Grandma's Ashes - Bruxism
Verycords
VÖ: 27.03.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Midnight in Paris
In Frankreich wird Rockmusik höher gehandelt, als man es hierzulande oft mitkriegt. Sicherlich denken viele zuerst an den Skandal um Noir Désir, in Sachen härterer Acts vielleicht auch an die Grobiane von Gojira. Aber gerade im Underground brodelt es an allen Ecken – und die Französ*innen fühlen sich dabei oftmals der guten alten Alternative-Tradition aus den Neunzigern verpflichtet. So klingen auch die drei Pariserinnen von Grandma's Ashes nach vielem, nur nicht nach Paris. Stadt der Liebe, Rotwein, "quaso"? Pas du tout, hier gibt es Wüsten-Feeling, Distortion en masse und eine ausgemachte Heaviness, die mit dem viel zitierten Glanz und Glamour der Hauptstadt einmal ordentlich aufräumt. Die Musikerinnen um Sängerin und Bassistin Eva Hägen machen jedoch ebenso sehr ihre Liebe zu Kate Bush geltend, bezeichnen sich gar als deren "Gothic-Version". Auch da ist was dran: Das zweite Album "Bruxism" schwebt genauso sehr über dem Boden, wie es eine*n immer wieder darauf zurückholt.
Grandma's Ashes bringen das Kunststück fertig, um Eingängigkeit und große Refrains einen weiten Bogen zu machen, trotzdem aber mitreißende Rocksongs zu schreiben, die auch gern einfach den Instrumenten die Bühne überlassen. Nicht nur im fast gänzlich instrumental gehaltenen "Nightwalk", sondern auch in der brachial-balladesken Single "Cold sun again" sind Alice In Chains und sludgy Grunge-Riffs der Marke Jerry Cantrell nicht weit entfernt. Der Opener "Saints kiss" setzt hingegen auf Stoner-Frontalangriff, verträumte Arpeggio-Zwischenspiele und eine melodisch beinahe unpassende, gerade deshalb aber starke Hook. Viele Stücke auf "Bruxism" sind in Sachen Harmonie auf diese Weise gegen den Strich gebürstet, ohne jedoch allzu experimentell zu wirken. Dass das Trio dafür den kanadischen Produzenten Jesse Gander an Bord geholt hat, der vor allem für seine Zusammenarbeit mit den Belgier*innen Brutus bekannt ist, und das Album auch selbst in Brüssel aufnahm, macht bei der Verwandtschaft im Soundbild absolut Sinn.
Musik wie Themen zeichnen sich durch eine gewisse Rohheit aus. So ist zum Beispiel die Metapher, in einem "Flesh cage" gefangen zu sein, nicht zwangsläufig die originellste. Als Gedankenspiel aber, wie es klingen würde, wenn ein Prä-Jahrtausendwende-Trent-Reznor zwischen seinen geliebten Maschinen in Richtung Grunge abgebogen wäre, ist es hochinteressant. Hägen streut gen Ende sogar diabolische Growls ein, die durch ihren charmanten französischen Akzent auffallen. Eigentlich eine seltsame Entscheidung, aber "seltsam" scheint der Plan. "Neutral life neutral death" reduziert die Riffwalzen zugunsten schräger Betonungen in den Gesangslinien, während "Empty house" im Gegenzug geradlinigen Laut-leise-Alternative aufs Parkett legt.
Und es mag noch so sehr in Richtung amerikanischer Vorbilder schielen – auf eine Art ist "Bruxism" am Ende zutiefst europäisch. Ebenso kommt nämlich Symphonic-Metal-Queen Sharon Den Adel in den Sinn, wenn "Calix" ätherischen Folk mit Bratgitarre verbindet und der Closer "Dormant" da sogar noch einen draufsetzt, indem er zum Schluss in ein großes Rock-Finale mündet und auch die Growls wieder zurückbringt. Das wirkt dann so, als würde eine Horde satanischer Kuttenträger*innen eine Blumenwiese verwüsten und alle Feen aufessen. Metal as fuck. Grandma's Ashes machen sich verschiedenste Einflüsse zu eigen und präsentieren sich als druckvolles Power-Trio, das seinen Songs zutraut, auch ohne hohe Offensichtlichkeit mitten in die Vollen zu treffen. Wer also spannende Rockmusik sucht, findet sie ausgerechnet dort, wo sie nicht unbedingt als Erstes vermutet wurde: inmitten der staubigen Wüste von Paris.
Highlights
- Saints kiss
- Nightwalk
- Neutral life neutral death
- Cold sun again
Tracklist
- Saints kiss
- Empty house
- Sufferer
- Nightwalk
- Flesh cage
- Neutral life neutral death
- Cold sun again
- Calix
- Duality
- Dormant
Gesamtspielzeit: 43:12 min.
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