persönlicher, erschöpfter, manchmal beinahe ratlos. Genau deshalb funktionieren auch die gesprochenen Beiträge von Luisa Neubauer im Intro zu "Rave on" und des bereits erwähnten Max Richard Leßmann überraschend gut. Nicht als kalkulierte Gastauftritte, sondern wie Stimmen aus demselben überreizten Zustand. Weniger gereizt, aber dafür umso persönlicher gehen Ok Kid in Stücken wie "Ein ganzer See" zu Werke, einer melancholisch und großflächig angelegten Hymne, bei der Zeilen wie "Es gibt kein Zuhause ohne Dich" noch lange im Ohr bleiben. Genauso wie der Refrain des nachfolgenden "Einfach so". Die mit einem Augenzwinkern versehene und schunkelnd daherkommende Hommage an die Wahlheimat Köln-Ehrenfeld ("50823") ist wie ein vertonter Spaziergang durchs Viertel, in dem sich einiges geändert hat. Und eben nicht nur da. Es geht immer weiter, auch wenn es zwischendurch mal Pausen bedarf. Stillstehen heißt hier nicht, nichts zu tun, sondern endlich wieder zu spüren, warum man überhaupt losgelaufen ist. Vielleicht ist "Komm, wir bleiben stehen" deshalb gar kein Widerspruch zum früheren "Geht auf die Straße"-Pathos der Band, sondern dessen notwendige Weiterentwicklung. Ok Kid haben ein Album geschrieben, das verletzlicher, ehrlicher und musikalisch vielseitiger klingt als vieles, was sie zuvor veröffentlicht haben. Wer dauerhaft kämpfen will, muss irgendwann auch lernen innezuhalten. Ok Kid sind schlau genug.
Highlights
- Rave on
- Farbfilm
- Ein ganzer See
Tracklist
- Hoffnung stirbt 1 (mit Max Richard Leßmann)
- Hoffnung stirbt 2
- Hoffnung stirbt 3
- Rave on Intro (mit Luisa Neubauer)
- Rave on
- Wie ein echter Mann
- Clowns
- Farbfilm
- Ein ganzer See
- Einfach so
- 50823
- Hör nie auf
- Outro
Gesamtspielzeit: 32:53 min.
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