Tempers - Delusion
Fear of Luxury (Cascine) / Cargo
VÖ: 24.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Pop für die Geisterstunde
Seit 2013 ist Jasmine Golestaneh nun schon auf der Suche. Ein Aspekt davon ist die Selbstfindung, die hier, wenig überraschend, in einer Musikrezension über eben Töne und Texte stattfindet. Ein anderer ist der dazugehörige Sound selbst. "Delusion" ist das fünfte Studioalbum als Tempers und vergleicht man etwa die zehn neuen Stücke mit denen des Debüts "Services" oder dem Nachfolger "Private life", dann ist da schon eine sehr merkbare Entwicklung. Anfangs noch im recht weichen Synthie- und Bedroom-Pop unterwegs hat "Delusion" mittlerweile so einige schöne Ecken und Kanten.
Zentral ist hier natürlich der Gesang, welcher größtenteils mit einer Art Shoegaze-Effekt belegt ist. Etwas verwaschen angelegt, aber doch organisch im Vortrag. Eine kurze Hochphase hatte das sogenannte Witch-House Anfang der 2010er-Jahre – der Opener "Sublevel" ist eine sehr schöne Reminiszenz an diese Zeit. Allerlei Effekte und Wandlungen stecken in diesem Opener, der gleich der stärkste Track von "Delusion" ist. Tief im Hexenwald das Rätselraten: Ist das ein echtes Spinett oder nur eine gute Imitation? Wie will sie es wirklich schaffen, die Toten – nunja – mit Hilfe eines Eiswagens zu erwecken, wie die Lyrics verkünden? "Look at the sky, it opens up" dröhnt es im Refrain, später biegt der Song ordentlich Richtung EBM ab.
Wir bleiben im Bereich "klassischer" Instrumente. Streicher, sanfte Gitarren-Saiten-Anschläge, "Rise and fall fetish" ist erstaunlich lichtdurchflutet und poppig unterwegs. Stimmlich könnte dies auch ein Hundreds-Song sein. Endgültig Disco ist "Who says", welches auch 1982 erschienen sein könnte. Drei Songs, drei völlig unterschiedliche Grauschattierungen, an Abwechslung mangelt es "Delusion" wahrlich nicht. Eine Stärke ist, dass trotzdem alles gut zusammenpasst und der Aufmerksamkeitsbogen hochgehalten wird. Das war nicht immer so, "Private life" etwa durchzog im Grunde nur ein einziges Muster und das erinnerte stark an die doch eher unflexiblen Cigarettes After Sex. Wir bleiben im Sound der 1980er, schon die Einstürzenden Neubauten erkannten: "Wir scheitern immer besser". Tempers' Version gerät weniger krachig, setzt für den Ausdruck hier auf einen Synthie-Ausbruch.
Tatsächlich hat Tempers sich im Laufe ihrer Karriere Schritt für Schritt gesteigert – "Delusion" ist, wie Acts das in Interviews als Plattitüde gern von sich geben, ihr neuestes, bestes Album. Mit ungewöhnlichen Wendungen. Dass etwa die Refrainworte "Deep fake heaven" im gleichnamigen Song eine merkwürdige Anhänglichkeit entwickeln, passt auf den ersten Eindruck so gar nicht zum Text. Dann doch lieber an "What we all get" kleben bleiben, welches zackig in die Gehörgänge springt und selbstbestimmt mit "Selbstkontrolle" dort verbleibt. Nach neun von zehn fehlt eigentlich nur noch eines: eine pathetische Ballade. Aber auch hier wird Abhilfe geschaffen: "What kind of love" entlässt geschmeidig in die Nacht.
Highlights
- Sublevel
- Rise and fall fetish
- What we all get
Tracklist
- Sublevel
- Rise and fall fetish
- Who says
- Cold and cruel
- Fail better
- Deep fake heaven
- What we all get
- Mirror
- My river
- What kind of time
Gesamtspielzeit: 37:02 min.
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