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Neurosis - An undying love for a burning world

Neurosis- An undying love for a burning world

Neurot
VÖ: 20.03.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es wächst zusammen, was zusammengehört

Am 20.03.2026 flackert plötzlich unerwartet eine Mitteilung auf. Neurosis kündigen ein neues Album an – und nicht nur das. Sie beantworten auch sofort die mit dieser Nachricht zusammenhängende, unweigerliche Frage: Es gibt ein neues Mitglied. Nachdem herauskam, was Scott Kelly jahrelang familiär so trieb, folgte 2022 umgehend die Trennung. Es war aufgrund seiner Position, seines Beitrages zum Werk und der darauffolgenden Stille davon auszugehen, dass es das war mit Neurosis. Die nun gewählte Lösung konnte eleganter nicht sein, wenngleich das Wort elegant für diese Urgewalt ein wenig fehl am Platze ist: Aaron Turner, Sänger der legendären Isis, die sich 2010 auflösten, nachdem laut ihnen "alles gesagt" war, was man musikalisch sagen konnte. Isis und Neurosis, die beiden Speerspitzen des Sludge, nun quasi vereint. Eine bessere Besetzung gibt es für diese Stelle nicht. Und das Beste daran: Dieses neue Album – für wann ist es eigentlich angekündigt? Es trifft sofort, unverzüglich mit seiner Kraft ein.

Schon der Titel bekommt die volle Punktzahl: "An undying love for a burning world". Das Album, mit dem 2026 nicht gerechnet wurde, von dem man bis zu diesem Tag nicht wusste, dass man es braucht. Und es wird so sehr gebraucht. Ein bisschen Stimmenlärm als Intro, dann rollt es herein. Sieben volle Songs in über einer Stunde, "Mirror deep" der erste davon, wütet ab Sekunde eins los. Die Pause seit dem recht kurzen "Fires within fires", sie diente der Band wohl auch dazu, neue Energie zu sammeln. So frisch wirkten sie lange nicht und obwohl hier alles genau so klingt, wie Neurosis eben klingen und wie auch nur Neurosis klingen, ist "An undying love for a burning world" besonders und das beste Werk seit "The eye of every storm". Nicht nur wegen Aaron Turner, aber auch. Und wegen eines weiteren Faktors: Während "Mirror deep" als Opener noch gewohnt rumpelig ist, zeigt "First red days" erstmals einige neue Nuancen, welche Einzug gehalten haben.

Dass die Welt brennt, wissen alle. Dass Neurosis mehr als geeignet sind, jegliches Inferno zu vertonen, weiß auch jede Person, die mit Neurosis in Kontakt kam. Aber war da nicht was mit "love" im Albumtitel? Tatsächlich verdunkeln die fünf Musiker hier nicht nur den Himmel bestmöglich, wenn Turner in "First red days" beeindruckende Growls auspackt, sondern lassen auch immer mal wieder Licht hindurch. Seien es Keyboardschnipsel oder irgendwie dem Prog- oder Post-Rock entlehnte Gitarrenlinien. Genau diese filigranen Momente lassen aufhorchen. Was "Reach" auf "Fires within fires" war, ist hier großflächig über das Album gezogen. "First red days" beispielsweise hat mittig einige lange atmosphärische Elemente, die sich wunderbar einfügen.

Stress, Isolation, Ängste – Neurosis benennen selbst die Triebkräfte einer möglichen eigenen Auferstehung: Lasst uns adressieren, woran wir leiden und versuchen da herauszukommen. Oder zumindest die Wut zu kanalisieren. Dabei fängt an dieser Stelle der Erkenntnis "Blind" erst an. Neun Minuten, ein bisschen Saitengeschnipsel am Anfang und natürlich ist klar, was kommt: der Ausbruch. Der überwiegende Teil der Vocals geht auf diesem Song auf das Konto von Steve von Till, dessen gezwungen klingende Auswürfe die Songs voranpeitschen. Ist ein Lärmplateau erst einmal erreicht, machen es sich Neurosis dort gemütlich – in "Blind" benötigt es einige Durchgänge, ehe die feinen Momente durchscheinen. Das folgende "Seething and scattered" erinnert in seiner Rohheit erst an die früheren Neurosis-Werke und versprüht ein großartiges Chaos, ehe im zweiten Teil gar psychedelische Sounds die Szenerie kapern. Der Song könnte dann so nett hinausfließen, so weg mäandern. Was aber macht die Band? Lässt das wohlbekannte Pfeifen älterer Tracks Revue passieren.

Fast schon lächerlich kurz ist "Untethered" mit vier Minuten. Könnte glatt übersehen, beziehungsweise überhört werden, denn: Es folgen "In the waiting hours" und "Last light". Zusammen knapp eine halbe Stunde lang und das Beste zum Schluss. Ersterer führt erst gemächliche zwei Minuten Post-Rock-Spielereien ins Feld, hin zu einem ersten Anlauf. Spannungsgeladen mit einem wütenden Turner die Wall of Sound auftürmend und wieder einreißend. Genug Zeit ist da, zweiter Anlauf, das Keyboard klingt nach 1970er-Jahre, am Ende geht noch einmal die Post ab, natürlich. Vorhersehbar ist schon, was passiert, nur eben oft nicht, wann. "An undying love for a burning world" gönnt sich unerwartete Pausen, insbesondere der Schlusstrack zeigt dies. Nach acht Minuten scheint er bereits vorbei, die Spoken-Words von Steve von Till markieren doch ein gutes Ende, oder? Aber nein. Geirrt. So wie auch Neurosis plötzlich auferstehen – und das kurz vor Ostern! – regt sich auch "Last light" mit hypnotischem Drumming ein zweites Mal und bezeugt: Leise gehen sie nicht von der Bühne. Nicht jetzt und dank des Neuzugangs hoffentlich auch nicht bald. Denn gesagt haben sie auch mit ihrem zwölften Album noch nicht alles.

(Klaus Porst)

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Highlights

  • First red days
  • In the waiting hours
  • Last light

Tracklist

  1. We are torn wide open
  2. Mirror deep
  3. First red days
  4. Blind
  5. Seething and scattered
  6. Untethered
  7. In the waiting hours
  8. Last light

Gesamtspielzeit: 63:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Stulle

Postings: 20

Registriert seit 12.01.2023

2026-04-06 00:11:16 Uhr
Interview mit Aaron und Steve:
https://daily.bandcamp.com/features/neurosis-an-undying-love-for-a-burning-world-interview

Mayakhedive

Postings: 2807

Registriert seit 16.08.2017

2026-04-05 15:31:23 Uhr
Hoffe auch sehr auf 'ne Tour. Hab sie leider nie gesehen und bin auch in den alten Alben grad wieder voll drin.

Stulle

Postings: 20

Registriert seit 12.01.2023

2026-04-05 14:14:29 Uhr
Kann's auch kaum erwarten. Bis jetzt die größte positive musikalische Überraschung des Jahres! (negative unmusikalische kommen ja fast täglich rein)
Kann Mayakhedive nur zustimmen: "Hätte ich ihnen, unabhängig der ganzen Kelly-Geschichte, so wohl nicht mehr zugetraut. Dann freut es mich ungemein für die Band selbst. Kann mir schon gut vorstellen, dass die das selber gebraucht haben." Glückwunsch auch zur Platte des Monats!
Konzert wird besucht (hoffentlich kommen sie noch dieses Jahr).

Mayakhedive

Postings: 2807

Registriert seit 16.08.2017

2026-04-05 11:42:42 Uhr
Dann fehlen dir ja noch richtige Highlights.
Mich zieht's jedes Mal komplett rein und das hört sich auch echt gut am Stück weg.
Ich mag auch das Intro. Das setzt gut den Ton und wertet für mich auch nochmal die Brachialität auf, mit der "Mirror Deep" dann reinknallt. Das Album direkt damit zu beginnen, wär andererseits auch 'ne Ansage gewesen.
Ich find's super so und kann's kaum erwarten, im Mai die Platte aufzulegen.

Lateralis84skleinerBruder

Postings: 1143

Registriert seit 03.03.2019

2026-04-04 23:12:53 Uhr
Konnte bisher nur die ersten 4 Songs hören.
Was bin ich happy über diesen kosmischen Zufall, gleichzeitig ein neues Neurosis als auch ISIS Album zu bekommen :D
Zum kompletten Thread

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