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Ikkimel - Poppstar

Ikkimel- Poppstar

Four / Sony
VÖ: 15.05.2026

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Gestern und morgen sind scheißegal

In einer gar nicht so weit entfernten Parallelwelt wird 24/7 gefeiert. Zu stumpfen, in den Neunzigern hängengebliebenen Beats trällert eine leichtbekleidete Frau pausenlos über Lust und Leidenschaft. Und tut dies gänzlich ohne schambehaftete Metaphorik: "Ich ficke gern." Das Feuilleton straft sie mit Ignoranz. Wenn auf Musikwebsites um der lieben Klicks willen mal eine ihrer Songansammlungen besprochen wird, wird diese selbstredend verrissen – süffisante Bemerkungen über Künstlerin und Hörerschaft inklusive. Ihr Name ist Mia Julia, ihr Alter Ego beheimatet in einem sonnig gelegenen Etablissement namens "Mega-Park".

Und nun zu etwas völlig anderem: zu einer "[unglaublichen] Künstlerin" (Herbert Grönemeyer), zu einer "[fantastischen] Texterin" (Rebecca Spilker), zu einem "Poppstar" (Ikkimel via Albumtitel über Ikkimel). Und zu einem lyrischen Ich, das das Feuilleton partout nicht von der Frau trennt, die in "Rechts ran" ins Mikro stöhnt. Für dieses lyrische Ich geht es in selbigem Track per Anhalter durch eine Berliner Parallelgalaxis, in der sich studierte Germanistinnen noch um die wichtigen Dinge des Lebens Gedanken machen. Bei so vielen Hormonen müssen auch mal Artikel und Prädikat dran glauben: "Seitenstreifen geil!" Zu stumpfen, in den Neunzigern hängengebliebenen Beats glänzt Melina Gaby Strauß aka Ikkimel mit messerscharfen Argumentationsketten wie dieser: "Zeig mir Deinen Steifen! / Weil ich hab nichts an." Selbstredend bekommt der Mann am Steuer für die wilde Fahrt ebenso eine überragende Bewertung wie Ikkimels zweites Opus in Medien wie dem "Musikexpress": "5 Sterne, weil ich bin gekommen." Es bleibt der unterhaltsamste, weil absurdeste Track auf einem schnell ermüdenden Album.

Bereits der Opener "Was jetzt" zeigt in weniger als zwei Minuten, dass kein musikalischer Plan existiert: ein kurzes Synthie-Oper-Intro, ein amateurhafter Loveparade-Stampfbeat, partieller Autotune-Einsatz, alles kommt rein, was irgendwie reinpasst. Höhö! Selbstredend wichtiger: die Texte. In diesen wird, wie bereits auf dem Debüt "Fotze", der sexistische Quatsch-Rap der frühen Zweitausender, als das Kalkül so aufmerksamkeitsorientierter wie minderbegabter Maskulinistendarsteller voll aufging, kopiert. Pardon, nicht kopiert, ich meinte natürlich parodiert. Denn das lyrische Ich, das in Tracks wie "Facesitting" Bodyshaming betreibt oder in "Schere" verbal in Richtung Pfandflaschensammler tritt, ist weiblich. Wer also Zeilen wie "Babys sind doch süß / Es sei denn, es sind Jungen" ("Giftmord") weder als feministisch noch als "Wut als Kunstform" anerkennt, sondern als Provokation um der Provokation willen, kann gemäß der Logik gewisser Redaktionen nur ein alter weißer Mann sein.

Warum das Endprodukt so enttäuscht? Weil einzelne Tracks wie "Tipps von mir" und das sich unverhohlen am French Rap orientierende "Not today" nicht nur stilvoll produziert wurden, sondern auch verdeutlichen, dass Strauß einen Flow besitzt, von dem Kolleginnen wie Shirin David oder Juju nur träumen können. Den Mechanismen des Geschäfts, das zeigt auch das Intro des gelungenen Musikvideos zu "Mami", ist sie sich bewusst. Aber vielleicht – eine ganz steile These – macht sich Strauß auf "Poppstar" nicht nur über Personen wie jenen von Andreas Hofer dargestellten Herrn lustig. Vielleicht ja auch über Personen, die Metaebenen auch dort sehen, wo es keine Metaebenen gibt, und Zeilen wie "Bitch, das nich' woke, ich brauch' Tipps zum Lutschen" ("Eier legen") geflissentlich überhören. Im von Anja Caspary zunächst fangirlartig geführten öffentlich-rechtlichen Interview führt Strauß selbst Frauenarzt und "Orgi" an. Und besteht auch auf Nachfrage darauf, dass sie diese nicht als Gegenpole zur eigenen Musik betrachtet, sondern als Vorbilder für ihr "Humorlevel". Die daraufhin entgleitenden Gesichtszüge Casparys: "Irgendwie witzig." Im Gegensatz zu all jenen Personen, die mit Höchstwertungen für "Poppstar" unfreiwillig an der Feuilletonisierung von Trash mitwirken. Und am Niedergang des Musikjournalismus.

(Dennis Rieger)

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Highlights

  • Tipps von mir

Tracklist

  1. Was jetzt
  2. Facesitting
  3. Schere (feat. Pintendari)
  4. Kokosnuss
  5. Not today
  6. Tipps von mir
  7. Kink
  8. Rechts ran
  9. Wanderhure
  10. Eier legen (feat. Baran Kok)
  11. Giftmord
  12. Who's that
  13. Mami
  14. Country girl

Gesamtspielzeit: 31:00 min.

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User Beitrag

Vennart

Postings: 1472

Registriert seit 24.03.2014

2026-06-05 16:07:17 Uhr
„[…] sondern auch verdeutlichen, dass Strauß einen Flow besitzt, von dem Kolleginnen wie Shirin David oder Juju nur träumen können.“

Also entweder verstehe ich hier mehrere Ironie-Ebenen nicht oder das Wort träumen wird synonym mit albträumen verwendet.
Aber Juju ist flowtechnisch natürlich in für Ikkimel unerreichbaren Sphären unterwegs.

Hierkannmanparken

Postings: 3119

Registriert seit 22.10.2021

2026-06-01 16:18:40 Uhr
"Zur Review: Das Fehlen von Artikel und Prädikat als Ausweis mangelnder Qualität zu werten, ist schon gewagt. Gerade im Zusammenhang mit Rap, wo das Spiel mit Sprache und die Erfindung einer Lingo, die sich auch schon mal dem Duden verweigert, schon immer dazugehört und oft auch etwas Emanzipatorisches hat."

Ich denke, dass der Renzessent sich darüber im Klaren ist. Er fand's wahrscheinlich im Zusammenhang damit, dass Ikkimel studierte Germanistin ist, nur ironisch.

Küchenbruder

Postings: 3

Registriert seit 01.06.2026

2026-06-01 15:24:35 Uhr
Nee, Jean-Claude Vannier kann ja nichts dafür, das war ja gar nicht gegen ihn gerichtet. Hab nur das Gefühl, dass in der Musikkritik von deutschen Indie-Boys manchmal noch so Reflexe reinkicken, die die US-amerikanische Kritik teilweise zum Glück schon überwunden hat. Wenig Verständnis und auch Kenntnis, was HipHop angeht, der oft wirklich noch mit spitzen Fingern angefasst wird, weil man eigentlich keinen Bock auf diese Straßenkids hat (die können ja nicht mal richtig Deutsch!). Es ist von vornherein ausgemacht, was interessant ist und was nicht. Interessant: "bittersüß-beschwingte Kompositionen". Uninteressant: "in den Neunzigern hängengebliebene Beats". Gibt aber halt auch Leute für die sich Ersteres wiederum ziemlich grauenvoll anhört - noch mal, nicht die Kompositionen von Jean-Claude Vannier selbst, aber als Kriterium musikalischer Qualität. Wenn du mir auf deinem Album auf Ernst mit "bittersüß-beschwingten Kompositionen" kommst, gibt es ohne zu Zögern direkt eine 3/10, sag ich dir ehrlich. Soll ja nicht heißen, dass man das Ikkimel-Album gut finden muss. Aber in manchen Fällen kann einem so eine bierernste Streberhaltung auch den Blick verstellen, für alles was irgendwie humorvoll, schrill, provozierend oder Camp ist. Das ist jetzt aber eher eine allgemeine Beobachtung und kein direkter Vorwurf an den Autor der Review.

Unangemeldeter

Postings: 2609

Registriert seit 15.06.2014

2026-06-01 14:18:46 Uhr
Jean-Claude Vannier catching strays for no reason.

Wo mir Fotze ja noch recht sympathisch war (da hab ich einige Tracks doch deutlich öfter gehört als ich jemals gedacht hätte) gehe ich bei der 3/10 hier schon mit, für mich ist das auch echt mau. Für ein paar Schmunzler reichts, aber das ganze Ding fühlt sich gelangweilt nachgeschoben an, das fügt Fotze ja wirklich überhaupt nichts Neues hinzu, sondern bietet im Gegenteil von allem weniger.
Dass das junge Frauen in Kreuzberg empowernd finden hat vermutlich weniger mit der Musik zu tun, als all dem Gegenwind und Getöse drumrum - und das ist ja auch aller Ehren wert. Macht aber das Album nicht besser.

Küchenbruder

Postings: 3

Registriert seit 01.06.2026

2026-06-01 13:48:59 Uhr
Sorry, der letzte Post war unvollständig. Hier noch einmal komplett:

Zur Review: Das Fehlen von Artikel und Prädikat als Ausweis mangelnder Qualität zu werten, ist schon gewagt. Gerade im Zusammenhang mit Rap, wo das Spiel mit Sprache und die Erfindung einer Lingo, die sich auch schon mal dem Duden verweigert, schon immer dazugehört und oft auch etwas Emanzipatorisches hat. Und naja, die "in den Neunzigern hängengebliebenen Beats" werden, wo es besser passt, dann als cooler Retro-Sound gefeiert. Den natürlich super hängengebliebenen Humor kann man auch einfach witzig finden, aber ich verstehe schon, dass dieser es bei Plattenkritiken aus dem Indie-Bereich, die sich sonst eher an den "bittersüß-beschwingten Kompositionen" der neuen "Jean-Claude Vannier"-Platte erfreuen, eher schwer hat. Wenn man aber die Euphorie und das Selbstbewusstsein der jungen Frauen miterlebt hat, die am 1. Mai in Kreuzberg wirklich jeden Ikkimel-Text mitrappen konnten, erscheint es schon etwas anmaßend, das Ganze einfach als Trash abzuqualifizieren. Vielleicht ist es einfach nicht für dich gemacht, aber zum Glück gibt es ja noch Jean-Claude Vannier. So ist am Ende jede*r happy.
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