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Ghinzu - W.O.W.A.

Ghinzu- W.O.W.A.

PIAS
VÖ: 29.05.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kontrolliertes Chaos

Eine Welt war noch nie genug für Ghinzu. Mit ihren Alben "Blow" und "Mirror mirror" zerschnitten sie Genregrenzen und schafften es, in den späten Nullerjahren gleichzeitig spinnerte Krach-Enthusiasten und die womöglich größte belgische Alternative-Rock-Band hinter dEUS zu sein. Es passt zu diesem Eigensinn, dass sie an diesem Punkt zunächst den Stecker zogen. 17 Jahre sollte es bis zum Nachfolger von "Mirror mirror" dauern, wobei der Fünfer in dieser Zeit keinesfalls untätig war, laut eigener Aussage insgesamt 90 vollwertige Song-Ideen erarbeitete. Kein Wunder, dass die letztliche Platte den Titel "When other worlds await" (abgekürzt als "W.O.W.A.") trägt – auch wenn sie zugegebenermaßen den Rahmen nicht so sehr sprengt, wie es angesichts ihres Vorlaufs zu erwarten war. Doch selbst in der aufgeräumteren, weniger noisigen Variante ihres Art-Rocks lassen sich Ghinzu den einen oder anderen bewegungsintensiven Abriss nicht nehmen.

Einen solchen veranstaltet etwa die Single "Snow White", wenn sie mit extremer Verzerrung, rasantem Beat und Saxofon-Quietschen nach vorne jagt. Zeilen wie "And you can have my life / Can have it all it's fine / But you won't take the love inside that burns for you alive" gewinnen keinen Literaturnobelpreis, vermitteln aber die "Alles oder nichts"-Mentalität des Songs mit entsprechender Dringlichkeit. Auch "Out of control" schafft es gekonnt, US-amerikanische Garagenrock-Traditionen mit einer gewissen europäischen Eleganz zu verknüpfen. Dass bei Ghinzu nicht mehr das Chaos vorherrscht, beweist gleich der eröffnende Titeltrack: eine achtminütige Synth-Rock-Suite, in deren erster Hälfte noch der zwischen Falsett und Bariton pendelnde Gesang von John Descamps dominiert, ehe sie mit viel Anlauf zum dramatischen Finale ausholt – dann aber nicht explodiert, sondern in einer besonders groovigen New-Wave-Funk-Passage verglüht.

In ihrer erwachsen gewordenen Inkarnation können Ghinzu sogar eine leicht käsige, aber auch schöne Ballade wie "Forever" raushauen, die aufgeregtes Drumming mit erhabenen Synth-Flächen kontrastiert und die Geschichte einer Beziehung vom Verlieben bis zur Trennung erzählt. "Morning lights" ist im Anschluss ein arenatauglicher Elektro-Rocker, der auch Placebo gut zu Gesicht gestanden hätte. Nach diesem Doppel eventuell aufkommende Befürchtungen, dass die Band doch etwas zu viel an Biss verloren hätte, merzt sie allerdings schnell wieder aus. "Apologies" erzeugt mit kaltem Schlagzeug und unheilvollem Bass eine bedrohliche Grundstimmung, über die Descamps immer wieder mit Bläser-unterstützter Showman-Geste gleitet – und demonstriert, dass in jedem belgischen Musiker zumindest ein bisschen Jacques Brel steckt. Das ist zwar immer noch vergleichsweise ruhig, aber auch gewagt und über die ganzen sechs Minuten lang unheimlich atmosphärisch. Da ergeben auch die durch "W.O.W.A." verstreuten Instrumental-Tracks Sinn, die zwar keine Erzählfunktion in einer Konzepthandlung erfüllen, aber als Stimmungsfänger zur Albumkohärenz beitragen.

Die besten Ergebnisse erzielen Ghinzu allerdings noch immer, wenn sie mehr aus sich herausgehen. Das arschcoole "It's the law" balanciert Spaß und Edginess mit verspielter Percussion und einem Vibe, der an die frühen Blur erinnert. "Death race" macht seinem Titel alle Ehre, wenn es seine Uptempo-Energie in ein wahnwitziges Finish überführt, in dem sägende Gitarren und ein nach Luft schnappendes Saxofon ums Überleben kämpfen. Dazwischen kokettiert das im Kern zurückhaltende Pianostück "Fool" mit Störgeräuschen und deutet im lauten Schlussdrittel sogar kurz ein Solo an. Der Closer "Breathless words" packt zum Abschied dahingegen das ganze Orchester aus – eine Rückkehr nach so langer Zeit verlangt ja schließlich gebührende Feierlichkeiten. Wenn Ghinzu tatsächlich noch 77 weitere Songs im Köcher haben, sollte der Frack am besten in Griffweite bleiben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • When other worlds await
  • Snow White
  • It's the law
  • Death race

Tracklist

  1. When other worlds await
  2. Snow White
  3. Out of control
  4. Forever
  5. Morning lights
  6. Mathias is gone
  7. Apologies
  8. It's the law
  9. #quietluxury
  10. Fool
  11. Death race
  12. Master bluff
  13. Breathless words

Gesamtspielzeit: 51:09 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37084

Registriert seit 07.06.2013

2026-06-05 17:36:40 Uhr
Au ja, Bowie. Mich erinnern "Forever" und besonders "Apologies" aber an noch was. Letzterer hat auch was von den ruhigeren Black Midi und den loungigen Artic Monkeys.

embele09

Postings: 258

Registriert seit 06.11.2024

2026-06-04 22:51:36 Uhr
Ich empfinde die Vinyl , die ohne diese Intermezzos auskommt, wesentlich besser im Fluss.
Frag mich gerade, ob die auf der CD mit drauf sind, so wie bei Spotify. Stören mich eher.
Ansonsten bin ich begeistert, dass sie endlich wieder da sind mit neuer Musik. Fett, das ganze Album. Macht richtig Spaß, der Opener schon ! Und der Sound... ;) staubtrocken knarzt der Bass, die Band funktioniert wie ein Uhrwerk.
Bei mir momentan eine 8/10. Tendenz geht weiter hoch...bis ich ganz drin bin, bei jedem Song.

Glufke

Postings: 1516

Registriert seit 15.08.2017

2026-06-04 22:23:55 Uhr
Da gehe ich zu 100% mit, würde das auch noch in Teilen auf "Forever" erweitern. "Fool" erinnert mich an "The Vampire of Time & Memory" von QOTSA, "Snow White" an das letzte Album von iLikeTrains. Alles in allem bin ich gerade ziemlich euphorisch, ich finde, das Album klingt wie ein verschollener Klassiker der 00er-Jahre. Bin sonst bei Musik gar nicht so Nostalgie-empfänglich, aber hier? Hui, macht das Spaß.

Enrico Palazzo

Postings: 9204

Registriert seit 22.08.2019

2026-06-04 13:37:43 Uhr
Bei "Apologies" habe ich ganz harte Bowie-Vibes, toll!

Glufke

Postings: 1516

Registriert seit 15.08.2017

2026-06-04 10:15:47 Uhr
Der Bass ist mir auch schon positiv aufgefallen, gerade im Opener. Simpel, aber genial. Bin heute Nacht nur mit dem Ohrwurm vom Bass aufgewacht :D
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