Poly-Math - Something deeply hidden
Laser's Edge / Al!ve
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Zeit und Raum
Im Jahr 2019 veröffentlichte der Physiker und Philosoph Sean Michael Carroll sein Werk "Something deeply hidden: Quantum worlds and the emergence of spacetime", dessen ausufernden Titel der deutsche Verlag in "Was ist die Welt und wenn ja, wie viele: Wie die Quantenmechanik unser Weltbild verändert" übersetzte und damit ein eher ausgewähltes Publikum adressierte. Fernab des Mainstreams hält sich auch die britische Band Poly-Math auf, die mit ihrer eigenen Einordnung in die Genres Ethio-Jazz, Prog, Post- und Math-Rock gleich mal klarstellt, dass die geneigte Hörerschaft eher nicht mit leicht Verdaulichem konfrontiert wird. Der Titel des fünften Studioalbums, "Something deeply hidden", nimmt nun explizit Bezug auf Carroll. Und was soll man sagen? Man muss es dem Quartett glauben, denn in den Texten lässt sich der wissenschaftliche Überbau nicht überprüfen: Poly-Math sind uneingeschränkt instrumental unterwegs.
Eine Art Aufwärmübung stellt der Opener "The universe as an engine" dar, mit nur dreieinhalb Minuten Laufzeit das kürzeste Stück des Werks. Schlagzeuger Chris Woollison, Bassist Joe Branton, Gitarrist Tim Walters und Keyboarder Josh Gesner geben sich direkt ihrer feinen Spielkunst hin, wechseln munter zwischen repetitiven Einschüben und sphärischen Klangelementen und schlagen bewährten Strukturen das erste von vielen Schnippchen. "One/two/three/four body problem" gibt Tastentönen breiteren Raum, dehnt einen starken Mittelteil vortrefflich aus und endet durchaus mitreißend. So sehr jedes Stück auch in der Folge mit eigenen Ideen auftrumpft, so wenig fällt das große Ganze auseinander. Und gerade in den längeren Songs, darunter das grandiose "No such thing as now", existieren ausreichend Zeit und Raum, um die Erzählungen trotz der konsequenten Wortlosigkeit angemessen umfassend auszubreiten. Zwischendrin klingt immer wieder die Liebe zum Jazz durch.
Auf dem Vorgänger "Zenith", 2022 erschienen, hatte die Band noch ein Saxofon in ihren Klangkosmos integriert und damit rückblickend alles richtig gemacht. Der Nachfolger präsentiert die jetzt wieder um ein Mitglied geschrumpfte Formation aus Brighton indes ohne diese Zutat, was allerdings kein grundsätzliches Problem darstellt. Im Fluss war die Entwicklung schließlich schon immer. Um die Herangehensweise noch einmal prägnant zusammenzufassen: Vier exzellente Musiker hangeln sich entlang grob festgelegter Ideen mal aufeinander zu, mal voneinander fort – und finden stets wieder zusammen, wenn es die Stücke erfordern. Hinzugefügt sei aber auch: Nebenher genießbar ist die Kunst von Poly-Math nicht. So wenig sich die wissenschaftlichen Überlegungen von Carroll als Bettlektüre im Halbschlaf eignen, so wenig taugen die sieben neuen Stücke als Untermalung für etwaige Nebenbeschäftigungen. Wer sich dieser Musik aussetzt, darf sie nicht als reine Unterhaltung missverstehen.
Highlights
- The universe as an engine
- No such thing as now
- Terror managemant theory
Tracklist
- The universe as an engine
- One/two/three/four body problem
- No such thing as now
- Euthyphro dilemma
- Spectral dis/order
- Chronstesia
- Terror management theory
Gesamtspielzeit: 39:41 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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pounzer Postings: 643 Registriert seit 24.08.2019 |
2026-05-12 01:08:27 Uhr
Joe (also der Bassist) macht übrigens auch den Guitar Nerds Podcast, falls das von Interesse ist. |
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Akim Postings: 286 Registriert seit 17.04.2016 |
2026-05-11 22:25:38 Uhr
Live echt ein Erlebnis. Ziemlich druckvoll das Ganze. Die Band hat eine starke Energie und der Bassist ist ziemlich abgedreht im positiven Sinne. |
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pounzer Postings: 643 Registriert seit 24.08.2019 |
2026-04-26 00:34:19 Uhr
Ah, krass. Ja, das JT Soar kenne ich vom Namen her. Da treten viele Bands hier aus der Szene auf. In England sind wir natürlich was solche Bands angeht echt verwöhnt. Vor allem weil es eben nicht nur eine spannende experimentelle Szene gibt, sondern weil sich das auch viel mit anderen Szenen (Metal, Punk, Indie, Alternative) überschneidet. Ich frage mich immer, ob es davon in Deutschland wirklich so viel weniger gibt, oder ob ich es wegen der Distanz einfach weniger mitkriege. Aber dann erinnere ich mich, dass ich in einer 50000-Einwohner-Stadt ohne eine einzige Konzert-Venue aufgewachsen bin. Das sieht halt hier im UK ganz anders aus. |
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javra Postings: 251 Registriert seit 29.07.2014 |
2026-04-25 23:13:02 Uhr
War für mich das dritte mal, dass ich sie live gesehen habe, bisher allerdings immer im JT Soar in Nottingham, wo ich früher gewohnt habe. Ich vermiss die Szene dort, viel mehr experimenteller Rock als hier in Südwestdeutschland... |
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pounzer Postings: 643 Registriert seit 24.08.2019 |
2026-04-24 19:00:48 Uhr
@javra: Sehr cool, dass du dort warst! Finde ich sehr lustig, wenn sich meine Welt im echten Leben hier mit der Welt im Forum überschneidet. :DIch stimme zu, dass "Zenith" etwas zugänglicher war, aber das sollte glaube ich auch so. Trotzdem beeindruckend, wie solide die immer wieder abliefern. Bisher haben sie noch nichts rausgebracht, was sich nicht anzuhören lohnt. Ich liege den Jungs (Josh vor allem) schon seit Jahren in den Ohren, dass sie "Demipenteract" von der "Reptiles" EP live mal wieder auspacken sollen. Aber hier auf der Platte gibt's wenigstens in "No Such Thing As Now" ein "Union de Roku"-Gedächtnisriff. |
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Referenzen
King Crimson; The Mars Volta; King Gizzard & The Lizard Wizard; Omar Rodriguez-Lopez; Mulatu Astatke; And So I Watch You From Afar; Battles; Behold The Arctopus; Dysrhythmia; Body Hound; Rage Against The Machine; Quadrupède; Codices; 100 Onces; Lost In The Riots; A-Tota-So; Vasa; Gilmore Trail; Axes; Strobes; Cleft; Alpha Male Tea Party; Gallops; Town Portal; The Physics House Band; Luo; Thrice; Russian Circles; Trapped Tigers; Bosnian Rainbows; Pijn; Rob Ford Explorer; Long Distance Calling; Floral; Psychonaut; Astrosaur; Coldbones; Birds In Row; Richard Henshall; Night Versed; Wheel; Brontide; Barrens; Juan Alderete; Ill Considered; Ukandanz
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