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Grim104 - No country for old Grim

Grim104- No country for old Grim

Motor / Krasser Stoff
VÖ: 27.03.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Showdown im Dorfkrug

Im Film "No country for old men" ist der titelgebende alte Mann ein Sheriff, der mit der Welt nicht mehr klarkommt. Anscheinend kann sich Moritz Wilken aka Grim104 mit diesem Gefühl identifizieren und dichtet den Titel des Filmklassikers der Coen-Brüder für sein neues Studioalbum um. Der Rapper hat es im Gegensatz zu dem alternden Gesetzeshüter nicht mit überbordender Gewalt und einem psychopathischen Auftragsmörder zu tun. Es sind vor allem die aktuelle Weltlage und die Angst vor der Eskalation, die ihn im nachdenklichen Titeltrack umtreiben: "Vielleicht sterb ich dann doch nicht mehr im Bett, sondern in Matsch und Regen / Wir marschieren einer allerletzten Mitternacht entgegen." Grim104 beherrscht meisterhaft die Kunst, Punchline an Punchline zu hängen und damit die deutsche Rapszene auseinanderzunehmen, wie er mit "Mantra" beweist. Dazu kann er aber auch komplexere Storylines entwerfen und bittet zum wahnwitzigen "Artist Dinner mit dem Crazy Frog", bei dem der nervtötenden Klingelton-Amphibie der 2000er von der Musikindustrie der rote Teppich ausgerollt wird. Neben solchen Spitzen gegen die eigene Musik-Bubble verarbeitet Grim104 Trennungsschmerz – im poppigen "Hinter der Tür" ebenso wie im melancholischen "Monstera".

Außerdem beackert er weiter seine Kindheit in der niedersächsischen Provinz. Über das Aufwachsen fern der Metropolen spricht er regelmäßig mit Gästen im Podcast "Zum Dorfkrug". Schon der Name seiner ehemaligen Zwei-Mann-Band Zugezogen Maskulin thematisierte die Flucht in die Großstadt. Sein Rap-Partner Testo ist mittlerweile unter bürgerlichem Namen als Hendrik Bolz erfolgreicher Buchautor. Und Berlin hat nach fast zwanzig Jahren auch seinen Reiz verloren, weshalb der Großstadtvampir Grim104 auf sich alleine gestellt durch die gentrifizierten Stadtviertel streift und sich nach einem "Haus in Lübars" sehnt. Der 37-Jährige wirkt entwurzelt und zerrissen zwischen seiner Sehnsucht nach ländlicher Langeweile und Abscheu gegen die kleinbürgerliche Seele. Mit Josi Miller schlendert er bei "Wiese & Weide" Hand in Hand durch sein Heimatkaff, während ein anrollender Drum-&-Bass-Beat die Idylle aufmischt. Bei "Zum Griechen" erzählt er zusammen mit Mehnersmoos über die Melodie von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" vermeintlich spaßig über geplatzte Träume und die Monotonie auf dem Land.

Schwanken die Inhalte seines bisher besten Solowerks zwischen atemloser Ohnmacht und Zynismus, ist die Musik auf "No country for old grim" eine einzige Liebeserklärung an Hip-Hop und all seine vielen Spielarten. "Schüsse auf den Listenhund" ist klassischer East Coast Boombap, "Unvernünftig" zusammen mit der Dortmunderin Katanna technoides Geballer. Ikkimel-Produzent Admiral Klatsch hat für "Nie so cool" einen wummernden Beat zusammengeschraubt, der ein bisschen an Sleaford Mods erinnert. Das Musikvideo dazu ist ein kleiner Kurzfilm: Grim104 kehrt nach einem zwanzigjährigen Hausverbot auf die Festbühne seiner Heimatstadt zurück und feuert der alkoholisierten Menge sein "Ich werde bis zum Ende aller Tage cooler als ihr sein" entgegen, was verständlicherweise nicht auf viel Gegenliebe stößt. Der Sheriff im Film der Coen-Brüder wirft am Ende deprimiert die Flinte ins Korn. Grim104 stellt sich mit seiner Musik ganz offensiv allen Dämonen.

(Andreas Rodach)

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Highlights

  • Mantra
  • Artist Dinner mit dem Crazy Frog
  • Nie so cool
  • Unvernünftig (feat. Katanna)

Tracklist

  1. No country for old grim
  2. Mantra
  3. Haus in Lübars
  4. Artist Dinner mit dem Crazy Frog
  5. Schüsse auf den Listenhund
  6. Nie so cool
  7. Hinter der Tür (feat. Crimson Bloom)
  8. Unvernünftig (feat. Katanna)
  9. Zum Griechen (feat. Mehnersmoos)
  10. Wiese & Weide (feat. Josi Miller)
  11. Monstera
  12. MF Doom (feat. Kamp)
  13. Nie allein
  14. Break the law

Gesamtspielzeit: 38:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

mrnovember

Postings: 459

Registriert seit 10.10.2019

2026-03-31 11:45:18 Uhr
Sein Debüt ist für mich das beste Rap Album und eines der besten deutschsprachigen Alben überhaupt. Auch Imperium fand ich absolut großartig, mit dem letzten Album konnte ich nicht mehr so viel anfangen.

No Country for Old Grim gefällt mir auf Anhieb wieder sehr. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob Songs wie Crazy Frog (trotz großartigem Text) nicht den Albumfluss etwas zu sehr stören.

Arne L.

Postings: 2999

Registriert seit 27.09.2021

2026-03-30 14:58:04 Uhr
Hab Grim schon etwas länger nicht mehr aktiv gehört, aber jetzt aus verschiedenen Gründen ins neue Album reingehört und der ist schon eine wahnsinnig einzigartige Erscheinung im Deutsch-Rap. Das kann man bestimmt hier und da auch anstrengend finden, aber der hat immer etwas zu sagen und eine eigene Art, das zu tun.

Kukeruku

Postings: 1

Registriert seit 29.03.2026

2026-03-29 19:43:18 Uhr
Mir gefällt das Album sehr gut. Finde die Bewertung daher auch völlig okay. Geiles Storytelling, musikalisch abwechslungsreich und als Berliner mit Dorfhistorie hat man nochmal eine ganz andere thematische Identifikation mit Grims Themen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30439

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-29 12:26:02 Uhr
Transparenzhinweis: Gegenüber der Version des Albums, die wir für die Rezension vorliegen hatten, wurde offenbar noch ein Song ausgetauscht. Wir haben die Rezension angepasst, an der Bewertung änderte sich nichs.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30439

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-25 20:38:05 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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