Chessie + Contriva - Black jacket
Watusi / Anost
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
In aller Freundschaft
Wer die Geschichte von "Black jacket" erzählen will, muss zunächst einmal 25 Jahre in die Vergangenheit reisen. Es war nämlich im Jahr 2001, als die Berliner Band Contriva und die aus Washington, D.C. stammende Formation Chessie in einem gemeinsamen Line-Up aufeinandertrafen. Sofort müssen musikalische und persönliche Funken übergesprungen sein, es war wohl der Beginn einer klassischen Musiker-Freundschaft. Und wie es bei kreativen Freundschaften so ist, fällt dann gerne der Satz "Wir müssen unbedingt mal was zusammen machen." Das wiederum ist gar nicht so leicht, wenn die Homebases so weit auseinander liegen. Und so dauerte es weitere sieben Jahre (richtig, wir sind jetzt anno 2008), bis die ersten gemeinsamen Sessions begannen. Wohlgemerkt gemeinsame Sessions; man schickte weder Bänder noch digitale Tracks hin und her, sondern traf sich immer wieder mal hüben wie drüben im Studio – auch in wechselnder und nicht immer vollständiger Besetzung. Der Kanon an Ideen, Fragmenten und Stücken wuchs mählich, und "nur" 16 Jahre später (richtig, heute) ist endlich das gemeinsame Album fertig.
Nun kommt es auf plattentests.de nicht so oft vor, dass ein Instrumental-Album eine 8/10 abräumt. Hier jedoch ist das verdient, denn "Black jacket" ist eine absolut fantastische Kollektion von Tracks. Was nicht wundert, wenn man die Liste der beteiligten Musiker, Freunde und Helfer durchgeht: Da finden sich illustre Namen wie Ben Bailes und Stephen Gardner, aber auch Hannes Lehmann, Max Punktezahl, Masha Qrella und Rike Schuberty. Als Externe wirkten Peter Ehwald (Saxophon) und Robert Kretzschmar (Schlagzeug) mit. Und wenn man die zwölf Tracks durchhört, dann merkt man: Es geht auch ganz ohne Gesang. Und es kann spannend, vielschichtig, mitreißend sein. Wer Mogwai liebt, wer die Produkte aus dem Weilheim-Kosmos schätzt, der kann hier sorglos zugreifen. Der Opener beispielsweise zitiert Mogwai ebenso wie die großen Minimalisten The Van Pelt: singende und tiefe Basslinie, hypnotisches Gitarrenriff, aber es wird stets vermieden, mit Shoegaze-typischen "superleise-superlaut"-Wechseln nicht vorhandene Tiefe vorzutäuschen. "Magenta" und "Vermillion" wiederum erinnern an The Notwist und Lali Puna, letzteres aber ohne die unterkühlt-distanzierte Stimme von Valerie Trebeljahr. Finster und gefährlich wird es in Tracks wie "Cabina A" oder "Lunar white", bei denen gute Erinnerungen an die unterschätzte Berliner Band Monoland wachwerden: Ja, das hier ist der Soundtrack, um mit 40 km/h ohne Überhol-Möglichkeit in einer Kolonne von LKW gefangen durch verquarzte Industrielandschaften zu schleichen.
"Point no point" und "Celadon" wiederum bringen den schrabbelnden Indie-Sound früher Notwist-Werke, während in "Dalecarlia always" digitale Artefakte wie das rhythmische Klicken einer CD, die einen Kratzer hat, den unzuverlässigen Rhythmusteppich bilden. Und zu guter Letzt bringt der Rausschmeißer "Fugitive" fast schon ein wenig Tanzbarkeit ins Album, ist dabei aber zugleich herrlich verschroben – man denkt mehr als einmal an das experimentelle Frühwerk von Simple Minds (die "Sister feelings call"- oder auch "Real to real cacophony"-Phase), als sie noch nicht die Welt mit Haudrauf-Stadionrock beglückten. Unbedingt erwähnt werden muss am Ende noch die superbe Qualität der Produktion: Die ist druckvoll, kristallklar, transparent, sie zitiert geschickt Lo-Fi-Elemente (z. B. billiges Eimerketten-Hallgerät), wobei aber stets die entscheidenden Instrumente, insbesondere die Gitarren, das volle Frequenzband zur Verfügung haben. Liebe Leute, das hier ist ein großartiges Album, das alle im Gepäck haben sollten, die gerne reisen und sich dabei in Gedanken verlieren – ob er oder sie dabei nun aus dem leicht versifften Fenster eines ICE plinst oder durch die Windschutzscheibe eines Autos. Und: "Black jacket" beweist, dass echte Freundschaft Zeit hat und sich Zeit nimmt. Weil es sich lohnt.
Highlights
- Take me to Hiddensee
- Vermillion
- Celadon
- Fugitive
Tracklist
- Take me to Hiddensee
- Magenta
- Vermillion
- Cabina A
- Hellblau
- Point no point
- Brunswick green
- Lunar white
- Capital traction
- Celadon
- Dalecarlia always
- Fugitive
Gesamtspielzeit: 52:33 min.
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Referenzen
The Notwist; Console; Lali Puna; Mogwai; The Van Pelt; Monoland; 13 & God; Apparat; Slowdive; My Bloody Valentine; Lush; Cocteau Twins; Pale Saints; Mono; Caspian; Tortoise; Russian Circles; Sigur Rós; The Sea And Cake; Stereolab; Don Caballero; Explosions In The Sky; The Monochrome Set; Wire
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