Paula Carolina - Wild
Paula Carolina / The Orchard
VÖ: 27.03.2026
Unsere Bewertung: 3/10
Eure Ø-Bewertung: 2/10
Hefte raus! Punkarbeit!
Da steht er, der vielzitierte alte weiße Mann. Und jammert darüber, dass früher alles besser gewesen sei. Zu der Zeit nämlich, als er noch in der Schlecker-Filiale seines Vertrauens günstiges Bier kaufen konnte. Man wartet darauf, dass ihm gleich noch ein "Das wird man wohl noch sagen dürfen!" in den Mund gelegt wird – was dankenswerterweise nicht passiert. Das neben dem älteren Herrn stehende lyrische Ich könnte den schlechten Argumenten bessere entgegensetzen. Aber es stellt im Refrain nur betont rotzig die Frage, wo sich der Bus befände mit den Leuten, die so was interessiere. Mit Leuten wie diesem Ewiggestrigen diskutiert man schließlich nicht. "Mein Hirn dürstet nach etwas Niveau!", echauffiert sich Paula Carolina, die Sängerin ist schwerlich vom lyrischen Ich zu trennen, nach der anstrengenden Begegnung an der Bottroper Bushaltestelle. Denn sie kennt die wahren Probleme. Zu denen in ihren Augen selbstverständlich auch alte weiße Männer gehören. "Wo ist der Bus?" zeigt das Hauptproblem von Paula Carolinas zweiter LP "Wild": Großteils lauscht man Texten, an denen neben dem dauerhaft erhobenen Zeigefinger auch stört, dass man sich des Gefühls nicht erwehren kann, einer Person dabei zuzuhören, wie sie Klischees aneinanderreiht, die sie aus PoWi-Ersti-Gesprächen über öffentlich-rechtliche Comedyshows zu kennen scheint.
Paula Carolina will eine bessere Welt. Ihren Traum schildert sie nach einem das Album eröffnenden Kirchenchoral zu schrillem, auf schlimmste NDW-Zeiten schielenden Keyboardsound in "Darf sie das?": "Es gab keine Kriege und kein [sic] Hass. / Meine Wohnung in Berlin war bezahlbarer, weil der Einkommensnachweis egaler war." Die gebürtige Hannoveranerin skizziert ihre Utopie zwischen Heidi aus dem Bundestag und Heidi aus den Bergen: "Wir werden immer leben und das Leben, das wir leben, das macht Spaß." Yeah! Immerhin wird dem Songtitel ein Fragezeichen spendiert, ein Novum in der deutschen Popmusik-Industrie. Den ungeschriebenen Gesetzen der deutschen Musikrezensions-Landschaft hingegen widersetzt man sich selbst: Texte können auch misslungen sein, wenn man ihnen nicht das dümmliche Etikett "Befindlichkeitspop" aufkleben kann. Wenn in der Pop-Punk-Blaupause "Gib mir dein Geld!" nach zweieinhalb Minuten ein leidlich guter Schauspieler "Mach mich einfach reicher!" fordert, ehe eine Kasse klingelt, schlagen zehn Holzhämmer auf einen ein und lassen einen im (doch wohl hoffentlich umweltfreundlich gedüngten) Boden versinken. Da hilft auch keine gefällige Hook inmitten von Gitarrengeschrammel und Handclaps mehr.
"Sex und Liebe" verlässt sich auf die Pointe, "geklickt" nach einer Kunstpause auf "geliebt" zu reimen. Hihi! Das muss der "Fun" in "Fun Punk" sein. Später begleiten wir in "So ein Brett" nach der grammatikalisch nicht ganz korrekten Ankündigung "Ich geh heute Bauhaus!" das weiblich gelesene lyrische Ich in den Heimwerker*innen-Fachmarkt. Soll irgendwie feministisch sein oder so. Dass OBI und Co. diese Message in ihrer Werbung bereits vor Jahren nicht ganz uneigennützig platzierten, muss Paula Carolina entgangen sein. So viel Haltung rechtfertigt in den Augen der Sängerin offensichtlich auch das beständige Ignorieren eines einheitlichen Versmaßes. Wie es lyrisch weniger erzwungen geht, zeigt "Die Zecke". Selbst wenn man bereits 99 Anti-AfD-Songs kennt: Der 100. schadet nicht, denn eine rechtsradikale Scheißpartei bleibt eine rechtsradikale Scheißpartei. Auch die Post-Punk-Gitarre fügt sich super ein. Ob es ein gestelltes Sample, das sich über einen Mann mit Raucherhusten lustig macht, braucht, steht auf einem anderen Blatt.
Wirkte es auf ihrer ersten EP "Aus der Blüte des Lebens" noch so, als schöpfe Paula Carolina aus eigenen Alltagsbeobachtungen, fallen die Texte vier Jahre später kürzer, allgemeiner und austauschbarer aus. Dass auf "Wild" nur ein Song die Dreieinhalb-Minuten-Grenze überschreitet, wirkt wie ein Zugeständnis an die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne der TikTok-affinen Hauptzielgruppe. Passend dazu wich der dezent instrumentierte Indie-Pop der Debüt-EP längst einem Hochglanz-Konglomerat aus Pop-Punk, NDW und Interludes, in denen der Refrain aus dem Song zuvor einfach in anderem Soundgewand wiederholt wird. Das musikalische Konzept 2026 ist die Konzeptlosigkeit, das lyrische die Erziehung. Letztlich macht Paula Carolina aus beidem keinen Hehl. "Ein Lied, in dem nichts geschieht" ist ihr zuwider. Dies verdeutlicht die gleichnamige, teils im Marschmusik-Stakkato vorgetragene Parodie auf – nochmal so ein Anachronismus – volkstümliche Lieder. In dieser kritisiert die Musikerin ein Lied dafür, dass es "nichts erklärt und nicht erzieht". So ein Lied könne ja auch die KI schreiben. Nun ja, Paula Carolina, nicht nur ein solches Lied.
Highlights
- Die Zecke
Tracklist
- Hallo Leute
- Darf sie das?
- Gib mir dein Geld!
- Kapitalismuss
- Der Kopierer
- Sex und Liebe
- Das Nachspiel
- Ein Lied, in dem nichts geschieht
- Summa cum laude
- Immatrikulationsbescheinigung
- So ein Brett
- Wo ist der Bus?
- Die Zecke
- Hasipupsi
- Ich war hier
- Und tschüss
Gesamtspielzeit: 34:42 min.
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Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 10825 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-03-28 12:03:07 Uhr
Die deutsche Indie Sängerin "Paula Carolina" aus Hannover, lebt in Mannheim, veröffentlichte am 27.03. das 2. Studioalbum "Wild". Es folgt auf das Debüt "Extra" von 2024.Amazon schreibt: Mit „Wild“ erwartet uns ein Album, das die Grenzen zwischen Indie, Rock, Punk, NDW, Pop und sogar Einflüsse der Klassik nicht verschwimmen lässt, sondern sie bewusst neu zusammenklebt. Ein Werk, das kantig, experimentell und gleichzeitig zugänglich ist. Ein neues Genre namens: Paula Carolina. Musikexpress 5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/paula-carolina-wild/ "Wild" (Playlist bei YouTube): https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_khLJ3vCCr-b7LPwyjBhg603gvaR_Snun4&si=Ee3l2bYMe_2NUCfK "Extra" (Debütalbum 2024) Playlist bei YouTube: https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nDXpr3nOy0SoEztsduYsiSWPqLF9pzEeE&si=ETfEvGzOS-2oxobP |
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Referenzen
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- Paula Carolina - Wild (2 Beiträge / Letzter am 01.04.2026 - 21:08 Uhr)



