Various Artists - We love Udo – Das Udo Lindenberg Tribute Album
DolceRita / Warner
VÖ: 08.05.2026
Unsere Bewertung: 5/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Der Hofstaat von Scheißegalien
Laudationen sind gemeinhin schwer erträglich, und zwar für alle Beteiligten. Im gehobenen Alter der gelobten Person wird die gedachte Trennlinie zu einem sentimentalen Nachruf immer dünner, was mindestens ein mulmiges Gefühl erzeugt. Und auch das besprochene Werk selbst sammelt unweigerlich mehr Staub an, der dann erstmal pietätvoll abgepustet werden muss. Man will ja als Lobende*r definitiv nicht nur oberflächliche Plattitüden dreschen und damit die Zeit der Zuhörer*innen implodieren lassen. Und als wäre das nicht schon starker Tobak genug, so stellt sich bei einem Tributalbum wie "We love Udo" dann noch zusätzlich die Frage, unter welchem Betrachtungswinkel man es überhaupt sehen soll, weil man ja auch den freudigen Anlass nicht trüben möchte. Zumal es mit "Hut ab!" ein solches Album im Jahre 1994 ja auch bereits gab. Da seitdem aber auch einige wirklich große Hits dazugekommen sind, ist eine Aktualisierung wohl gerechtfertigt. Im Rahmen der Vorstellung von "We love Udo" fasste der Panik-Präsident seine Emotionen zu der musikalischen Widmung mit dem Satz "Es ist eine große Erfüllung für mich, zu sehen, dass diese Songs kein Verfallsdatum haben" zusammen. Somit fiel dann für diese Rezension die Entscheidung auf das Kriterium, ob die jeweilige Coverversion den Songinhalt interessant und eben auch modern adaptieren kann, ihm bestenfalls damit sogar eine zusätzliche Ebene an Bedeutung verleiht. Ein ambitionierter Anspruch, dem die zwar durchweg prominente, aber eher ungewöhnlich besetzte Gästeliste in höchst unterschiedlichem Maße gerecht wird – mit mancher Überraschung.
Um mit den positiven Ausreißern zu beginnen, muss man zuallerst Céline und ihre Version von "Plan B" auf ein ganz hohes Podest stellen. Hierbei modifiziert sie den ursprünglichen Text und setzt ihn in die Perspektive der Frau, welcher im Original ziemlich offenkundig gerade das Herz gebrochen wird. Aus dem Lindenbergischen "Ich habe tausend Pläne / Doch'n Plan B brauch' ich keinen" wird somit Célines "Was mach' ich denn noch hier? / Denn Dein Plan B will ich nicht sein". Man kann sich potenziell schon dabei ertappen, bereits ein bisschen auf der Unterlippe zu beißen. Ebenfalls stilsicher unterwegs, man höre und staune, sind Tokio Hotel. Nicht nur ist mit "Na und?!" eine stilsichere Auswahl abseits der ganz großen Klassiker getroffen worden, auch der inhaltliche Bezug wird von Bill Kaulitz sehr authentisch und damit auch nachfühlbar verkörpert. Professionell abliefern kann derweil auch Gentleman mit seiner Version von "Eldorado", der darin zwar auch Lindenbergs Lamento aufnimmt, jedoch durch die Reggae-Instrumentals zusätzliche Schichten anreichert, was diese Version handwerklich fairerweise ziemlich klar über das Original hebt.
An dieser Stelle geben wir nun nicht niederen Trieben nach und hacken auf Interpret*innen wie The BossHoss, Johannes Oerding, Thomas D und Zoe Wees herum, die halt – ganz nach dem Credo des Hutmeisters – einfach nur ihr Ding machen. Keiner von uns würde sie auch nur an einem Tourtag vertreten wollen, also Friede den Hütten und den Palästen. Und den Villen auch. Wenn wir schon von Negativbeispielen reden, dann sollten wir hier auch von einem Level an Erwartungen ausgehen, welches dann enttäuscht wird. Und damit kommen wir zu Hans Zimmer, seines Zeichens mit über achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit Komponist Deines Lieblings-Filmsoundtracks; egal, wer Du bist. In klassischer Hollywood-Manier versucht Zimmer sich am jüngsten und damit auch größten Hit Lindenbergs (und natürlich auch Apache 207), "Komet". Mit Kübeln voller Halleffekte (weil Weltraum) und Chorälen (weil ... Tod durch Kometeneinschlag oder so?!) wird jeglicher Charakter des Stücks kaputtproduziert, und die Gesangsstimmen ziehen tatsächlich wie ein Paar verirrte Kometen durch einen ansonsten luftleeren (Klang-)Raum. Da gibt es sicher jetzt schon kompetentere Fruity-Loops-Tutorials als das hier.
"We love Udo" verfehlt insgesamt trotz seiner teils positiven Ausnahmen die zentralen Aspekte eines Tributalbums zu häufig. Wer sich mit dem Werk des hanseatischen Exzentrikers bisher nicht allzu sehr befasst hat, wird durch diese Ansammlung eher nicht auf den Geschmack gebracht. Dafür sind viele der Titel einfach deutlich zu nah am Original interpretiert, und dadurch wird es dann eher zur reinen Frage, ob einem nun die eine oder andere Stimme klanglich mehr zusagt. Und auch wenn man es allen vertretenen Interpret*innen abnehmen kann, dass sie zumindest Berührungspunkte mit seiner Musik hatten, so ist es halt verdammt schwierig, überhaupt jemanden im Raum der deutschsprachigen Musikszene zu finden, für den das nicht gilt. Denn das Besondere, und was Lindenberg am Ende auch zu einem solchen Unikat werden lässt, bleibt dabei die simple Wahrheit, dass sich der Blick auf Udo auch aus anderen Perspektiven nicht verändert. Es gibt hier keine großen Wandlungen, Phasen oder Doppeldeutigkeiten: Mensch und Kunstfigur sind eins, Udo ist für alle gleich.
Highlights
- Plan B (Céline)
- Na und?! (Tokio Hotel)
- Eldorado (Gentleman)
Tracklist
- Happy birthday, President Lindenberg (Inga Humpe)
- Komet (Hans Zimmer)
- Plan B (Céline)
- Er wollte nach London (Jan Delay)
- Ich lieb' dich überhaupt nicht mehr (Max Giesinger)
- Ein Herz kann man nicht reparieren (Alli Neumann)
- Na und?! (Tokio Hotel)
- Bis ans Ende der Welt (Ina Müller)
- Mein Ding (Swiss + Die Andern)
- Reeperbahn (The BossHoss)
- Eldorado (Gentleman)
- Cello (Elif)
- Wenn du durchhängst (Johannes Oerding)
- Was hat die Zeit mit uns gemacht (Lara Hulo)
- Wozu sind Kriege da? (Peter Maffay & Anouk)
- Sonderzug nach Pankow (Thomas D)
- Good Life City (Zoe Wees)
- Horizont (Sammy Amara & Deine Cousine)
- Niemals dran gezweifelt (Michael Schulte)
- Durch die schweren Zeiten (I'll carry you) (Stefanie Heinzmann & Takeover! Ensemble)
Gesamtspielzeit: 66:03 min.



