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Nina Hagen - Highway to heaven

Nina Hagen- Highway to heaven

Grönland / Cargo
VÖ: 27.03.2026

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Grundgütiger!

Nina Hagen kann man ganz gewiss eine ganze Menge Verdienste zuschreiben: Sie hat die deutsche Popmusik ähnlich furios, stimm- und wortgewaltig entkrampft wie beispielsweise Udo Lindenberg, wir haben ihr legendäre Fernsehmomente zu verdanken, sie hat auch mit ihrem ungewöhnlichen Organ die eine oder andere sensationelle Coverversion eingesungen; man denke nur an das berühmte "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen". 2025 wurde sie 70 Jahre alt, ihr Status darf guten Gewissens als Unruhestand im positiven Sinne gewertet werden. Jetzt also haut sie unverzagt ein nagelneues Album mit 14 Nummern raus, bei dem sie sich voll und ganz der Neuinterpretation von Gospelsongs verschrieben hat. Und das ist wohlgemerkt weder Satire noch der Versuch, dieses Genre durch den Kakao zu ziehen; nein, es ist ihr ganz offensichtlich ernst – und es passt dazu, dass sie sich im Jahr 2009 recht spät hat evangelisch taufen lassen. Nun sind Religion und Spiritualität grundsätzlich sehr private, individuelle, intime Themen. Man sollte sich also nicht darüber erheben, andererseits ist es aber auch Aufgabe eines Rezensenten, den Versuch eines Qualitätsurteils abzugeben – denn immerhin wird all dies ja hier nicht im stillen Kämmerlein praktiziert, sondern mit einigem Tamtam veröffentlicht. Oder, um es mit einem berühmten Journalisten zu sagen: "Wer sich auf den Markt stellt, der muss damit rechnen, mit Tomaten beworfen zu werden."

Leider haut das Vorhaben auf der Langstrecke nicht wirklich hin, obwohl es durchaus Lichtblicke gibt. Auf der Habenseite der Produktion steht eine recht spielfreudige Backing-Band, die musikalisch und rhythmisch Akzente zu setzen weiß. Doch alles dies wird in der überwiegenden Zahl der Tracks dadurch zunichte gemacht, dass Hagen ein permanentes und zuweilen arg nerviges Overacting an den Tag legt. Bei nicht wenigen Songs, zum Beispiel gleich dem Titelstück, möchte man ihr eigentlich ein Hustenbonbon nach dem anderen herüberreichen, so gewollt kratzig und hexengleich klingt die Stimme. Auch in "Walk with me Jesus" krächzt und röhrt sie dermaßen waidwund daher, dass dagegen selbst ein Tom Waits als weichgespültes Goldkehlchen durchginge. Und wenn mal nicht geröhrt und gegrowlt wird, dann schaltet Hagen in einen zweiten, nicht weniger enervierenden Stimmmodus um, nämlich die rührselige Knödelei. Am anstrengendsten wird das im Duett: "Never grow old" mit – ausgerechnet! – Nana Mouskouri öffnet ebenso das Tor zur Schunkelhölle wie "There's a highway to heaven", bei dem Gitte Hænning sekundiert, von der man sonst auch Besseres kennt. Nein, leider muss man bei beiden Duetten aus Sorge um die eigene psychische Stabilität sicherheitshalber nach acht bis zwölf Takten abbrechen, sonst wird's einem blümerant. "Somebody prayed for me" wiederum hört sich an, als hätten die Ramones versehentlich zu schnell den zweiten Haschkeks eingeworfen, weil der erste nicht früh genug wirkte: bestenfalls merkwürdig.

Trotzdem gibt's auch ein paar richtig gute Nummern, die das möglicherweise gewaltige "hätte, würde, könnte"-Potenzial dieses Albums aufzeigen: So ist "Trouble of the world" gewitzt instrumentiert, mit guten Drum-Programmings, raffiniertem Groove und leichten Funk-Anleihen – vor allem aber zeigt Hagen, wie saucool ihre Stimme eigentlich klingt, wenn sie den ganzen Hokuspokus drumherum mal weglässt. Ja, es kommen fast Grace-Jones-Vibes auf. Auch "Hand it over" mit Gaststar Daniel Welbat macht Spaß, weil es hier einen handfesten, authentischen Blues gibt. Und das ins Psychedelische lappende "Dust on the bible" beherbergt nicht nur eine raffiniert eingesetzte Hammondorgel mitsamt akkurat aufspielender Rhythmusgruppe, sondern auch einen klug dosierten Mix aus Offbeat-Reggae und Gospel. Aber insgesamt ist das zu wenig. Man hätte sich und Nina Hagen irgendjemanden gewünscht, der oder die sie in den starken Seiten bestärkt und die unnötigen Versuche klandestin unter den Teppich gekehrt hätte. Dann wär's vielleicht ein ganz tolles Spätwerk geworden. Aber hey: Van Morrison macht mit 81 Jahren noch weiter, es ist also noch reichlich Spielraum für die Ostberliner Charakterschnauze. Wir hoffen auf das nächste Album.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Trouble of the world
  • Hand it over (feat. Daniel Welbat)
  • Dust on the bible

Tracklist

  1. Everybody's gonna have a wonderful time up there
  2. Never grow old (feat. Nana Mouskouri)
  3. Walk with me Jesus
  4. Trouble of the world
  5. Somebody prayed for me
  6. Needed time
  7. Hand it over (feat. Daniel Welbat)
  8. Let's be happy
  9. There's a highway to heaven (feat. Gitte Hænning)
  10. Everything's gonna be alright
  11. Dust on the bible
  12. Dry bones
  13. Alle wollen in den Himmel
  14. Gospel ship

Gesamtspielzeit: 41:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MickHead

Postings: 10825

Registriert seit 21.01.2024

2026-03-27 10:24:08 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nbtprJzH1Z4tkJzuRAHOe76BMg6xMdeXA&si=BXL97Kcqsnj-oLJ0

Rolling Stone 2.5/5

https://www.rollingstone.de/reviews/nina-hagen-highway-to-heaven/

Musikexpress 3/6

https://www.musikexpress.de/reviews/nina-hagen-highway-to-heaven/

Mann 50 Wampe

Postings: 4885

Registriert seit 28.08.2019

2026-03-27 07:20:11 Uhr
Spliff war visionär, Hagen immer überkandidelt.

Vive

Postings: 1463

Registriert seit 26.11.2019

2026-03-27 07:02:31 Uhr
letztens erst gedacht, was sie doch für eine ikone ist! diese videos um 1980 herum, was die da mit ihrer band abgezogen hat, unglaublich toll und visionär.
ich würd gern mal ein trip hop album mit ihr machen

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30439

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-25 20:38:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

BunteKuh

Postings: 602

Registriert seit 17.07.2022

2025-12-15 19:16:38 Uhr
Aus der Nina-Hagen-Band ist Spliff entstanden. Alleine dafür sollten wir ihr schon dankbar sein.
Dazu kommen noch einigen Perlen aus ihren Frühwerk.

Einige posten hier ohne Verstand.....
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