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José González - Against the dying of the light

José González- Against the dying of the light

City Slang / Rough Trade
VÖ: 27.03.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Pages burn but words return

Wenn sich ein Interpret wie José González nach etwa fünfjähriger Pause wieder mit einem Album meldet, dann ist das unabhängig von den persönlichen Folk-Vorlieben eine gute Nachricht. Denn schon alleine die inspirierende Vita des Schweden rechtfertigt eigentlich eine längere Auseinandersetzung. Wenn man jedoch ferner beginnt, diesem überaus intelligenten Mann, der ohne seine musikalische Karriere stattdessen Doktor in Biochemie geworden wäre, in Interviews oder eben auf seinen Alben zuzuhören, wie er auf die Welt im Allgemeinen blickt, dann eröffnen sich häufig für einen selbst neue Perspektiven. Die Interpretation von Folk, welche González pflegt, ist – historisch akkurat – als subversive Protestform zu sehen. Das bedeutet zumeist, dass man beim ersten oder auch zweiten Hinhören gar nicht merkt, wie viel Sprengstoff eigentlich in seinen Texten verborgen liegt, bis es dann irgendwann, klammheimlich und zeitverzögert, die trägen Synapsen verbindet. Ein treibend-düsteres Beispiel hierfür ist direkt der Anfangstitel "A perfect storm", der mit Zeilen wie "Hey now! It's not random / If we're the ones to cause the storm" zunächst einen recht typischen, mit leicht revolutionärer Stimmung anmutenden Empowerment-Slogan zu singen scheint. Bis man realisiert, dass die Zeilen in den folgenden Wiederholungen dieser Bridge eben nicht mehr "if", sondern "when we're the ones to cause the storm" lauten. Mit freiem Willen hat der Widerstand gegen ausbeuterische Eliten-Werkzeuge also gar nichts zu tun, da er schlicht alternativlos ist und der Mensch in diesem Kontext wenig mehr als eine reine Reiz-Reaktions-Maschine ist. People can't prevent history.

So subtil und feingliedrig sich die Lyrics gestalten, so straight und kanonisch verbindend wirkt die Gitarrenarbeit. Stilistisch auffällig dabei ist das vermehrte Plucking, welches González auf diesem Album einsetzt. Es gibt den Stücken einerseits einen etwas dissonanten, windschiefen und damit irgendwie bodenständigeren Charakter, dient mit seinen hellen Tonspitzen aber auch oft als instrumentale Brücke, wenn die Songs in ein anderes Soundpattern ausbrechen. Ein wenig erinnert einen das, auch wenn es sich um gänzlich andere Genres mit anderen Grundemotionen handelt, an die "Dreaming of revenge"-Ära von Kaki King. "Losing game (Sick)" im Zentrum des Albums greift denselben Grundton dann nochmals auf, um mit seinen verklausulierten Lyrics ("Thought we were the ones in control / Not even close") diesen Kulturkampf auf die Ebene des unreflektierten Umgangs mit künstlicher Intelligenz zu ziehen und damit allen vorherigen Titeln nochmal einen Kontext gibt, den man beim ersten Hördurchgang so nicht unbedingt vermutet hat. González fungiert zum einen als aufrichtiger Aufklärer, bedient sich dafür aber zur Demonstration genau der Fallensteller-Methoden, welche hier angeprangert werden.

In der zweiten Hälfte des Albums, nachdem das Grundthema des Aufstands der Maschinen nun hinreichend etabliert ist, wagt sich González etwas weiter dorthin vor, wie man dieser Situation denn nun begegnet. Mit "U / Rawls slöja" referenziert er dabei zum Beispiel das Standardwerk "A theory of justice" von John Rawls, dessen Kernkonzept "Schleier (schwedisch 'slöja') des Nichtwissens" bis heute dazu dient, wie man gesellschaftliche Entscheidungsprozesse denn möglichst fair gestalten kann. González' Antwort liegt somit in sehr akademischer Art und Weise weniger in dem Versuch konkreter Lösungsvorschläge, sondern erstmal darin, sich im Bewusstsein des Problems hinreichend kognitives Rüstzeug zuzulegen. Das Album schafft es beeindruckend gut, sich wirklich tiefgehend mit den darin aufgeworfenen Fragestellungen und Referenze n beschäftigen zu wollen und lässt einen die eigentliche musikalische Darbietung bisweilen etwas vergessen. Im Kern ist das aber genau der Teil, welcher aus einem Musiker letztendlich einen Künstler macht.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • A perfect storm
  • Losing game (Sick)
  • U / Rawls slöja

Tracklist

  1. A perfect storm
  2. Etyd
  3. Against the dying of the light
  4. For every dusk
  5. Sheet
  6. Pajarito
  7. Losing game (Sick)
  8. Ay querida
  9. U / Rawls slöja
  10. Gymnasten
  11. Just a rock
  12. You & we
  13. Joy (Can't help but sing)

Gesamtspielzeit: 45:22 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Lucas mit K

Postings: 489

Registriert seit 19.07.2024

2026-03-29 08:41:30 Uhr
„You & We“ ist so schön. Ragt für mich gerade heraus.

Und ich mag es sehr, dass er neben Englisch auch auf Schwedisch und Spanisch singt.

MickHead

Postings: 10825

Registriert seit 21.01.2024

2026-03-27 10:18:53 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://josgonzlez.bandcamp.com/album/against-the-dying-of-the-light

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/jose-gonzalez-against-the-dying-of-the-light/

Musikexpress 4/6

https://www.musikexpress.de/reviews/jose-gonzalez-against-the-dying-of-the-light/

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30439

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-25 20:37:51 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

Postings: 10825

Registriert seit 21.01.2024

2026-02-24 12:19:09 Uhr
3. Song "A Perfect Storm"

https://youtu.be/Eb5EEwnxhDI?si=QYWnNO6GP_4N_-_M

Lucas mit K

Postings: 489

Registriert seit 19.07.2024

2026-01-13 12:24:30 Uhr
Angenehm unaufgeregt. Mag ich. Das Debüt habe ich damals rauf und runter gehört. Seitdem ist José González bei mir ziemlich in Vergessenheit geraten. Freu mich auf das neue Album.
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