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Kathryn Mohr - Carve

Kathryn Mohr- Carve

The Flenser
VÖ: 17.04.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Völlig aufgelöst

Die ersten Minuten von "Carve" klingen so, wie man sich die Musik von Kathryn Mohr auf dem Papier vorstellt. Immerhin hat die Kalifornierin ihr Debüt "Waiting room" in einer verlassenen Fabrik in Island aufgenommen und für den Zweitling wieder einen obskuren, isolierten Entstehungsort gewählt: ein "old, western-themed jail Airbnb" inmitten der Mojave-Wüste, das sie nur mit Gitarre(n) und Field Recordings heimsuchte. Diesem leicht prätentiös wirkenden Setup entsprechend ist der Opener "Bone infection" ein kompromissloses Klangexperiment, in dem die Geräusche gar nicht erst versuchen, irgendeine Struktur zu bilden. Der Rest von "Carve" klingt allerdings eher so, als hätte PJ Harvey in den Neunzigern ein paar minimalistische, schlagzeuglose Demos aufgenommen. Mohr faltet gedoppelte Vocals über ihr zumeist elektrisches Saitengeschrammel, während es an allen Ecken und Enden rauscht und knistert. Das ist alles andere als im klassischen Sinne zugänglich, allerdings auf seltsame Weise ungemein hypnotisch und einnehmend. Thematisch soll es auf dem Album um in Orte und Landschaften eingeschriebene Erinnerungen gehen, was diese – übrigens von Agriculture-Gitarrist Richard Chowenhill gemixten – abstrakten, zerklüfteten Songkonstrukte durchaus einfangen.

So, wie Erinnerungen oft schwammig und ungreifbar sind, gestalten sich auch die Tracks von "Carve". Grobkörnige Verzerrungen stiften Unheil, während Mohrs Stimme in anderen Kontexten beruhigend wirken könnte. "Doorway" lässt sich in dieser Hinsicht kaum in die Karten schauen, die Gesangslinien kippen immer wieder in Spoken Word ab, die Gitarre schrammt knapp an der Grunge-Ausfahrt vorbei. Im Vergleich zum Vorgänger hat Mohr die Lautstärke deutlich hochgefahren, viele Ausbrüche oder Hooks gibt es trotzdem nicht – das mantraartig wiederholte "Who cares?" in "Angle of repose" liefert da schon eine der besten Annäherungen. "Commit" zeigt am eindrucksvollsten, wozu die begrenzten Mittel der Platte fähig sein können. Die dissonanten, dezent an Sonic Youth erinnernden Saiten formen sich im Verstärkerrauschen zu einem dichten Nebel, durch den Mohr mit einer beiläufig zupackenden Melodie schneidet und damit eine bemerkenswerte Sogwirkung erzeugt. Songs wie "I do" und "Cells" spielen derweil mit klareren Riffs und Strophe-Refrain-Strukturen, wodurch sich der Eindruck verfestigt, dass Mohr auch als Indie-Rockerin mit voller Band-Begleitung funktionieren würde – nicht, dass so etwas Banales hier je auf dem Plan gestanden hätte.

Auch textlich ist "Carve" kein Gute-Laune-Album geworden. Aus der Isolation heraus greift Mohr mit einer poetisch-fatalistischen Bildsprache um sich, wie etwa das auf brodelndem Noise balancierende "Property" beweist: "With every second I waste hunting for feeling / In the filter of the highway, in the bottom of the lake / Crack a can of covered eyes and little doors a-creaking / Pain where the bone broke when the pressure drops the ceiling." Was das genau zu bedeuten hat, spielt weniger eine Rolle als die Atmosphäre, die im Verbund mit der Musik entsteht. In dieser Hinsicht besonders stark sind die beiden Songs, in denen die auf "Waiting room" noch dominante Akustikgitarre zum Einsatz kommt. "Idiocy" und "Trouble me" sind wundervolle Folk-Schattengewächse, die durch helle Vocals und dringliches Fingerpicking bestechen. Kathryn Mohr ist eben eine Frau der vielen künstlerischen Identitäten. In diesem Sinne stellt sie die Platte am Ende mit zwei Instrumentals noch einmal auf den Kopf. "Chromium 6" kommt als Geräuschinstallation im Geiste des Openers daher, ehe "Crow eyes" mit seinen Drones ein Säurebad zu vertonen scheint. Ein passender Abschluss für ein Album, das stellenweise das Gefühl vermittelt, die Welt würde sich um einen herum auflösen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Commit
  • Idiocy
  • Trouble me

Tracklist

  1. Bone infection
  2. Doorway
  3. Angle of repose
  4. Commit
  5. Property
  6. I do
  7. Idiocy
  8. Owner
  9. Cells
  10. Chromium 6
  11. Trouble me
  12. Crow eyes

Gesamtspielzeit: 42:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myx

Postings: 6411

Registriert seit 16.10.2016

2026-04-18 22:54:53 Uhr
Aber hallo.

Vive

Postings: 1491

Registriert seit 26.11.2019

2026-04-18 22:48:15 Uhr
Wie geil ist das bitte?????

MickHead

Postings: 11473

Registriert seit 21.01.2024

2026-04-17 09:44:28 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://kathrynmohr.bandcamp.com/album/carve

myx

Postings: 6411

Registriert seit 16.10.2016

2026-04-15 20:12:35 Uhr
Yes! Sehr zu Dank verpflichtet. Album müsste von der Beschreibung her auf mich zugeschnitten sein. Vorfreude.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30585

Registriert seit 08.01.2012

2026-04-15 20:09:07 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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