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Kevin Morby - Little wide open

Kevin Morby- Little wide open

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 15.05.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Schönheit des Einfachen

Im Diskurs um Kevin Morby fiel in der Vergangenheit oft der Name Bob Dylan, doch bei "Little wide open" ist es eine andere US-amerikanische Musiklegende, die entscheidend für dessen Entstehung war: Tom Petty. Als Morby dessen Song "Square one" in seinem Pickup-Truck hörte, wusste er, dass er genau solche Musik selbst schreiben müsse: simpel und doch weiträumig in ihrer stillen Erhabenheit, die Landschaftsweite des mittleren Westens in einem gewöhnlichen Menschenleben destilliert. Obwohl er keine 40 Jahre alt ist, hat sich der gebürtige Texaner bereits eine beachtliche Diskografie aufgebaut, verschiedenste US-Musiktraditionen fortgeführt und jeder Platte mit ihrer jeweiligen thematischen oder lokalen Verankerung eine eigene Textur verpasst. "Little wide open" klingt über weite Teile unbeschwert und lebensbejahend, zeigt seinen Protagonisten – der bald übrigens zum ersten Mal Vater wird – als noch immer zweifelnden, aber zufriedenen Menschen. Doch innerhalb seines Erzählbogens nimmt das Album auch den einen oder anderen Richtungswechsel vor.

Den ersten drei allesamt als Single ausgekoppelten Songs ist am stärksten der Einfluss von Produzent Aaron Dessner anzuhören. Der Opener "Badlands" beginnt mit Herzklopfen und verheißungsvollen Saitenanschlägen, bevor er mit mächtigen Drums den Himmel öffnet und damit deutlich offensiver als der gleichnamige Terrence-Malick-Film zu Werke geht. "Die young" schmückt seine Reflexionen über Vergänglichkeit mit perlenden Fiddle- und Banjo-Verzierungen, während "Javelin" die ganz großen Geschütze auffährt: zugänglicher Beat, Synth-Bläser-Hook und Gast-Vocals von Sylvan Essos Amelia Meath, die am Ende komplett das Ruder übernimmt. Es sind zweifelsfrei sehr gute und – besonders im letztgenannten Fall – mitreißende Tracks, die jedoch eine Spur zu sehr nach dem Dessner-Folk-Pop-Baukasten funktionieren. Die von Strom-Gitarren zerfurchte Ballade "All sinners" macht ästhetisch nicht so viel anders, bildet aber den Übergang in eine Albumphase, in der Morby sein Profil tiefer in den Sandstein schürft.

Das Zentrum von "Little wide open" besteht aus drei Songs, die zusammen über 20 Minuten dauern und die Intensität hochschrauben. "Natural disaster" lebt von seiner stoischen Dringlichkeit, ehe niemand geringeres als Lucinda Williams von ein paar leisen Streichern begleitet dazukommt und sich in den finalen zwei Minuten ein lebendiger Groove zwischen Piano-Anschlägen und ausschweifender Gitarre entwickelt. Ihren markantesten Auftritt hat die Elektrische jedoch im fantastischen "100,000", wenn sie sich vom jazzigen Riff bis zum kolossal inszenierten Solo auftürmt. Der Titeltrack saugt im Anschluss jedes Geräusch aus der Umgebung, um ein achtminütiges Erzählpanorama mit erhabener Melodieführung und wundervollem Arrangement aufzuspannen. Morbys Partnerin Katie Crutchfield sei begeistert davon gewesen, mit welcher Zärtlichkeit das Stück zutiefst Persönliches offenlegt, und steht damit sicher nicht alleine da. Morby mag frühere Alben stilistisch abwechslungsreicher ausgefranst haben, sein Songwriting war aber selten meisterhafter.

Nach diesem Karriere-Highlight bleibt der zweiten Albumhälfte wenig anderes als die zurückhaltende, Country-nah instrumentierte Leichtigkeit übrig, die Songs wie "Junebug" oder "Dandelion" schon im Titel evozieren. Nicht, dass es überhaupt keine Reizpunkte oder Tiefe mehr geben würde: Geister bevölkern "Bible belt" und das einnehmende "I ride passenger", während "Cowtown" mit einem kurzen Abkippen ins Dissonante überrascht. Das abschließende "Field guide for the butterflies" findet eine eindrückliche Sterblichkeitsmetapher in Schmetterlingen, die von auf Highways fahrenden Autos erfasst werden. Auf zukünftigen Werken wird Morby womöglich wieder die Lautstärke aufdrehen, doch hier ergibt er sich der reduzierten Schönheit des Einfachen. Tom Petty wäre stolz auf ihn.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Natural disaster
  • 100,000
  • Little wide open
  • I ride passenger

Tracklist

  1. Badlands
  2. Die young
  3. Javelin
  4. All sinners
  5. Natural disaster
  6. 100,000
  7. Little wide open
  8. Cowtown
  9. Bible belt
  10. I ride passenger
  11. Junebug
  12. Dandelion
  13. Field guide for the butterflies

Gesamtspielzeit: 59:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 12082

Registriert seit 28.06.2020

2026-05-30 11:15:28 Uhr
Liebe geht raus für "Javelin" !

Enrico Palazzo

Postings: 9203

Registriert seit 22.08.2019

2026-05-29 22:43:02 Uhr
Das Album wächst bei mir. Mittlerweile eine stabile 8/10. Ich finde es einfach schön, vor allem Javelin und den Titelsong.

hey-now

Postings: 107

Registriert seit 03.05.2023

2026-05-23 12:55:55 Uhr
Nach dem vierten Durchgang: Schon sehr gut. Da entfalten sich auch so ein paar Einzelheiten. Wie stark ist z.B., dass in Natural Disaster Lucinda Williams _eine_ Strophe singt und quasi im Nachklang der Worte "disappear into the little wide" wieder (aus dem Song) verschwindet. Die Assoziation mit der "Sonne des mittleren Westens" hab ich übrigens auch.

Die zweite Hälfte (bzw. die B-Seite nach 100.000) hat tatsächlich einen etwas zurückgenommeneren Vibe. Ob sie schwächer ist, bin ich mir noch nicht ganz sicher. Könnte durchaus sein. Funktioniert als Album aber trotzdem.

saihttam

Postings: 2969

Registriert seit 15.06.2013

2026-05-23 11:37:34 Uhr
Ich find den Einstieg ins Album genial. Die ersten Songs ziehen einen direkt rein in seine Welt und man will sich einfach nur reinlegen in die Sonne des mittleren Westens.

berti

Postings: 191

Registriert seit 20.12.2023

2026-05-22 20:52:59 Uhr
Titelsong 10 von 10.minnegenz
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