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Snail Mail - Ricochet

Snail Mail- Ricochet

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 27.03.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Falsche Zeit, richtiger Ort?

Wie war das mit im falschen Jahrzehnt geboren? Lindsey Erin Jordan kann die Neunziger nur aus Erzählungen kennen. Sie kam im Juni 1999 kurz vor dem Millennium auf die Welt. Trotzdem schwitzt ihre Musik aus jeder Pore Neunziger-Rock und Liebeskummer. Nun ist es keine Neuigkeit, dass die Ästhetik der Nineties längst zurück im Mainstream ist. Für alle, die dabei gewesen sind, kann sich so manche Kunst aber nach reiner Kostümierung anfühlen und was drinsteckt, sieht dann doch irgendwie ganz anders aus. Beim dritten Album von Jordan als Snail Mail stellt man nach Tuchfühlung jedoch fest: Das fühlt sich alles verdammt nach dem Real Deal an.

Der klassische amouröse Herzschmerz wird auf "Ricochet" dafür allerdings ordentlich zurückgefahren und durch Gedanken über sich verändernde Freundschaften und auch den Tod ersetzt, ohne dass "Ricochet" sich jemals in Nihilismus verliert. Und auch ihre Stimme hat Jordan für ihr erstes Album seit fünf Jahren neu entdeckt beziehungsweise in Folge einer Stimmbandpolypenentfernung neu erlernt. Im launigen Pop-Rock-Einstieg "Tractor beam" singt sie die ersten Zeilen hell und hoch, im Refrain wechselt sie dann in eine tiefere Intonation und hebt diese später wieder passend zum titelgebenden Traktorstrahl, der Richtung Himmel zieht. Das bockt genauso wie "Light on our feet" mit großspurigen, dramatischen Streichern und militaristisch anmutenden Drumrolls. Und die Highlights sollen erst noch folgen.

Zum Beispiel "Cruise", das in puncto Vibe ganz nah mit den Emo-Balladen um Snail Mails Geburtsjahr verbandelt ist. Man denkt an Avril Lavignes "I'm with you" und schunkelt ziellos durch die Nacht. Mehr Neunziger gibt es in "Agony freak", dessen Hintergrund-Effekte nach digitalem Scratching klingen und das nur echt mit Drumloop-Intermezzo wirkt. "Dead end" rifft sich durch die Melancholie, könnte auch auf einem Weezer-Album einen Platz finden und beobachtet eine kriselnde Freundschaft: "Woke up thinking about you / Tried calling but I couldn't get through / Guess we got our own shit to do." Bei den Gitarrenklängen von "Hell" imaginiert man sofort ein Video mit MTV-Logo oben in der Ecke und spätestens beim Stimmungswechsel im Refrain ist klar, dass man das früher einfach "Alternative" genannt hätte.

Als besonderes Highlight und größtes Stück der Platte baut sich der Titelsong auf und erinnert an The Smashing Pumpkins – musikalisch und inhaltlich: "If there's nothing after / We can do whatever we want." Vielleicht ist der Song kurz nach der Coverversion von "Tonight, tonight" entstanden, die Jordan für Jane Schoenbruns Film "I saw the TV glow" beigesteuert hat, in dem sie auch eine kleine Rolle spielt. Hier gibt sie stimmlich noch einmal alles, die Streichersektion zeigt sich ebenfalls üppig und man kann nicht anders, als anerkennend zu nicken. Das anschließende "Reverie" wirkt dagegen als Closer eher wie eine kleine, lässige Fingerübung, hat aber eine wichtige Funktion. Es verleiht einem Album, das viel zweifelt, einen positiven Ausklang, der wohl von frischer Verliebtheit inspiriert ist: "Life is so worth living now / And from our castle in the clouds / The planet looks so small." Vielleicht ist Snail Mail am Ende doch genau im richtigen Jahrzehnt geboren worden.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Tractor beam
  • Cruise
  • Ricochet

Tracklist

  1. Tractor beam
  2. My maker
  3. Light on our feet
  4. Cruise
  5. Agony freak
  6. Dead end
  7. Butterfly
  8. Nowhere
  9. Hell
  10. Ricochet
  11. Reverie

Gesamtspielzeit: 41:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

bender

Postings: 227

Registriert seit 03.04.2020

2026-04-01 08:10:45 Uhr
Ja, gefällig. Ich mag ihren Sound einfach gerne, auch wenn es keine überragenden Songs dabei hat. Finde das Album aber stärker als der Vorgänger.

Favoriten:
- My Maker
- Agony Freak
- Dead End

qwertz

Postings: 1206

Registriert seit 15.05.2013

2026-03-31 17:08:33 Uhr
"Dead End" und "Nowhere" find ich super - und damit ergibt sich für mich die typische Ausbeute von einem Snail-Mail-Album. Der Rest ist gefällig, klar. Aber lässt mich leider auch recht kalt.

MickHead

Postings: 10821

Registriert seit 21.01.2024

2026-03-27 13:50:38 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_kfBy7rOg8jf7VOvErRByaiYER_3SSB1hg&si=Ln5e0ggmcOl8koiS

Rolling Stone 3.5/5

https://www.rollingstone.de/reviews/snail-mail-ricochet-ueppig-indie/

Musikexpress 4/6

https://www.musikexpress.de/reviews/snail-mail-ricochet/

Gaesteliste.de: Platte der Woche

https://gaesteliste.de/2026/03/26/review/snail-mail-ricochet/

Under The Radar Magazine 8/10

https://www.undertheradarmag.com/reviews/ricochet_snail_mail

HOTPRESS 8/10

https://www.hotpress.com/music/album-review-snail-mail-ricochet-23135613

Saschek

Postings: 882

Registriert seit 23.07.2018

2026-03-26 01:03:35 Uhr
Schön. Bin auf Freitag gespannt. Rezi liest sich super. Klingt irgendwie so, als hätte die Sieben stark in Richtung Acht geschielt.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30439

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-25 20:40:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

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