Angine De Poitrine - Vol. II
Spectacles Bonzair
VÖ: 03.04.2026
Unsere Bewertung: 9/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Punkt vor Strich
Zwei Wesen sitzen vor einer Wand aus schwarzen und weißen Punkten. Sie tragen ebenso gepunktete Kostüme mit übergroßen Nasen, irgendwo dazwischen prangt eine goldene Pyramide. Eines der Wesen spielt, Doubleneck sei Dank, abwechselnd Gitarre und Bass, während es mit dem großen Zeh am Loop-Pedal schraubt. Das andere drischt mit manischer Präzision auf sein Drumkit ein. Die Köpfe nicken, die Nasen wippen. Und die Zuhörer? Hocken baff vor den Bildschirmen und klicken auf "Teilen". Der Rest ist Hype, in kürzester Zeit ausverkaufte Konzerte inklusive. Aber der Reihe nach: Die Band heißt Angine De Poitrine, stammt aus Kanada und besteht aus Klek und Khn de Poitrine, die von ihren Eltern wahrscheinlich nicht so genannt wurden. Vielleicht haben sie auch gar keine Eltern, sondern sind direkt von ihrem Heimatplaneten aufgebrochen, um uns Erdlinge in Zuckungen zu versetzen. Dass ihr neues Album "Vol. II" exakt an dem Tag erscheint, an dem sich vier Menschen in einer Raumkapsel auf dem Weg zum Mond befinden, kann kein Zufall sein.
Die Musik bedient sich zunächst bei allem, was irgendwie weird ist und lustige Bärte trägt. Mikrotonalität à la King Gizzard & The Lizard Wizard trifft auf die kompositorische Dichte von Frank Zappa, den Wahnsinn von Captain Beefhart und den Humor von Primus. Dazwischen bleibt noch genug Platz für Thrash-Metal-Soli, arabeske Melodiebögen und Taktarten, für die man ein Jodeldiplom braucht. Was auf dem Papier extrem verkopft klingt, entpuppt sich beim Hören als außerordentlich zugänglich und tanzbar, was angesichts der teils wilden Haken, die die Songs schlagen, eine erstaunliche Leistung ist. Der Zauber liegt im Loop: Khn de Poitrine schichtet komplizierte Riffs übereinander, als sei es die einfachste Sache der Welt. Dass das nicht nur Studio-Trickserei, sondern auch live reproduzierbar ist, zeugt von großem technischen Können. Die Frage, die über allem schwebt, lautet: Wie zur Hölle kommt man auf so was? Angine De Poitrine sind, so viel steht fest, kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis jahrelanger, besessener Arbeit an einer fixen Idee.
Und diese Idee ist, mit Verlaub, einfach nur geil. Die Kombination aus bekloppten Riffs und kreativen Rhythmen macht großen Spaß, selbst wenn man den inneren Musik-Nerd in den Schlummermodus versetzt. Schon die ersten Takte von "Fabienk" machen deutlich, wohin die Reise geht. Ein per Ring-Modulator verfremdetes Riff wird zunächst durch den Fleischwolf gedreht, ehe der Song in der zweiten Hälfte in einen Disco-Groove verfällt, der keinen Widerstand duldet. Dieses Prinzip der Zweiteilung zieht sich durch die meisten Songs auf "Vol. II", einzig das trippige "Angor" quillt aus dem konzeptionellen Korsett, indem ein einziges Motiv bis zur Unkenntlichkeit mit allerhand Gedöns überlagert wird. Gedöns ist kein Fachbegriff, sondern eine wohlwollend gemeinte Umschreibung von Gewemmse. Traditionellen Gesang gibt es keinen, gelegentlich rufen Khn und Klek aber Kauderwelsch ins Mikrofon, weil das ja klar ist.
Die Kürze des Albums sorgt dafür, dass zu keiner Sekunde Langeweile aufkommt. Angine De Poitrine wissen genau, dass ihr Gimmick nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Ihre Musik funktioniert im Moment. Der Ruhm der Band wird wahrscheinlich kaum länger als die vielzitierten 15 Minuten währen, aber sehr viele Menschen werden sich zeit ihres Lebens an diese erinnern. Und das ist mehr wert als die ewige Wiederkunft des Gleichen, das wusste schon ein anderer Weirdo mit lustigem Bart. Deshalb widmet sich das Duo in "Mata zyklek" auch der konsequenten Zerstückelung der Hörgewohnheiten. Zu einem wilden Motorik-Beat brennt Khn ein Feuerwerk der Ideen ab, jedes neue Riff setzt noch einen drauf. Am Ende sitzt man mit offenem Mund da und fragt sich, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht.
Vielleicht lautet die Antwort "Utzp". Ja, "Utzp". Wer ein Lied "Utzp" nennt, weiß mehr als wir. "Utzp" klingt, als hätte jemand Mdou Moctar mit Metallica gekreuzt und dem auf diese Weise entstandenen Wolpertinger PCP verabreicht. Wüstenpolka, Kettensägenmassaker, Geniestreich. "Utzp" eben. "Yor zarad" gelingt hingegen das Kunststück, trotz 7/8-Takt zum Headbangen zu verleiten. Besonders der Mittelteil begeistert mit einem großartigen Lick, das in Kombination mit dem famosen Drumming sämtliche Hirnzellen zu Brei verarbeitet, ehe es im Schlusspart in bester Merzbow-Tradition ans Knochenmark geht. Nein, normal ist hier nichts. Und genau das ist der Grund für den Erfolg von Angine De Poitrine: Sie verbinden künstlerischen Anspruch mit Eingängigkeit und sehen dabei auch noch herrlich bescheuert aus. Darauf ein dreifaches Utzp!
Highlights
- Fabienk
- Mata zyklek
- Utzp
Tracklist
- Fabienk
- Mata zyklek
- Sarniezz
- Utzp
- Yor Zarad
- Angor
Gesamtspielzeit: 36:53 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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fuzzmyass Postings: 21218 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-04-18 16:56:19 Uhr
Ich nehme an das ist größtenteils Vollplayback, wie bei Taylor Swift's Eras Tour... Finde aber im Ernst auch, dass es live nicht geleckt oder perfekt klingt, die Studioaufnahmen klingen schon fetter und aufgeräumter... |
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nörtz User und News-Scout Postings: 17896 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-04-18 16:02:41 Uhr
Ich greife mir da nur den Aspekt heraus, der mich interessiert und das ist die Musik. |
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Saschek Postings: 884 Registriert seit 23.07.2018 |
2026-04-18 15:59:38 Uhr
Kleinere Unsauberkeiten hört man beispielsweise bei KEXP durchaus. Finde das Jünger-Artige aber, wie so oft, auch eher befremdend als dass es mich mitreißt. |
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fakeboy Postings: 6643 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-04-18 15:42:05 Uhr
Das finde ich jetzt bereits nervig. Ich brauche keine Poitrine-Jünger, die sektenhaft mittanzen... Und was mich auch stört: die Band klingt halt immer genau gleich. Geht ja gar nicht anders. Ich frag mich auch, ob er wirklich immer live loopt oder ob da nicht auch bestehende Spuren abgespielt werden. Wenn er wirklich live loopt, dann müsste es auch mal Fehler und Unsauberkeiten geben. |
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Dasc Postings: 164 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-04-18 15:03:46 Uhr
Hier ist ein neues, sehr gutes Live-Video von Sarniezz. Ich finde, das hier fängt die ganze abgedrehte Stimmung perfekt ein: https://www.youtube.com/watch?v=oBYpuI7og8w |
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Referenzen
King Gizzard & The Lizard Wizard; Frank Zappa; Captain Beefheart; King Crimson; Primus; Les Claypool; Chalk; Yin Yin; Mandy, Indiana; Gum; Can; Neu!; Battles; Dry Cleaning; Getdown Services; Temples; Maromaro; Mclusky; Lightning Bolt; Merzbow; Osees; Father Of Peace; Mr. Bungle; Mastodon; Henge; Tropical Fuck Storm; Caravan; Rush; Van Der Graaf Generator; Soft Machine; Syd Barrett; Mdou Moctar; Tinariwen; Faust; Magma; Art Zoyd; Dawn Of Midi; Meshuggah; Horse Lords
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- Angine de Poitrine - Vol. II (396 Beiträge / Letzter am 18.04.2026 - 16:56 Uhr)



