La Petite Mort / Little Death - Disco II – Monomyth
Eigenvertrieb / Bandcamp
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
L'amour fou
Das Wesen der Musik ist die Gemeinschaft. Unabhängig davon, wie intim und persönlich die individuelle Beziehung mit einer Komposition sein kann, strebt der Klang zunächst in die Breite und möchte als gleichzeitiges Gefühl für eine Gruppe verstanden werden. Unabhängig von Vorliebe und Meinung über das Dargebotene knüpft dieser Umstand eine Art Band zwischen all jenen, die sich der Musik verschreiben. Ein wenig so, als wäre sie unser aller Ex-Freund*in, über den oder die wir nie so richtig weggekommen sind – nur mit weniger gekränktem Ego. Demnach ist es auch nur natürlich, dass so etwas wie eine Rezension in diesem Segment keine Einbahnstraße darstellen kann. Somit in voller Transparenz: Ohne entsprechende Liebesbekundungen innerhalb des hauseigenen Forums würde es die folgenden Zeilen nicht geben. Doch gerade die verrückte, verquere Liebe zur Musik gehört verteilt und aus größtmöglichen Bottichen ausgeschüttet. Und selbst wenn man dabei etwas "late to the party" ist, dann gehört man ja bekanntlich ohnehin zu den coolsten Gästen des Abends.
Man könnte sich aus seinem Rest Schulfranzösisch vielleicht noch zusammenreimen, dass "petite mort" ein etwas hochgestochener Begriff für einen (zumeist weiblichen) Orgasmus ist. Dieses Wissen bringt im Kontext von "Disco II – Monomyth" allerdings exakt gar nichts, vielmehr ist es sogar irreführend. Wenn man schon eine Analogie aus dem sexuellen Bereich für dieses Album anstrebt, dann handelt es sich hier vielmehr um das Gegenteil, nämlich eher um eine Dreiviertelstunde Edging. Um nun aber, wie man so schön im Angelsächsischen sagt, zunächst einmal "den Kopf aus dem Abfluss zu kriegen", soll endlich dem kongenialen Quartett aus den Frankfurter Vororten die Bühne bereitet sein. Der Sound von La Petite Mort / Little Death hat zwar nachweislich diverse Math- und Screamo-Elemente, ist dabei aber zumindest auf diesem Album trotz dieser Kategorisierung vergleichsweise zugänglich – quasi "The beginner's guide" ins Reich der schrägeren Frequenzen. Ein Blick auf die Tracklist wirkt zwar dennoch eher so, als hätte man das offensive Bemühen, möglichst absolut gar kein Exemplar seines Albums verkaufen zu wollen. Aber Namen spielen dort, wo sich das Gefühl seinen Raum genommen hat, ohnehin keine Rolle mehr. Bereits nach dem niedlichen Japano-Synth-Intro "Monomyth" ist bei "Erleuchtung garantiert" der rote Teppich ausgerollt, und alleine die Vocals erwecken schon den Drang, Architektur zu tanzen oder dieser Stimme wenigstens eine Kathedrale zu bauen. Notfalls sogar in Offenbach. Denn spätestens die Post-Hardcore-Gitarrenwände, Tempowechsel, übersteuerten Screech-Effekte und – mit Verlaub – pure Geilheit, die einem im Folgenden um die eigenen unschuldigen Ohren knallt, sind dann nur noch schwer mit Referenzen und Analogien einzufangen, weil ein gewonnener Eindruck hier selten eine Halbwertszeit von über zwanzig Sekunden hat.
Sobald man auch nur glaubt, irgendetwas an diesem Album dechiffriert zu haben, kommt von irgendwo ein Zirkusclown auf einem Einrad vorbeigefahren und drückt einem einen Miniatur-Pottwal in die Hände, der in erstaunlich flüssigem Spanisch einen seiner Backenzähne zum Tausch gegen ein Cembalo anbieten möchte. Und man selbst ist gar nicht einmal so verwirrt, wie es angemessen wäre, sondern steht vielmehr inmitten dieser Szenerie und erfreut sich an dem bunten Treiben. Müsste man hierfür einen "archetypischen" Track auswählen, würde die Wahl vermutlich auf "Die Welle war mein Leben" fallen. Von den initialen Noise-Drum-Patterns binnen weniger Akkordfolgen in einem dazu passenden Grit-Bass-Tune zu landen, ist eine dieser vielen Kleinigkeiten, die man erst nach mehrmaligem Hören beginnt nachzuvollziehen und dann noch nicht einmal angefangen hat zu begreifen. Die ruhigeren Gesangsparts, wie beispielsweise in "B.Talent II", lassen wiederum durchaus Reminiszenzen zu einigen Gorillaz-B-Seiten zu, allerdings nur um dann im direkt darauf folgenden "(Oh) My sirenhead" in eine Art Mixtur aus Los Campensinos! und Anamanaguchi zu transformieren.
Es ist jedoch beinahe völlig egal, welche Referenz hier ins Feld geführt wird und irgendwie trotzdem stimmt. Als wären sie tatsächlich alle irgendwie miteinander verbunden, und es bräuchte nur jemanden, der genau diesen Umstand bloß ausspricht. Oder, noch besser: Einfach nur darüber singt. Voller Nostalgie lassen Stücke wie "Miracle blade III" einen in die Zeiten zurückblicken, in denen man mit Billig-Chips und Pfirsich-Eistee seine Wochenenden Skatepunk hörend an der Playstation verbrachte. Oder wie "Screamo sucks" im Autoradio des älteren Kumpels aus dem Sportverein hätte laufen können, während man über die Landstraße zum Scheunenfest gefahren wird, weil die Clubs in der Stadt einfach schon damals zu teuer waren. Es fühlt sich nicht nur so an, als wären La Petite Mort / Little Death schon immer da gewesen, sondern vielmehr, dass es auch niemals anders hätte sein können. Eben so gewiss, wie bloß das Ende sein kann.
Highlights
- Erleuchtung garantiert
- L'envie de plonger
- Die Welle war mein Leben
- (Oh) My sirenhead
- The beginner's guide
Tracklist
- Monomyth
- Erleuchtung garantiert
- Puranetto romio
- L'envie de plonger
- Die Welle war mein Leben
- B.Talent II
- (Oh) My sirenhead
- Sinfonie Nr. 6, D-Dur, F842, "Der Akazienbaum"
- Le seuil
- Miracle blade III
- Thanks Osa
- Screamo sucks
- Meine Tante im Rückspiegel
- The beginner's guide
- Cu Cu
- Meine Tante im Glas
- Bonus Track - Max Math Explosion
Gesamtspielzeit: 47:47 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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saihttam Postings: 2926 Registriert seit 15.06.2013 |
2026-04-07 09:17:52 Uhr
Hat mich gerade zwischendurch auch etwas an die frühen Portugal. The Man erinnert. |
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kptphl Postings: 4 Registriert seit 23.04.2023 |
2026-04-06 16:55:04 Uhr
Ich liebe es einfach zu hören, wenn sich "echte" tough guys in den Zustand vorm Stimmbruch kreischen. Pure infantile Hardcore-Energie! Das Album macht Frühlingsgefühle :) |
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kptphl Postings: 4 Registriert seit 23.04.2023 |
2026-04-06 16:44:40 Uhr
Was macht eigentlich die mighty The Oliver Twist Band heute? |
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Hierkannmanparken Postings: 2988 Registriert seit 22.10.2021 |
2026-04-03 21:17:35 Uhr
Cool, dass du es mit reingenommen hast, es passt wirklich gut. Und den Seitenhieb auf Offenbach hast du dir auch nicht nehmen lassen. Alles drin in der Rezi :D |
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Kontermutter Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel) Postings: 743 Registriert seit 04.03.2023 |
2026-04-02 11:39:10 Uhr
Ja, das Label ist gemeint. Das wirkt auf mich wie eine gute Kombination und m.W. hatten die auch mal ein paar Berührungspunkte bzgl. Konzerten. |
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Referenzen
The Blood Brothers; The Fall Of Troy; Refused; UUVVWWZ; Liturgy; Imperial Triumphant; A Lot Like Birds; Dance Gavin Dance; For Your Health; Garden Ants; Land Whales; For Odette; Gegenpress; Otala; 13 Year Cicada; Ichi Ichi; At The Drive-In; The Mars Volta; Portigal.The Man; The Hirsch Effect; Kid, Feral; Boneflower; Vivre Sa Vie; Anamanaguchi; Los Campensinos!; Hot Hot Heat; Nuvolascura; Viva Belgrado; City Light Thief; The Deadnones
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- La Petite Mort / Little Death - Disco II – Monomyth (40 Beiträge / Letzter am 07.04.2026 - 09:17 Uhr)



