Alin Coen - Du bedeutest mir die Welt
Pflanz Einen Baum
VÖ: 29.05.2026
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Keine Eile, viel Weile
Alin Coen hat sich mal wieder Zeit gelassen. Sieben Jahre lagen zwischen dem zweiten Album "We're not the ones we thought we were" und dem Nachfolger "Nah". Auf das neue Werk mussten ihre Fans erneut sechs Jahre warten. In der Rezension zu "Nah" stellten wir dem Schaffen von Coen die inhaltsleere Gefühlsduselei von Mainstream-Acts wie Max Giesinger oder Tim Bendzko gegenüber. Mittlerweile haben sich junge Künstler*innen wie Levin Liam, Paula Hartmann oder Berq etabliert, die kommerziell erfolgreich sind und trotzdem authentischer über Emotionen und Liebe texten als die genannten Deutschpoeten. Was Alin Coen im Vergleich mit diesen jungen Wilden fehlt, sind neben den niedrigeren Streaming-Zahlen die extremen Gefühlsschwankungen und die tiefe Verzweiflung in den Lyrics. Die mittlerweile 44-Jährige dichtet deutlich unaufgeregter über Herzensangelegenheiten.
Der etwas pathetisch anmutende Albumtitel und der heimelige Eröffnungstrack "Immer noch da" lassen ein einziges Lobpreisen der harmonischen Paarbeziehung vermuten. So eintönig wird es auf "Du bedeutest mir die Welt" nicht. Coen teilt ihre eigenen Erfahrungen, nimmt aber bei Songs wie "Keine Eile" auch die Beobachterinnenrolle ein. Hier ist sie die gute Freundin, die einer nahestehenden Person eine wärmende Decke aus tröstenden Worten um die Schultern legt. Auch das zerbrechliche "Atme ein, atme aus" soll einer verlassenen Seele über eine schmerzhafte Trennung hinweghelfen. Musikalisch wird Coen wieder von Philipp Martin am Bass und Fabian Stevens am Schlagzeug begleitet. Die beiden Musiker halten sich im Hintergrund, die Instrumentals sind sehr zurückgenommen arrangiert. In Kombination mit dem oft nur gehauchten Gesang der gebürtigen Hamburgerin wünscht man sich ab und an ein bisschen mehr Spektakel. Manche Songs laufen Gefahr, sich im Grundrauschen kinderreicher Altbauwohnungen zu verlieren.
Musikalisch spannend ist das mit elektronischen Sounds und Streichern aufgewertete "Alles beginnt im All". Der Song ist sehr persönlich, die zweifache Mutter richtet sich hier wohl an ihren jüngsten Sohn: "Alles beginnt im Bauch, Deine Geschichte auch / Als ich Dich zum ersten Mal sah, war dein Herzschlag grad erst da." Die persönliche Beschäftigung mit kindgerechten Inhalten färbt offenbar auf Coen ab, und sie zieht "Mond und Erde", eine Liebesgeschichte zwischen den Himmelskörpern, wie ein Kinderlied auf. Ganz unerfahren ist die Künstlerin mit dem Genre nicht. Für die erfolgreiche "Unter meinem Bett"-Reihe steuerte die studierte Umweltingenieurin bereits 2018 den Song "Tiere im Wald" bei, der den Kleinen den Tierschutz näherbringen soll. Auf ihrem aktuellen Album verkneift sie sich jegliche gesellschaftspolitischen Themen, was sie deutlich von artverwandten Kolleginnen wie Dota oder Mine unterscheidet. Dazu sind ihre Texte simpler als die der beiden Ebengenannten, somit aber auch direkter und weniger verkopft. Wenn sich Coen an wortreicheren Zeilen versucht, wie bei "Die wichtigen Zahlen", klingt sie etwas gehetzt. Im Refrain reimt sich dann "Zweisamkeit" auf "Achtsamkeit" – dem gemeinsamen Suffix sei Dank.
Der Titeltrack, der das Album beschließt, ist überraschenderweise kein gesungener Poesiealbum-Eintrag, sondern ein lebhaftes Entschuldigungsschreiben an einen geliebten Menschen. Er endet mit einem mehrstimmigen Gesangspart, der die perfekte Vorlage zum Mitsingen bietet. Die Tour zum Album läuft bereits, und die passionierte Live-Musikerin Alin Coen ist noch bis tief in den Oktober unterwegs. Ihre Fans mussten ja auch lange genug auf sie warten.
Highlights
- Atme ein, atme aus
- Alles beginnt im All
- Bis bald
Tracklist
- Immer noch da
- Die wichtigen Zahlen
- Keine Eile
- Kapitulation
- Atme ein, atme aus
- Schwer verliebt
- Mond und Erde
- Alles beginnt im All
- Bis bald
- Du bedeutest mir die Welt
Gesamtspielzeit: 32:08 min.
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Referenzen
Alin Coen Band; Dota; Kat Frankie; Bodies; Enno Bunger; Moritz Krämer; Dido; Max Und Joy; Ami Warning; Philipp Poisel; Lena&Linus; Mine; Rosenstolz; Cäthe; Tim Neuhaus; Pohlmann; Revelle; Die Höchste Eisenbahn; Max Prosa; CATT; BOY; Sophie Hunger; Liv Solveig; Tristan Brusch; Lotte; Alex Mayr; Antje Schomaker; Namika; Nichtseattle; Norah Jones
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