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Tori Amos - In times of dragons

Tori Amos- In times of dragons

Decca / Universal
VÖ: 01.05.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Not silent all these years

Tori Amos hat der Welt künstlerisch noch einiges mitzuteilen. Schon seit "Unrepentant geraldines" hat sie sich von einem zwischenzeitlichen Tief erholt und liefert beständig Werke von sehr hoher Qualität ab, ohne natürlich das Niveau ihrer ersten vier Alben für die Ewigkeit zu erreichen. "In times of dragons" will allerdings noch einen draufsetzen. Mit 17 Songs und gut 75 Minuten Laufzeit verweist bereits die Tracklist auf große ("Boys for Pele") und kleine ("Scarlet's walk") Meisterwerke aus Amos' Diskografie, dazu trägt die Platte einen thematischen Überbau, indem sie allegorisch vom gegenwärtigen Kampf um die Demokratie mit gewissen faschistoiden Staatsführern erzählt. Es ist ein ambitioniertes, komplexes Werk geworden, das in seiner Vielzahl von Stimmungen und leichten stilistischen Verschiebungen hinter Amos' Piano-Pop einen musikalisch noch immer hungrigen Geist bezeugt – auch wenn die Songqualität insgesamt etwas gegenüber dem grandiosen "Ocean to ocean" abfällt.

Von Beginn an wirkt "In times of dragons" weniger einladend als jener Vorgänger, legt sich stattdessen wie ein Schleier um die Umgebung. Der Opener "Shush" brodelt unheimlich und frustriert, lockert die Atmosphäre über die gesamten sechs Minuten kaum auf. Das Titelstück trägt in den minimalistischen, von einem schlechtgelaunten Bass getragenen Strophen den Vibe weiter, reißt im Refrain mit Synths, Gitarre und treibendem Schlagzeug jedoch ein Luftloch, durch das "Provincetown" passt: einer der poppigsten Tracks der Platte, dessen Hook zu den eingängigsten in Amos' jüngstem Schaffen gehört. "St. Teresa" will von dieser Zugänglichkeit allerdings schon nichts mehr wissen, breitet lieber – wieder sechs Minuten lang – ambientartige Texturen mit elektronischem Beat und verlorenen Saiten aus. Es ist stilistisch natürlich eine ganz andere Baustelle, doch in diesem abweisenden, ausladenden Gestus ist ein Album wie "Night of hunters" nicht weit. Lach- und Drachgeschichten klingen wahrlich anders.

Doch weil die US-Amerikanerin speziell auf dieser Platte ein feines Gespür für Dynamik zeigt, ändert sich an dieser Stelle der Aggregatzustand. "Gasoline girls" leitet mit einer verknoteten Piano-Hook und Rock-Refrain in eine Albumphase, in der nicht nur die Songlängen luftiger werden. Da können Amos und ihre Tochter Tash im Intro von "Strawberry moon" sogar ein bisschen herumblödeln, bevor sie sich der hypnotischen Dramatik des Stücks hingeben. Präsenter ist Natashya Hawley, wie die junge Frau mit vollem Namen heißt, nur in "Veins": ein ominöses Zwiegespräch, in dem sich Mutter und Tochter über eine mysteriöse, von Generation an Generation weitergegebene Bürde austauschen. Amos' Stimme lassen sich gewisse Alterserscheinungen nicht absprechen, doch ist sie noch weit davon entfernt, den Staffelstab aus der Hand zu geben. Besonders der fantastische "Song of sorrow" beweist eindrücklich, was für eine leise Intensität in ihren Vocals stecken kann, ohne dass diese sich fieberhaft überschlagen oder auftürmen müssen.

Trotz der einen oder anderen Mini-Länge hält "In times of dragons" die Spannung über die gesamte Laufzeit aufrecht, indem es auch im Schlussdrittel noch Highlights und Tempowechsel platziert. Das von Rhodes-Piano und verzerrten Chören begleitete "Pyrite" entwickelt ebenso viel Zug wie "Tempest", das seine ohnehin epische Melodieführung in eine erhabene Coda überführt. "Blue lotus" bringt sogar das für einige Neunziger-Großtaten prägende Cembalo zurück, was nicht der einzige Grund dafür ist, warum sich der Song zu einem der größten Höhepunkte aus Amos' Spätphase aufschwingt. Der Closer "23 peaks" blickt zunächst zweieinhalb Minuten lang wortlos aufs Streichermeer, bevor Amos die Platte zu einem meditativen, würdevollen Abschluss bringt. "In times of dragons" ist kein stumpfes Protestalbum, sondern das kunstvolle Manifest einer Frau, für die Schweigen noch nie eine wirkliche Option war. Wenn der Faschismus die beschuppten Flügel ausbreitet, kann Musik wie diese die Welt vielleicht nicht retten, aber sie zumindest ein bisschen erträglicher machen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Shush
  • Provincetown
  • Song of sorrow
  • Tempest
  • Blue lotus

Tracklist

  1. Shush
  2. In times of dragons
  3. Provincetown
  4. St. Teresa
  5. Gasoline girls
  6. Ode to Minnesota
  7. Fanny Faudrey
  8. Veins
  9. Strawberry moon
  10. Song of sorrow
  11. Flood
  12. Pyrite
  13. Tempest
  14. Angelshark
  15. Blue lotus
  16. Stronger together
  17. 23 peaks

Gesamtspielzeit: 75:56 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Makische

Postings: 1

Registriert seit 01.05.2026

2026-05-01 08:46:30 Uhr
Eine 8/10 hätte dieses Album mindestens verdient.

MickHead

Postings: 11442

Registriert seit 21.01.2024

2026-05-01 08:43:15 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nxdwJz0EsPbSsn0SHRyLAAEkWUMpQ2CZo&si=gAr-lwwauv0xAah7

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/tori-amos-in-times-of-dragons/

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30579

Registriert seit 08.01.2012

2026-04-22 20:44:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Vive

Postings: 1487

Registriert seit 26.11.2019

2026-04-14 18:09:45 Uhr
für tori verhältnisse eine leere hülle von einem song.. also im vergleich zu zb under the pink. von daher enttäuschend.
aber:
wäre das jetzt eine neue künstlerin, würde ich mir wohl denken: cool wer ist das?
also, ich muss da meine erwartungen runterschrauben. aber gar nicht so einfach.

MickHead

Postings: 11442

Registriert seit 21.01.2024

2026-04-14 17:44:00 Uhr
3. Song "Gasoline Girls"

https://youtu.be/dEHmYsP6Zm4?si=XGrWoO4uuEg_Od7N
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