Bosse - Stabile Poesie
Vertigo / Universal
VÖ: 17.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Kein Stück vom Kuchen
Es ist ein schmaler Grat zwischen Pop, der (nur) gefallen möchte, und Pop, der hingegen etwas ganz Konkretes will. Axel Bosse entscheidet sich auf seinem neuen Album "Stabile Poesie" eindeutig für Letzteres – und verpackt diesen Anspruch in Songs, die sich nicht anbiedern. Aber sie gefallen. Ob gerade deshalb oder trotzdem, ist dabei schon gar nicht mehr so wichtig herauszufinden. Denn statt sein Album, dem Algorithmus gefällig, in eine altbekannte und bereits etablierte Form zu pressen, klingt "Stabile Poesie" erfrischend frei von Genre-Vorgaben und spielt mit vielen Stilen, ohne sich dabei einem einzigen völlig zu verschreiben. Etwas Chanson, ein bisschen Dance, Spoken Poetry, zuweilen ein Hauch von 80er-Ästhetik und immer wieder, durch das stellenweise überaus luftige Arrangement, cineastische Momente. Vielleicht etabliert Bosse ja so den "IP (Intelligent Pop)" als Gegenbewegung zur heranrollenden Woge der Beliebigkeit amateurhafter KI-Nummern.
Verantwortlich für die schön hochwertig klingende Produktion ist diesmal Philipp Steinke, der mit viel Liebe zum Detail die Songs clever arrangierte und auch schon bei früheren Bosse-Veröffentlichungen seine Finger mit im Spiel hatte. Im Gegensatz zu den neun Vorgänger-Studioalben sind diesmal allerdings kaum Gitarren zu hören, und das Klangbild wirkt insgesamt weniger bandmäßig. Auf Saiteninstrumente muss trotzdem nicht verzichtet werden, denn gefühlvolle Streicher, eingespielt vom Kaiser Quartett, ziehen stattdessen an den Heartstrings der Lauschenden.
Das Album eröffnet gemeinsam mit Tim Fischer, der Axel Bosse schon in jungen Jahren, bei einem gemeinsamen Konzertbesuch mit seiner Mutter, durch seinen Gesang tief berührte. Der Chansonnier als große Stimme, Gastkünstler und persönlicher Wunscherfüller in Personalunion. Inhaltlich ist das aber mehr als ein nostalgischer Auftakt: Zwischen Kindheitserinnerung und erschöpfter Gegenwart entfaltet sich eine Beziehung, die weiß, dass Aufschub keine Lösung ist, "Liebe hat nicht ewig Zeit". Diese Dringlichkeit kippt in "Ouvertüre" in eine fast synästhetische Verliebtheit in Geräusche und Momente, die den Auftakt einer glücklichen Beziehung orchestrieren. Alles wird Musik: Straßengeräusche, Küsse, sogar Konflikte. Direkt danach flacker-flacker-flackert sich Bosse mit Flacker- , pardon, Stutter-Effekt über warmen, analogen Synthieflächen durch die Nacht. Doch hinter der energetischen Oberfläche steckt ein trotziges Mantra gegen die Weltlage: "Alles ist scheiße, aber Du eben nicht." Eskapismus? Vielleicht. Aber ein Eskapismus, der sein Ziel in der Liebe zu einem Menschen statt in Dingen sucht, ist doch ein Eskapismus der besonders schönen Sorte.
In "Einmal alles bitte" lässt sich Bosse von der Netzpoetin Clara Lösel featuren und erinnert dabei an Klee oder Slut, während die Melodien beinahe Keane-esk anmuten. Alles fühlen, alles riskieren, alles an sich heran lassen – auch das Scheitern! Hinfort mit Dir, oh Halbherzigkeit! Gerade Lösels Spoken-Word-Part bringt diese Haltung auf den Punkt, wenn sie das Leben nicht als Wartezimmer begreift, sondern als etwas, das mit allen Höhen und Tiefen aktiv durchlebt werden muss. Nur ein Schelm käme an dieser Stelle auf's Sitzen im "Wartesaal" zum Glücklichsein zu sprechen. Und nur ein Banause ließe diesen tollen Song unerwähnt. Dass Bosse dabei immer wieder auch die gesellschaftliche Ebene streift, zeigt sich besonders deutlich in "Nokia". Inhaltlich ist es eine klare Absage an Dauerbeschallung, Selbstoptimierung und digitale Entfremdung, erfreut aber klanglich mit CP-70-Digitalflügel und einem Hall auf dem Rimshot, der Assoziationen mit "I'm on fire", vom anderen Boss, evoziert.
Ohne dabei jemals ins Pathetische abzukippen, wird es auch immer wieder persönlich. "Schwesterherz" ist eine der ehrlichsten, unaufgesetztesten Liebeserklärungen an familiäre Verbundenheit, die man im deutschen Pop zuletzt gehört hat. Im finalen Stück des Albums gelingt es Bosse dann ganz wunderbar encouragierend, seinen Support mit allen unter Hate Speech Leidenden auszudrücken. "Lass Dich nicht ficken" ist dabei so direkt, wie der Titel vermuten lässt, und brilliert gerade durch den Bruch zwischen harmonischem Kinderchor und expliziter Sprache: ein klarer, unmissverständlicher Gegenentwurf zu all den Stimmen, die versuchen, Menschen klein zu halten. "Stabile Poesie" schenkt Wärme, Widerstand und tanzbare Lyrik und stellt gleichermaßen in der Metakognition Ansprüche an die Entwicklung unserer Gesellschaft – und auch an die Liebe. Bosse will eben nicht nur ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei.
Highlights
- Flackern
- Schwesterherz
- Peu à peu
- Lass Dich nicht ficken
Tracklist
- Liebe hat nicht ewig Zeit (feat. Tim Fischer)
- Ouvertüre
- Flackern
- Wind
- Einmal alles bitte (feat. Clara Lösel)
- Nokia
- Vergangenheit
- Schwesterherz
- Gegen die Traurigkeit
- Peu à peu
- Schönheit erkennen
- Lass Dich nicht ficken
Gesamtspielzeit: 38:16 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Jasmin Setsfire Postings: 1 Registriert seit 25.04.2026 |
2026-04-27 15:42:18 Uhr
Eine Beteiligung am sogenannten Loudness War kann ich gerade im Vergleich zu anderen Produktionen nicht erkennen.Was die Vocalcompression angeht sehe ich die bei den ersten Songs des Albums als bewusstes Stilmittel an . Gerade wenn die Stimme mehr punch haben soll und auch die leisesten Silben sich einbrennen sollen , wird man um eine starke Kompression nicht herumkommen. Im weiteren Verlauf des Albums wird diese jedoch deutlich zurückgenommen. Dynamik entsteht zudem nicht nur aus Kompression sondern entfaltet sich auch wie hier durch ein cleveres Zusammenspiel der einzelnen Instrumente in tollen Arrangements. Letztlich aber sind es immer Song und Text, die in Verbindung mit guter Instrumentierung berühren können, unabhängig von Dynamikprozessoren oder EQ Vorlieben. |
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dogs on tape Postings: 632 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-04-26 21:02:48 Uhr
In allen 4 Ecken Soll Bosse-Poesie drin stecken. |
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dogs on tape Postings: 632 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-04-26 20:53:01 Uhr
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Daher wohl die Kettcar Referenz. |
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Peacetrail Postings: 4183 Registriert seit 21.07.2019 |
2026-04-26 06:15:11 Uhr
„Da atmet nichts, gnadenlos zusammenkomprimierte Refrains, keinerlei Offenheit beim Stimmsound.“Ja genau, das ist es, was mich stört, obwohl einige Songs echt interessant von Melodie und Text (Ouvertüre, Flackern) sind. Gibt aber auch einige Tiefen (Nokia). Und für „Einmal alles“ muss aber auch einmal alles in der richtigen Stimmung sein. Würde 6/10 geben. |
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audiosexual Postings: 3 Registriert seit 24.06.2022 |
2026-04-25 11:59:00 Uhr
"Verantwortlich für die schön hochwertig klingende Produktion ist diesmal Philipp Steinke ..."Sorry, die Produktion ist vermutlich bereits bei den Mischungen und spätestens im Mastering in den schlimmsten Phasen des Loudness Wars hängen geblieben. Da atmet nichts, gnadenlos zusammenkomprimierte Refrains, keinerlei Offenheit beim Stimmsound. Da KLINGT wirklich nichts hochwertig. #Dymnamikhilft |
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Referenzen
Kettcar; Tomte; Clueso; Gisbert zu Knyphausen; Madsen; Philipp Poisel; Betterov; Wir Sind Helden; Sportfreunde Stiller; Tim Bendzko; Von Wegen Lisbeth; Die Höchste Eisenbahn; Schrottgrenze; Blumfeld; Revolverheld; Tocotronic; Thees Uhlmann; Hyperchild; Jupiter Jones; AnnenMayKantereit; Fettes Brot; Casper; Auletta; Selig; Mia.; Virginia Jetzt!; Rosenstolz; Cäthe; Jan Plewka; Klee; Slut; Keane; Ich+Ich; Adel Tawil; 2Raumwohnung; Frida Gold; Nagel; Muff Potter; Fibel; Pohlmann; Olli Schulz; Astra Kid; Hund Am Strand
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