Philine Sonny - Virgin lake
Nettwerk / Soulfood
VÖ: 03.04.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Lass es hinter Dir
Die Vergangenheit hinter sich zu lassen, war für Philine Sonny mehr als nur Erwachsenwerden. Jener meist eher salopp gebrauchte, oberflächliche Begriff bedeutete für sie einen langen und schmerzhaften Prozess. Wenn die Beziehung zu den eigenen Eltern mehr als schwierig ist, das Hirn erst um Ordnung, dann um Orientierung ringt, sich seelische Wunden offenbaren. Selbsttherapie fand die Songwriterin und Produzentin aus dem Ruhrpott erst mit der Zeit, und meist bei sich selbst. In der sozialen Isolation, beim Komponieren von Musik. Menschen in ihre Welt zu lassen, ist Philine Sonny nie leichtgefallen. Sie verbrachte den Großteil ihrer Freizeit in ihrem Zimmer, wo sie musizierte und sich das Produzieren selbst beibrachte. So entstanden die EPs "Lose yourself" (2022) und "Invader" (2024). Nun also ihr intensives Debüt "Virgin lake", das gleich mit 14 Songs aufwartet und mit persönlichen wie schonungslosen Lyrics absolut kein Happen für zwischendurch ist.
Der Opener "The band" gibt die Richtung vor, zumindest für die laute Seite von Sonnys Musik: Sogleich sorgt die kraftvolle und doch auf subtile Weise Raum fordernde, wunderbare Stimme der 24-Jährigen für Staunen, treffen harmonische Streicher und Gitarren auf treibende Rhythmen. Der Song thematisiert Selbsthass als Resultat sich verändernder familiärer Beziehungen. Mit "Outrun" schafft sich die junge Künstlerin weiter Luft: "You're the axe that frees the body from the roots." Vor dem tollen Refrain macht sie sich selbst Mut: "Show us who you are!" Das wohl hittigste Stück der Platte pumpt Druck in Richtung des Ventils, lässt selbiges alsbald pfeifen. Sonny schnaubt ins Mikro, und die Rhythmussektion schiebt den Rocker in jenen Momenten beinah in Richtung Punk. Hui. Ebenfalls toll: der gemeinsam mit Brockhoff und Shelter Boy komponierte und intonierte, eine leichte Prise Folk atmende Indierock von "Back then (I was something)".
Doch Philine Sonny mag und kann es häufig auch zart und einfühlsam. "Rush hour traffic" ist komplett auf der Akustischen gebettet, nach teils andächtig ruhigen Passagen und Sonnys Hauchen dürfen Streicher den Song hinausschweben lassen. Im ergreifenden "Weak spot" übernehmen Streicher und zarte Percussion die Regie und überlassen der feinen Stimme komplett die Bühne. Wie gut die Künstlerin aus Unna diese ausfüllt, lässt nicht nur dieser Song erahnen. Ein wenig Glanz und Opulenz? Auch kein Problem. "I miss you" nimmt kein Blatt vor den Mund, weil man jene ehrlichen Worte lieber mal in Musik verpackt, als sie zu sagen. Toll produziert liefert die Songwriterin hier ausgeklügelten wie emotionalen Pop.
"Eye for an eye" geht als verkappter Spoken-Word-Pop ziemlich unter die Haut, hintenraus übernehmen leichte Electronica, dazu wirken manche Verse wie Magenhaken: "But what the fuck did you expect from / Somebody with a name / That your mother only gave you / So they would compliment her taste." "All the ways I break" sprüht ein wenig Glanz auf, atmet gewisse Boygenius-Vibes. Und der feine, über siebenminütige Closer "Made for you", eine Art Friedensschluss, die Akzeptanz des Veränderungsprozesses, unterstreicht, dass auf "Virgin lake" rein gar nichts nach Unna oder Wanne-Eickel klingt, sondern nach internationaler Female-Indie-Speerspitze. Egal ob in Sachen Songwriting, bei der Instrumentierung oder den Arrangements: Philine Sonnys Musik strahlt und wirkt, als hätte diese junge Dame nie etwas anderes gemacht. Und das stimmt ja dann auch irgendwo.
Highlights
- Outrun
- Eye for an eye
- Weak spot
- Back then (I was something) (feat. Brockhoff & Shelter Boy)
- Made for you
Tracklist
- The band
- Outrun
- All the ways that I break
- Eye for an eye
- Weak spot
- September
- Back then (I was something) (feat. Brockhoff & Shelter Boy)
- Gatekeeper
- Rush hour traffic
- I miss you
- Rotten fruit
- Water to a seed
- Dog bite
- Made for you
Gesamtspielzeit: 55:52 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Cayit Postings: 342 Registriert seit 05.05.2014 |
2026-04-03 10:55:38 Uhr
Schönes Indie Rock Album, hört sich garnicht nach NRW an;) |
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MickHead Postings: 10703 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-04-03 10:28:19 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:https://philinesonny.bandcamp.com/album/virgin-lake Musikexpress 4.5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/philine-sonny-virgin-lake/ |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30393 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-04-02 20:16:40 Uhr
Was mich allerdings sehr wundert ist, dass sie kaum live zu sehen ist. Also ich habe sie schon zweimal live gesehen und sehe sie auch öfter mal in Line-Ups und so. |
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Unangemeldeter Postings: 2449 Registriert seit 15.06.2014 |
2026-04-02 19:25:47 Uhr
Hm, gerade mal Outrun gehört, leider find ich die Produktion sehr glatt und verwaschen für so nen Rocksong, die Drums klingen völlig lasch... Der Song ist sonst eigentlich gut. Und die Stimme ist tatsächlich toll. |
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Peachum Postings: 1 Registriert seit 02.04.2026 |
2026-04-02 18:52:28 Uhr
Kenne ihr Werk jetzt schon ca. 1.5 Jahre und bin beeindruckt von den Songs und insbesondere der Produktion. Bin schon sehr gespannt auf das neue Album. Was mich allerdings sehr wundert ist, dass sie kaum live zu sehen ist. Obwohl ich in der selben Stadt wohne, war mir das noch nicht vergönnt. Auch jetzt scheint keine Tour angekündigt zu sein. Wenn man es ernst meint mit der Musik, was ich ihr ansonsten zu 100% abnehmen würde, müsste man heute doch an jeder Milchkanne auftreten (zur Not auch ohne Band). |
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Referenzen
Phoebe Bridgers; Lucy Dacus; Snail Mail; Japanese Breakfast; Angel Olsen; Waxahatchee; Courtney Barnett; Feist; Boygenius; Julien Baker; The Replacements; The Pastels; Cat Power; Mitski; Samia; Fenne Lily; Torres; The Beths; Martha; The Wedding Present; Nada Surf; Rilo Kiley; Dottie Andersson; The Wedding Present; Alanis Morissette; The Sundays; Julia Jacklin; Anna Burch; Marika Hackman; Tomberlin; Florist; Sam Fender; Better Oblivion Community Center; Metric; Sufjan Stevens; Wilco; Jeff Tweedy; Okkervil River; Get Well Soon; Bartees Strange; Frightened Rabbit; The National; Big Thief; Radiohead; Bright Eyes; The War On Drugs
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- Philine Sonny - Virgin lake (15 Beiträge / Letzter am 03.04.2026 - 10:55 Uhr)



