Melanie Baker - Somebody help me, I'm being spontaneous!
Tambourhinoceros / Cargo
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Ihr könnt mich alle mal (gernhaben)
Melanie Baker aus Newcastle (soweit bekannt: nicht verwandt mit Julien, Hak oder Chet Baker) bezeichnet sich selbst als spontan – in ihrer Generation freilich was Besonderes. Zwar zitiert der Titel ihres Debütalbums auch den Filmklassiker "Die Truman Show", passt aber bestens zu den oftmals eher vorsichtig agierenden Vertreter*innen der Gen Z – der erste Anachronismus. Dabei klingt die queere Indie-Rockerin noch so, als hätte Torres etwa auf Höhe der "Thirstier"-Ära einen Clown gefrühstückt. Unter eine fröhlich aus der Zeit gefallene Grunge-Decke mischt sie Pop-Punk-Sentimentalitäten, die insbesondere im Hit "Sad clown" oder dem ungestümen "Bored" zur Geltung kommen: "You're married to the woman of my dreams / But I swear that she still thinks of me!" Anstatt aber im Genre-üblichen College-Setting angesiedelt zu sein, ist das hier ausgewachsener Beef im Erwachsenenmodus und kriegt überdies noch ein freches "Mad world"-Zitat spendiert. Besagtes "Sad clown" adressiert dann die eigene Nutzlosigkeit zwischen sozialen Verpflichtungen und dem zerstörerischen Druck des Hamsterrads, kommt schließlich zu einem eindeutigen Urteil: "I don't wanna feel like this!" Baker haut dazu in die Powerchords, als ertrüge sie diese Zustände schon seit '98. Ihr Langspieldebüt "Somebody help me, I'm being spontaneous!" changiert bravourös zwischen abgeklärter Slacker-Pose und brodelnder Energie.
Der tonangebende Humor der Künstlerin, durch dessen Linse sie von ihrem Leben erzählt, ist dabei relativ sarkastisch, kommt zuweilen auch ein bisschen boomerig daher. Gerade in seinen simpleren Momenten sorgt er aber für eine hohe Emotionalität: "I left my heart in the fridge with the rest of the leftovers / You can have it, but I wasn't very good to it." Wie viele Songs endet auch jenes "My head fell off last night" im ekstatischen Getöse – die Musikerin rettet sich aus allen Gemütslagen, seien es melancholische oder angepisste, am liebsten durch Ausrasten. In "Haha!" versucht sie ihr geliebtes Bedrotting gegenüber der (Leistungs-)Gesellschaft zu verteidigen, "Why would I want to be just like you?" trägt seine Message bereits unverblümt im Titel. Baker besteht auf gnadenlose Selbstverwirklichung, der Kapitalismus ist ihr dabei nur im Weg. Und für diesen Konflikt findet sie oftmals niedliche kleine Metaphern: "I left a pizza in my car / It grew arms and legs / It told me I'm a monster / I'm lazy when I'm depressed."
Besonders charmant kommt der trockene Courtney-Barnett-Vortrag verbunden mit windschief hallenden Akkorden auf "City strange" daher. Jener Song leitet den besten Part des Albums ein, wenn Baker ihre zuvor so lautstarke Ausdrucksweise zugunsten eines Folk- und Akustik-Korsetts fallen lässt. Der "Bye bye, loser blues" beklagt falsche Erwartungshaltungen an das eigene Ich, lässt neben Fremdbestimmung und Performance-Zwang noch wesentlich schmerzhaftere Themen anklingen, bittet eine Mundharmonika herein – und kreiert einen wundervollen Ohrwurm jenseits der Hau-drauf-Dynamik vergangener Stücke. Es ist ein ausgedehntes Aufatmen, bevor "Slugs" das Album mit hoheitlichem Alternative-Zirkus beschließt und "You'll get better" hinterhergeschobene eineinhalb Minuten lang den Floskeln und Wandtattoo-Weisheiten der Mitmenschen einen allerletzten Riegel vorschiebt. Hell is other people, der ganz alltägliche Wahnsinn eben. Falls das gesamte Gezeter am Ende doch nichts bringt, bleibt immer noch Eskapismus: "Is this real life, is this just fantasy? If this is real life, get it away from me!" Ein herrlich treffsicheres und sympathisches Debüt.
Highlights
- Sad clown
- My head fell off last night
- Bye bye, loser blues
- Slugs
Tracklist
- Aaaaaaaahhhhhhhh!!!!
- Sad clown
- Haha!
- Bored
- Why would I want to be just like you?
- Cabin fever
- My head fell off last night
- Real life
- City strange
- Bye bye, loser blues
- Slugs
- You'll get better
Gesamtspielzeit: 32:45 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30585 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-04-15 20:06:17 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Mr Oh so Postings: 3653 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-04-12 16:36:08 Uhr
Richtig starkes Ding. Rockt. |
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MickHead Postings: 11473 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-04-10 10:42:30 Uhr
Die britische Indie-Grunge Musikerin "Melanie Baker" aus Newcastle, veröffentlicht am heutigen 10.04. das Debütalbum "Somebody Help Me, I’m Being Spontaneous!".Bakers Debütalbum, eine raffinierte Übung in cartoonhaftem Realismus, zeigt sie mit absurdem Humor, was sich auch im Titel des Albums widerspiegelt, der auf die Truman Show anspielt: „Somebody Help Me, I’m Being Spontaneous!“ Mit treibenden Drums, verzerrten Gitarren und zarter lyrischer Präzision erobert Baker den rauen Charme und den Geist des Alternative-Rock der 90er Jahre durch eine queere, moderne Linse zurück. Quelle: Bandcamp Musikexpress 5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/melanie-baker-somebody-help-me-im-being-spontaneous/ Kulturnews https://kulturnews.de/somebody-help-me-im-being-spontaneous-melanie-baker-review/ "Somebody Help Me, I’m Being Spontaneous!" bei Bandcamp: https://melaniebaker.bandcamp.com/album/somebody-help-me-i-m-being-spontaneous "Burnout Baby" (Debüt EP 2024) bei Bandcamp: https://melaniebaker.bandcamp.com/album/burnout-baby |
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Referenzen
Courtney Barnett; Snail Mail; Torres; Lucy Dacus; Pavement; Pixies; The Breeders; Weezer; Phoebe Bridgers; Boygenius; Marika Hackman; Anika; Julien Baker; Beabadoobee; Kate Nash; Soccer Mommy; Dinosaur Pile-Up; Slothrust; Adult Mom; Dream Wife; Illuminati Hotties; Charly Bliss; Waxahatchee; Pom Pom Squad; Ian Sweet; Sorry; Remember Sports; Viji; Olivia Rodrigo; Juliette & The Licks; Liz Phair; Daniel Johnston; Hole; Courtney Love; Nirvana; The Xcerts; Angel Olsen; Avril Lavigne
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- Melanie Baker - Somebody help me, I'm being spontaneous! (3 Beiträge / Letzter am 15.04.2026 - 20:06 Uhr)



